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Wahlkampf : Merkels Truppe

  • -Aktualisiert am

Angriffsflächen für den Wahlkampf liefert die Union derzeit in Hülle und Fülle. Eigentlich könnten sich die Genossen also in Ruhe aussuchen, wo sie zuerst angreifen - wenn sie sich nicht mit Tempo-120-Diskussionen selbst außer Gefecht setzen würden.

          Überraschende Ereignisse können Wahlen entscheiden. Jedenfalls, wenn es knapp ist zwischen den Lagern, so wie jetzt. Ein Fluss, der über die Ufer tritt, kann wichtig werden, wie im Jahr 2002, als der Sozialdemokrat Gerhard Schröder in der Rolle des Kämpfers gegen die Elbeflut seinem Herausforderer Edmund Stoiber von der CSU den Wahlsieg knapp entwand. Sogar aufgeblasene Ereignisse können die Wahlbürger beeinflussen. Denn Schröder kämpfte nicht nur gegen das Hochwasser, sondern auch gegen die deutsche Beteiligung am Irakkrieg, die niemand verlangte.

          Andererseits können spektakuläre Ereignisse ohne jede Wirkung auf die Wahl bleiben. So nutzte Angela Merkels Herausforderer Frank-Walter Steinmeier die Bombardierung zweier Tanklaster in Afghanistan auf deutschen Befehl mit vielen Toten als Folge im Jahr 2009 nicht, um sich wenige Wochen vor der Bundestagswahl gegen Merkel mit einer Kehrtwende in der Afghanistanpolitik zu profilieren und den Abzug zu fordern. Steinmeier war mehr Außenpolitiker als Wahlkämpfer.

          Die Kanzlerin sollte sich nicht darauf verlassen, dass die Herren Steinbrück und Gabriel vergleichbare Topchancen diesmal verstreichen ließen. Daher gibt es Grund zur Unruhe im Kanzleramt. Nicht genug damit, dass niemand weiß, welche Überraschung noch aus welchem Flussbett steigt. Merkels Truppe produziert schon ganz alleine so viel Angriffsfläche, dass die Genossen sich in Ruhe aussuchen können, wo sie hinschießen - sobald sie aufhören, mit Tempo 120 eigene Fettnäpfe anzusteuern.

          Plagiatsaffäre, Energiewende

          Allein in diesem Jahr haben vier jener Politiker, die zu den Säulen des Merkelschen Wahlkampfs gehören sollten, schwere Explosionen im eigenen Lager ausgelöst. Annette Schavan, eine der engsten Vertrauten der Kanzlerin, musste im Februar den Posten der Bildungsministerin abgeben, weil sie bei der Abfassung ihrer Doktorarbeit mit den wissenschaftlichen Regeln zu großzügig umgegangen war. Für eine Partei, die ihre Anhängerschaft im bildungsbeflissenen Bürgertum hat, ist das ein schwerer Schlag.

          Wenig später entglitt dem nächsten Merkel-Vertrauten ein Thema, das ganz oben auf der Wir-können-das-Liste der Union hatte stehen sollen. Umweltminister Altmaier scheiterte im April schon beim ersten großen Schritt in Richtung Energiewende. Der Versuch, die Strompreise unter Kontrolle zu halten, wurde abgeblasen. Seither ist es leicht für Rot und Grün, der Union die Kompetenz in der Energiepolitik abzusprechen.

          Verwandtenaffäre, Drohnendesaster

          Als nächster ging Horst Seehofer ins Rennen gegen Angela Merkel. Offenbar übersah er jahrelang, dass die von ihm geführte CSU den Angehörigen von Politikern Jobs auf Kosten des Steuerzahlers besorgte. Die schwäbische Hausfrau, deren Finanzgebaren die Kanzlerin einst lobte, findet so etwas nicht in Ordnung. Das schadet nicht nur der bayerischen Schwesterpartei der CDU. Seit 1949 liefert die CSU rund 20 Prozent aller Unionsstimmen bei Bundestagswahlen. Auf allzu viele davon kann die CDU-Vorsitzende nicht verzichten.

          Bleibt als vorerst letzter Eigentorschütze: der Merkel ebenfalls eng vertraute Verteidigungsminister de Maizière. Was auch immer er noch an Aufklärung beisteuern kann - sein Drohnen-Desaster wird den Steuerzahler Hunderte Millionen Euro kosten. Ganz gleich, wie groß de Maizières eigener Anteil daran ist, liefert es den Sozialdemokraten ein perfektes Argument gegen das Klischee, nur die (selbsternannten) bürgerlichen Parteien könnten mit Geld umgehen.

          Merkel im Alleingang

          Von derartigen Helden umringt, tut Angela Merkel das, was sie seit jeher am besten kann und was zum Charakter eines jeden echten Spitzenpolitikers gehört: Sie verlässt sich ganz auf sich selbst. Dass sie politischen Ballast in dem Moment abwirft, wo sie ihn als solchen empfindet, musste besonders schmerzhaft der vermeintliche Hoffnungsträger Norbert Röttgen erleben. Auch Annette Schavan nutzte die Nähe zu Merkel nichts, als diese sie als Belastung empfand. Altmaier und de Maizière werden wissen, dass sie nicht auf gnädigere Behandlung hoffen dürfen, sollte die Waage der Wahlkämpferin Merkel sich eines Tages zu ihren Ungunsten neigen.

          Derweil versucht Merkel im kleinen Kreis von achtzig Millionen Deutschen ganz zu sich selbst zu kommen. Aus der kühlen Physikerin der Macht soll der Mensch Merkel werden, der mit den Redakteurinnen einer Frauen-Zeitschrift über die Attraktivität von Männeraugen spricht. Wirklich von den Socken wäre man inzwischen nicht mehr, wenn demnächst eine Homestory aus der Datsche ausgestrahlt würde: Angela Merkel mit Deutschlands First Husband Joachim Sauer auf der Hollywoodschaukel in der Abenddämmerung. Deutschland, vergiss Deine Drohnen, Du hast ja die Kanzlerin.

          Vielleicht sind die Wahlkampfstrategen der CDU ja schon dabei, der SPD auch noch das letzte Heiligtum zu entwenden, indem sie das Willy-Brandt-Plakat von 1972 raubkopieren und mit dem Slogan „Angela wählen!“ ins Rennen gehen.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

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