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Neue Chefs bei CDU und CSU : Vom Zauber des Anfangs

  • -Aktualisiert am

Markus Söder (l.) und Annegret Kramp-Karrenbauer am Samstag beim CSU-Sonderparteitag in München Bild: AFP

„Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, sang einst Jürgen Marcus. Aber was heißt das für die CSU und Markus Söder? Eine Glosse.

          Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, heißt es bei Hermann Hesse – womöglich halten es profanere Geister aber lieber mit Jürgen Marcus, dem Jean-Paul Sartre unter den Existenzialisten der Schlagerliteratur: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, sang er einst in luzider Klarheit, was faktisch aber eigentlich dasselbe ist, nananananana. Sicher läuft das Lied im Konrad-Adenauer-Haus in Dauerschleife, seit der Himmel mit Annegret Kramp-Karrenbauer (fast) nur noch voller Geigen hängt und alle Obergrenzen, Regionalkonferenzen und Stichwahlen im Vor-Merz der Vergangenheit versunken sind.

          Was Marcus seinerzeit schon richtig erkannte, gilt eben auch für die Politik: Wenn man endlich die Richtige gefunden hat, dann ist aller Groll aus der Zweckbeziehung davor, den man immer vergeblicher  hinunterzuschlucken versuchte, wie weggeblasen und plötzlich alles ganz einfach. Zumindest bis zum nächsten Parteitag oder bis zur bitteren Erkenntnis, dass womöglich auch die neue Lebensabschnittsgefährtin weder zaubern noch ostdeutsche Bundesländer im Alleingang von angeblichen Alternativen oder Aufbrüchen kurieren kann.

          Was, wenn keine neue Liebe in Sicht ist?

          Aber genug der Trübsal, es geht hier doch um einen neuen Anfang und den unvergleichlichen Zauber, den er bedeuten kann. Sicher würde auch die SPD gern nur noch einmal Vergleichbares empfinden. Auch wenn die Genossen mit großen Gefühlen bekanntlich vorsichtig geworden sind, seit sie schmerzlich erfahren mussten, dass selbst eine 100prozentige Liebe schneller erkalten kann als ein Buchhändler „AKK“ buchstabiert.

          Außerdem helfen ja selbst die stärksten Endorphine nichts, wenn weit und breit schlicht keine neue Liebe in Sicht ist. Denn selbst, wenn viele Genossen neidisch auf die mitreißende Castingshow geschielt haben dürften, die die Christdemokraten mit ihren Regionalkonferenzen und der Wahl AKKs hingelegt haben – eine vergleichbare Veranstaltung bei den Sozialdemokraten ginge derzeit eher als eine Art Dschungelcamp durch: überschaubare Strahlkraft, dafür aber umso unaussprechlichere Prüfungen (Ordne die Umfragetiefs der letzten vier Wochen chronologisch und berechne dann die Quersumme). Und wer als Erster rausfliegt, wird Kanzlerkandidat. 

          Der Zauber des Anfangs ist also, horribile dictu, immer auch eine Frage der Möglichkeiten. Leider weist die einschlägige Literatur bei Jürgen Marcus und Hermann Hesse ausgerechnet in diesem Punkt irritierende Interpretationslücken auf. Vielleicht ist es aber auch zu viel verlangt, in der Politik immer nur auf die ganz großen Gefühle zu setzen.

          Nehmen wir zum Beispiel die CSU: Zu sagen, dass die Liebe der Christsozialen zu ihrem neuen Vorsitzenden heiß und bedingungslos sei und sie sich durch ihn wie „neu geboren“ fühlten, wie Jürgen Marcus seinerzeit auf seiner rosaroten Wolke vor sich hin schmachtete, wäre womöglich zu viel des Guten. Auch, dass man in München jetzt nur noch „heiter Raum um Raum durchschreiten“ würde, wie Hesse es in seinem Stufengedicht beschrieb, käme sicher selbst Söder nicht über die Lippen.

          Pragmatismus schadet nie

          Aber macht das den neuen Anfang automatisch auch weniger nachhaltig? Das ist nicht gesagt, auch sachliche Romanzen können schließlich lange halten, bis ihnen dann, wie bei Kästner, nach acht Jahren endgültig alle Liebe abhandenkommt. Aber in solchen Zeiträumen rechnet heutzutage ja nicht einmal mehr die CSU.

          Nein, Pragmatismus schadet nie, nicht in der Liebe und erst recht nicht in der Politik. Nur bei den Briten ist er leider noch immer nicht die Parole der Stunde. Dabei sollte es mittlerweile auch dem liebestrunkensten Britannen alle Endorphine ausgetrieben haben, dass der Zauber des (Neu)Anfangs, der dem Brexit angeblich innewohnen sollte, sich als ein Geist entpuppte, den die Zauberlehrlinge Cameron, Johnson und Farage riefen und den die Insel nun nicht mehr loswird.

          Sicher hat mancher in London seinen Hesse längst erbost in die Themse geworfen und liest seitdem nur noch Erich Fried: „Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. […] Es ist lächerlich, sagt der Stolz. […] Es ist, was es ist (sagt die EU).“

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