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Zwischen Leber und Milz: Training für den rechten Haken Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Rechter Haken

Würde Andreas Kalbitz nicht besser zum Abou-Chaker-Clan passen als zu den Weicheiern in der AfD? Die haben sogar einen Rommel.

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          Goethes Zauberlehrling war vielleicht der erste, aber nicht der einzige Rapper, der die Geister nicht mehr loswurde, die ihm dienen sollten. Diese Erfahrung machte nun auch Anis Ferchichi, besser bekannt unter seinem Kriegsnamen Bushido. Der Musiker hatte sich von seinem langjährigen und ebenfalls prominenten Geschäftspartner Arafat Abou-Chaker trennen wollen, was den Clanchef so aufbrachte, dass er sich vor einem Berliner Gericht verantworten muss wegen schwerer räuberischer Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Untreue.

          Angeklagt wurden auch Brüder des Clan-Oberhaupts, die zwar, wie sie in der Verhandlung angaben, über keine Berufsausbildung verfügen, aber über bemerkenswerte Vornamen. Sie heißen Nasser, Yasser und Rommel.

          Ja, Rommel. Wie der Wüstenfuchs. Nach dem werden nicht mehr viele Söhne Deutschlands benannt, weil Rommel einer von Hitlers Lieblingsgeneralen war, bevor er von diesem zum Selbstmord gezwungen wurde. Man stelle sich nur vor, was los wäre, wenn es auf dem Spielplatz hieße: „Schau mal, der kleine Rommel, wie süß!“ Auch einen Spielzeugpanzer könnte man dem Buben nicht mehr schenken, ohne einen Shitstorm am Sandkasten auszulösen.

          Solche Berührungsängste gibt es in der arabischen Welt wohl nicht. Mubarak hatte sogar einen General, der mit Vornamen Hitler hieß. Adolf war den Eltern wohl zu uneindeutig gewesen.
          Soll man den Abou-Chaker-Clan, der sich vieles vorwerfen lassen muss, aber auch noch dafür kritisieren, dass er einem seiner Sprösslinge einen deutschen Vornamen gab? Ist das nicht ein Zeichen für gelungene Integration?

          Der Mann hat es, wenn auch unter noch nicht genau geklärten Umständen, immerhin zu einem AMG-Mercedes gebracht, mit dem er am Gericht vorfuhr. Erwin Rommel dagegen musste sich meistens mit einem Kübelwagen begnügen.

          Dieser komplexe Fall überfordert offenbar sogar die AfD: Was sagt man bloß zu einem mutmaßlichen Kriminellen mit Migrationshintergrund, der den Namen eines Generalfeldmarschalls der Wehrmacht trägt, der zum Widerständler wurde? Deutscher geht es ja kaum.

          Da war die AfD wohl froh, dass sie sich mit dem gefallenen Helden in den eigenen Reihen beschäftigen konnte, dessen ansatzlos geschlagener rechter Haken selbst Mike Tyson beeindrucken dürfte. Wo Andreas Kalbitz seinem Parteifreund Hohloch doch nur freundschaftlich in die Seite geboxt haben will. Danach passte zwischen Leber und Milz aber nicht einmal mehr ein Pils. Hier sieht man, wie riskant die Corona-Begrüßungen mit Faust und Ellbogen sein können! Zum Glück setzte Kalbitz nicht die Fußspitze zum Hallo-Sagen ein, denn dann hätte es bei Hohloch noch an ganz anderen Stellen Risse und Sprünge geben können.

          Doch auch schon die Milz-Ruptur kostete Kalbitz endgültig den Fraktionsvorsitz. Denn nun muss man den Verdacht hegen, dass er nicht nur seine Mitgliedschaft in der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ verschwieg, sondern auch seine Titel im heimattreuen Kickboxen.

          Doch darf man das Ganze auch nicht zu einseitig sehen: Woher sollte Kalbitz denn wissen, dass der AfD-Kamerad nicht hart wie Kruppstahl, ja nicht einmal zäh wie Leder ist, sondern weich und wehleidig wie ein Windhund? Na ja, ein Blick auf Hohlochs Vornamen hätte Kalbitz warnen können. Denn Hohloch heißt nicht Hermann, Horst oder wenigstens Rommel, sondern: Dennis.

          Die Gebrüder Abou-Chaker scheinen da aus einem ganz anderen Holz geschnitzt zu sein als der Weicheier-Flügel in der AfD. Würde der nun ebenfalls ein Berliner Gericht bemühende, dort aber fürs Erste abgeblitzte Kalbitz also nicht besser zu den Abou-Chakers als zu den Meuthens passen? Der Clan braucht jetzt ja einen Ersatzmann für Bushido. Und Kalbitz soll, wie ein AfD-Mann berichtete, auch früher schon umstandslos einem Mitarbeiter „in die Fresse geschlagen“ haben. Wenn das keine Empfehlung für die Aufnahme in eine andere schlagende Verbindung ist!

          Nur Kalbitz’ Vorname klingt für eine Karriere im Abou-Chaker-Clan ein bisschen zu harmlos. Er benötigt wie Anis Ferchichi also einen Nom de Guerre. „Parteikrebs“, wie ein Mitstreiter Kalbitz nannte, ginge zur Not. „Milzbrand“ hätte auch was. Am besten fänden wir jetzt aber doch „Max Schmähling“.

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