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Erschossener Politiker Lübcke : Seine Liebe zum Leben hat ihn stark gemacht

  • -Aktualisiert am

Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, spricht bei dem Trauergottesdienst zum Gedenken des getöteten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Bild: dpa

Mehr als 1000 Trauernde haben des erschossenen Regierungspräsidenten Walter Lübcke in Kassel gedacht. Hessens Ministerpräsident Bouffier und Bischof Martin Hein ehren den Verstorbenen mit persönlichen Worten.

          Vor dem Portal der Martinskirche in der Innenstadt von Kassel diskutieren Bürger erregt über den nach fast zwei Wochen noch immer nicht aufgeklärten gewaltsamen Tod des Regierungspräsidenten Walter Lübcke. „Hoffentlich kriegen die raus, wer das gewesen ist“, sagt eine Frau. „Das war ein feiger Mord, das Opfer hatte keine Chance, sich zu wehren“, befindet ein Mann. Drinnen, in der Kirche, haben sich mehr als tausend Menschen versammelt, um mit einem Trauergottesdienst Abschied von dem fünfundsechzigjährigen CDU-Politiker zu nehmen, der Anfang des Monats auf der Terrasse seines Hauses im kaum 20 Kilometer entfernten Wolfhagen-Istha mit einem Kopfschuss getötet worden ist.

          Die Fahne des Landes Hessen liegt auf dem aufgebahrten Sarg, drei Polizisten und drei Bundeswehrsoldaten halten Ehrenwache. In ganz Hessen sind an diesem Tag die Flaggen bei den oberen Landesbehörden auf Halbmast gesetzt. Zu den Trauernden in St. Martin, dem größten Kasseler Gotteshaus, gehören die früheren Ministerpräsidenten Hans Eichel (SPD) und Roland Koch (CDU), alle Minister der derzeitigen schwarz-grünen Landesregierung, Mitglieder der im Landtag vertretenen Parteien, politische Weggefährten, Vertreter des öffentlichen Lebens und die Familienangehörigen Lübckes. Mehrere hundert Menschen verfolgen den feierlichen Akt auf einer Videoleinwand neben der Kirche.

          Weiße und rote Rosen

          Lübckes Witwe, seine beiden Söhne und Schwiegertöchter legen zu Beginn des Gottesdienstes je eine rote Rose auf den Sarg, Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), seine Frau Ursula und der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, fügen drei weiße Rosen hinzu. Weiß und rot sind die hessischen Landesfarben.

          Hinter dem Sarg steht ein großes Schwarz-Weiß-Foto des Toten. „So war er“, sagt Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) mit Blick auf das Porträt Lübckes. Er nennt den Verstorbenen einen politischen Weggefährten, der ihm über fast 40 Jahre hinweg zum Freund geworden sei. Lübcke, so Bouffier, sei ein in seiner Heimat Nordhessen verwurzelter, volkstümlicher, authentischer und pragmatischer Politiker gewesen. „Er war wirklich beliebt, aber er war nicht beliebig.“

          Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier: „Er war wirklich beliebt, aber er war nicht beliebig.“

          Der „engagierte Demokrat“ habe sich den Luxus geleistet, so zu sein, wie er wollte, und genau deshalb sei er bei vielen Menschen populär gewesen, sagte der Regierungschef. Lübcke habe klare Wertvorstellungen gehabt, und dazu den Mut, sie mit deutlichen Worten zu vertreten. Auch als Landtagsabgeordneter von 1999 bis 2009 und im Anschluss daran als Kasseler Regierungspräsident sei Lübcke nie unnahbar geworden, sondern habe stets das Gespräch auch mit seinen Kritikern gesucht. Lübcke selbst habe von sich gesagt, dass er immer „der Junge vom Dorf“ geblieben sei, berichtete Bouffier.

          Die Würde des Menschen im Netz

          Der Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, bezeichnet die Tötung Lübckes als „feige Gewalttat“, die hoffentlich nicht ungesühnt bleiben werde. Zur Grausamkeit des Verbrechens komme die Ungewissheit: „Wer war es?“ Der Bischof geht, wie Bouffier, auf die Schmähungen ein, der die Familie Lübckes nach dessen Tod in den sozialen Netzwerken ausgesetzt gewesen sei. Die Widerwärtigkeiten, die dort unter anderem wegen des Engagements des Regierungspräsidenten für Flüchtlinge anonym geäußert wurden, seien unerträglich. „Die Würde des Menschen, auch eines verstorbenen Menschen, muss unantastbar bleiben, auch im Netz“, sagt Hein.

          Lübcke, so der Bischof, sei ein überzeugter Christ und „ein Mann des klaren Wortes und der klaren Tat“ gewesen. In der Flüchtlingskrise 2015 habe er ihn als einen pragmatischen und unkonventionellen Politiker erlebt, der vermittelt habe, „was zu schaffen war, wenn man wollte“. Die offene Aggressivität, der Lübcke wegen seines Einsatzes für Flüchtlinge schon damals ausgesetzt gewesen sei, habe den Politiker tief getroffen. Umrahmt wird der Gottesdienst von Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Johann Sebastian Bach. Zwischendurch spielen Bläser des Heeresmusikkorps den, im getragenen Tempo komponierten Reitermarsch des großen Kurfürsten. „Noch kann ich es nicht fassen“, heißt das erste von der Gemeinde gesungene Lied. Der plötzliche gewaltsame Tod Lübckes habe alle, die ihn gekannt hätten, bestürzt und fassungslos gemacht, sagt Bouffier.

          Christoph Lübcke, der ältere der beiden Söhne, zitiert im Wechsel mit Bischof Hein aus der Bergpredigt. Dann erinnert er sich an seinen Vater als einen Mann, der seine Kinder gelehrt habe, das Leben aktiv anzugehen, ehrlich und fleißig zu sein. „Wir hatten noch so viel gemeinsam vor“, sagt der Sohn mit brechender Stimme. Und angesichts seiner bevorstehenden Pensionierung hätte Walter Lübcke bald sogar viel Zeit für seinen gerade erst geborenen ersten Enkel gehabt. Die Familie werde versuchen, nicht die Liebe am Leben zu verlieren, denn gerade diese habe seinen Vater so stark gemacht, sagt der Sohn. „Das Glas war aus seiner Sicht immer halbvoll.“

          Am Samstag soll Walter Lübcke im engen Familienkreis in seinem Wohnort Istha beerdigt werden. Die Suche nach dem, der ihn getötet hat, geht weiter.

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