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Wahlkampf in Hamburg : Der Islam gehört auch zur AfD

Der Hamburger AfD-Spitzenkandidat Jörn Kruse Bild: dpa

Ob die AfD auch im Westen der Republik erfolgreich sein kann, entscheidet sich in Hamburg. In der Großstadt müht sich die Partei um liberale Positionen.

          Im Straßenwahlkampf muss Jörn Kruse auch Erniedrigungen hinnehmen. Neulich stand der Hamburger AfD-Spitzenkandidat an einem Infostand seiner Partei, ein Kameramann des NDR filmt ihn beim Verteilen von Flugblättern. Es sollen Bilder entstehen, die der AfD helfen: der Eurokritiker im Gespräch mit den Bürgern, ein Mensch zum Anfassen. Indes, der Versuch misslingt. Kruse setzt sein Strahlelächeln auf, doch keiner der Passanten will die kleinen blauen Zettel aus seiner Hand annehmen. „Darf ich Ihnen was zu lesen geben?“, fragt Kruse. „Nein, danke“, sagt der eine Bürger, andere sparen sich selbst diese Höflichkeit und gehen wortlos an Kruse vorbei. Die Kamera läuft. Die Situation droht sich zu einem Desaster zu entwickeln. Kruse, der Ungeliebte, Kruse, der Typ Staubsaugervertreter, Kruse, der Passanten nervt, die seine Flugblätter nicht wollen. Eine Finte muss her.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Von der Kamera nicht unbemerkt, löst sich ein AfD-Aktivist aus der Menschentraube um den Stand, spaziert einige Meter und kommt als aufgeschlossener Passant auf Kruse zugelaufen. „Guten Tag, darf ich Ihnen einen Flyer mitgeben?“, fragt Kruse. Der AfD-Aktivist – er heißt Maximilian Kneller und ist Vorstandsmitglied der Jugendorganisation „Junge Alternative“ in Nordrhein-Westfalen – nimmt ihn gerne. „Kennen Sie die AfD schon?“, fragt Kruse. „Ja, schon“, sagt der Aktivist. „Wissen Sie auch vom Programm was?“, fragt Kruse. „Ja, schon grob. Ich habe mich jetzt noch nicht tiefergehend damit beschäftigt. Bei der Europawahl habe ich Sie auch gewählt“, sagt der Aktivist. Kruse strahlt. „Ah, das ist ja toll!“ Die beiden Parteifreunde gehen in ihrem Schauspiel auf, die Kamera läuft, nun gilt es, mit Themen zu punkten. „Dann wissen Sie wahrscheinlich auch, dass wir im Bürgerschaftswahlkampf die Bildung als Hauptthema haben und die innere Sicherheit!“ Ja, ja, sagt der Aktivist und nickt begeistert. „Die innere Sicherheit ist vor allem wichtig in Hamburg!“ Mit Bravour widerlegt Kruse das Vorurteil, bei den meisten Politikern handele es sich um begabte Schauspieler. Als der Journalist der NDR-Sendung „Panorama“ ihn fragt, ob sich da möglicherweise gerade ein Wahlkampfhelfer seiner Partei als interessierter Wähler ausgegeben habe, ist Kruse das Ganze sehr peinlich. „Das ist wahrscheinlich so, ja“, sagt er.

          AfD muss Potential im Westen erst noch unter Beweis stellen

          Nicht unbedingt Kruses Malheur, aber das Desinteresse mancher Hamburger Passanten betrifft eine Grundfrage der AfD: Nach den Erfolgen bei Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen muss die Partei ihr Potential im Westen der Republik erst noch unter Beweis stellen. Fragt man Bernd Baumann, den Mann auf Listenplatz 2 hinter Kruse, ist Deutschland aus AfD-Sicht in drei Teile geteilt. Baumann war vor der Europawahl der Wahlkampfleiter der gesamten AfD, er gilt als Berater des Parteivorsitzenden Bernd Lucke. Der eine Teil ist für Baumann der Osten. Hier hat die AfD mit provokanten Einwürfen zu Fragen von Einwanderung und Islam, etwa von Brandenburgs Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland, der Parteibasis aus dem Herzen gesprochen. Das sei aber kein Abweichen von der AfD im Westen, sondern Ausdruck der überall gleichen „Neuformierung des selbstbewussten Bürgertums“, ob bei der Grenzkriminalität oder in der Euro-Krise, sagt Baumann. Im Westen unterscheidet er den Südwesten vom Nordwesten. Der Südwesten ist, grob gesagt, CDU-Land. Dort liegt die AfD in Umfragen eher bei neun Prozent als wie in Hamburg bei sechs Prozent. Der Nordwesten ist historisches SPD-Gebiet. Das macht die Bürgerschaftswahl in Hamburg zum Lackmustest für die AfD. „Schaffen wir es dort, schaffen wir es überall“, sagt der aus Hamburg stammende stellvertretende AfD-Vorsitzende Hans-Olaf Henkel bei jeder Gelegenheit frei nach Frank Sinatra. Im Umkehrschluss heißt das: Schaffen sie es nicht, wird der Partei der Makel anhaften, bisher nur im Osten zu reüssieren.

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