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Präsidiale Ansprachen : Politisches Weihnachten

Puristische Weihnachtsansprache 1971: Bundespräsident Gustav Heinemann Bild: Ullstein

Vor 50 Jahren tauschten Gustav Heinemann und Willy Brandt die Ansprachen. Seitdem ist für die Weihnachtsbotschaft im Fernsehen der Bundespräsident zuständig. Warum dieser Wechsel geschah, hat auch politische Gründe.

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          Die Mütter und Väter des Grundgesetzes hatten sich keine Gedanken darüber gemacht, welcher Repräsentant des Staates in der künftigen Bundesrepublik alljährlich die Ansprachen zu Weihnachten und Neujahr halten sollte. Doch die Rollenverteilung zwischen Bundeskanzler und Bundespräsident, so wie sie im Grundgesetz festgeschrieben wurde, hätte die Antwort nahegelegt: Der Bundespräsident als Mann für das Überparteiliche, Repräsentative und Harmonische hält die Weihnachtsansprache, und der Bundeskanzler als Mann für die oft wenig besinnliche Tagespolitik wendet sich Silvester an die Bürger.

          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.

          Derartige Überlegungen haben Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss offenkundig jedoch nicht überzeugt. Sie verständigten sich 1949 auf die umgekehrte Variante: Adenauer hielt die erste Weihnachtsansprache und Heuss die erste Neujahrsansprache, damals noch nicht im Fernsehen, sondern nur im Rundfunk. So blieb es zunächst auch nach dem Ende der Kanzlerschaft Adenauers, bis Bundeskanzler Willy Brandt und Bundespräsident Gustav Heinemann 1970 mit der Tradition brachen und einen Tausch vereinbarten: Vor 50 Jahren hielt zum ersten Mal ein Bundespräsident die Weihnachtsansprache und ein Bundeskanzler die Neujahrsansprache.

          Mit Willy Brandt kam eine tiefe Zäsur

          Über die Gründe für die aus heutiger Sicht erstaunliche Entscheidung Adenauers und Heuss’ können Historiker bislang nur spekulieren; in der gedruckten Korrespondenz der beiden Politiker findet sich keine Erklärung dafür. Die Historikerin Gudrun Kruip vermutet, dass diese Regelung auf einen Vorschlag von Heuss zurückgeht. Heuss habe sich für die Symbolpolitik der jungen Bundesrepublik verantwortlich gefühlt und mehr als Adenauer in historischen Bezügen gedacht, sagte die Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart der F.A.Z. Heuss’ Vorbild könnte in diesem Fall der von ihm sehr geschätzte Reichspräsident Friedrich Ebert gewesen sein, der ebenso wie sein Nachfolger Paul von Hindenburg in der Weimarer Republik Neujahrsansprachen gehalten habe. Diese hätten sich allerdings vor allem an das diplomatische Corps oder die Reichsregierung gerichtet, erklärt Kruip. Als überzeugtem Katholiken sei Adenauer eine Ansprache zu Weihnachten zudem möglicherweise ohnehin entgegengekommen.

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          Schon in Adenauers Ansprachen weihnachtete es nicht nur: Es ging um den Kalten Krieg, die europäische Einigung und den Wiederaufbau. Und um politische Botschaften: So kündigte er in seiner Weihnachtsansprache 1950 an, dass die Entnazifizierung jetzt abgeschlossen werde, weil sie nicht geeignet gewesen sei, die „echte menschliche Schuld festzustellen und zu ahnden“. Bei aller Politik kam der erste Bundeskanzler bisweilen einer Weihnachtspredigt aber doch noch recht nahe: „Wir wollen daran denken, dass wir das Fest der Geburt des Heilands begehen, des Sohnes Gottes, der in die Welt kam, um den armen und gehetzten Menschen Frieden zu bringen“, sagte er etwa in seiner Weihnachtsansprache 1951, die besonders pastoral ausfiel. Sie endete mit den Worten des Weihnachtsevangeliums: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.“

          Eine tiefe Zäsur in den Weihnachtsansprachen der Bundeskanzler stellt der „Machtwechsel“ im Jahr 1969 dar, der Einzug Willy Brandts in das Kanzleramt. Brandt machte schon in seiner ersten Weihnachtsansprache im selben Jahr unmissverständlich klar, dass er kein Mann für diesen Anlass sei, und begann seine Rede mit den Worten: „Gefühlvolle Deklamationen sind nicht meine Sache. Verantwortliches politisches Handeln zwingt zum nüchternen Denken.“

          Alles Weihnachtliche und Christliche reduzierte Brandt in seiner Ansprache radikal auf einen einzigen, aber kühnen Satz über Deutschlands künftige Rolle in der Welt, mit dem er seiner Außenpolitik nebenbei selbst den göttlichen Segen erteilte: „Eine Friedensmacht zu sein, das ist im besonderen Maße die Herausforderung der Botschaft Christi, die den Menschen vor zwei Jahrtausenden zuteilwurde“, sagte der Kanzler der „Neuen Ostpolitik“. Mehr Weihnachten wollte Brandt nicht wagen. Es blieb seine einzige Ansprache am 24. Dezember. Die Zeitschrift „Die Zeit“ schrieb damals, hinter der Vereinbarung mit Heinemann, die Ansprachen zu tauschen, habe die Überlegung gestanden, dass Heinemann sich dann mehr zu sozialen Themen äußern und Brandt sich auf das Politische konzentrieren könne.

          Und das tat Heinemann, der frühere Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, dann auch ausgiebig in seiner ersten Weihnachtsansprache. Zum ersten Mal tauchten „Gastarbeiter“ an prominenter Stelle in einer solchen Rede auf. Heinemann zählte sie am Anfang seiner Rede als ein Beispiel für all jene Menschen auf, die Weihnachten allein fernab von ihren Familien verbringen müssten. Außerdem wendet sich Heinemann gegen eine Diskriminierung behinderter „Mitbürger“ – eine für damalige Verhältnisse geradezu revolutionäre Bezeichnung. Heinemann scheute allerdings auch nicht davor zurück, zu Weihnachten Enttäuschungen hervorzurufen: Viele Bürger erwarteten offenbar von ihm, dass er für Einigkeit der Parteien untereinander und für Ruhe in der Politik sorgen müsste, sagte er. „Hier muss ich ganz klarstellen: Das kann ich nicht, und das will ich nicht.“

          Zumindest Hape Kerkeling beeindruckte die erste Weihnachtsansprache Heinemanns als sechs Jahre alten Jungen dennoch so stark, dass er, wie er in seiner Autobiographie schreibt, seiner Mutter sagte: „Wenn ich groß bin, will ich ins Fernsehen!“

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