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Wahlkampf in Bremen : Ein Engel für Lindner

Lencke Steiner ist Spitzenkandidatin der FDP für die Bürgerschaftswahl in Bremen. Bild: Daniel Pilar

Lencke Steiner ist parteilos und lässt politische Gegner ratlos zurück. Sie könnte die FDP in Bremen am 10. Mai zu einem kaum mehr erwarteten Erfolg führen - auch wenn die Umfragen für Rot-Grün sprechen.

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          Die mit Abstand cleverste Idee der Bremer FDP seit vielen Jahren heißt Lencke Steiner. Die Spitzenkandidatin der Freien Demokraten ist 29 Jahre jung, parteilos und hat den Händedruck eines Schiffsmechanikers. Auf den Plakaten stellt sie sich ihren potentiellen Wählern als „Eine neue Generation Bremen vor“. Mit Steiners ganz auf Jugendlichkeit setzendem Wahlkampf gelingt es der Bremer FDP, die öffentliche Aufmerksamkeit in einem Ausmaß zu absorbieren, das den politischen Gegner ratlos zurücklässt. Noch vor wenigen Monaten hatte ein besonnener Kenner der politischen Landschaft geurteilt, die FDP in der Hansestadt sei nur noch für die „politische Archäologie“ von Relevanz, nachdem sie 2011 nur 2,4 Prozent erzielt hatte. Nun, gut zwei Wochen vor der nächsten Wahl am 10. Mai, ist die Partei drauf und dran, in die Bremer Bürgerschaft zurückzukehren. Meinungsforscher von Infratest dimap vermeldeten vor wenigen Tagen, die FDP liege bei fünf Prozent.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Lencke Steiner gibt das die Gelegenheit, das Wahlziel forsch noch einmal nach oben zu schrauben. Acht Prozent sollen es nun sein. Und, ja, bei acht Prozent würde sie auch in die FDP eintreten. Die Frage, ob es nicht generell angemessen wäre, dass ein Abgeordneter auch der Partei angehört, über deren Liste er in ein Parlament eingezogen ist, umschifft Steiner galant. Wenn das Wort „parteilos“ Wählern und Medien schon so gut mundet, warum sollen sie dann nicht weiter Gelegenheit haben für Gedankenspiele, was die Spitzenkandidatin wohl macht, wenn die FDP unter den acht Prozent bleibt? Lencke Steiner umschlingt ihre Teetasse mit beiden Händen und sagt nichts dazu. Zu einer guten Geschichte gehört eben auch, kleinere und größere Spannungsbögen zu entwerfen, unter denen sich dann Werbeblöcke unterbringen lassen. Die Techniken dafür sind Lencke Steiner wohlvertraut. Sie ist Jurorin der Casting-Show „Die Höhle des Löwen“, in der Start-up-Unternehmer sich präsentieren müssen wie Models bei Heidi Klum oder Gesangstalente bei Dieter Bohlen. Ein Stück der Professionalität dieser Produktionen hat Steiner mit in den Wahlkampf an der Weser gebracht. Ihr Sprecher hatte das ursprünglich britische Format im Auftrag von Sony für den deutschen Markt „fit gemacht“, wie er sagt. Jetzt ist die Bremen-FDP an der Reihe.

          „Wir sind eine Neidgesellschaft“

          Das beliebteste Werkzeug für den Wahlkampf sind vermutlich die gemeinsamen Auftritte von Lencke Steiner, der Hamburger FDP-Vorsitzenden Katja Suding sowie der FDP-Generalsekretärin Nicola Beer. Kurz vor der Hamburg-Wahl haben die drei Politikerinnen für die Illustrierte „Gala“ gemeinsam als „Drei Engel für Lindner“ posiert. Nun wollen sie in einem Hotel in der Bremer Innenstadt mit Frauen darüber sprechen, „wie Frauenpower heute funktioniert“.

          Der Aufwand für die Veranstaltung erscheint etwas hoch angesichts von nur 13 Teilnehmerinnen. Immerhin kann sich zwischen den Politikerinnen und ihren Gästen so ein lebendiges Gespräch entwickeln. Es dreht sich nicht nur um den Spagat zwischen Familie und Beruf, die Frauen – mehrere Lehrerinnen sind darunter, eine Juristin, auch eine Unternehmerin – benennen auch die Probleme Bremens: die soziale Spaltung, die nachgewiesenermaßen miese Qualität der Bildung. Die junge Unternehmerin berichtet, ihre Familie sei ganz bewusst nicht nach Bremen gezogen, sondern wie viele andere auch ins niedersächsische Umland.

          Die FDP-Spitzenkandidatin greift das gerne auf. Und zu den Stärken der Wahlkämpferin Lencke Steiner gehört es, auch hier einen gewissen Spannungsbogen aufzubauen. Die Verantwortung für Kitas und Schulwesen möchte sie bündeln, ansonsten bleiben ihre Antworten etwas wolkig. Stattdessen weiß Steiner von einem „typisch deutschen Problem“ zu berichten. „Wir sind eine Neidgesellschaft.“ Und es seien gerade Deutsche, die ihren Schlüssel über den Lack teurer Autos zögen, berichtet Steiner. Die Migranten hingegen würden sagen: „Wow, was ist das für ein geiles Auto!“

          Umfragewerte sprechen für Rot-Grün

          Den Argwohn, dass die Argumente der FPD-Spitzenkandidatin etwas holzschnittartig ausfallen können, wird von der politischen Konkurrenz in Bremen natürlich genährt. „Wenn die FDP mit der Steiner Erfolg hat, dann glaube ich an gar nichts mehr“, erzählt ein Bremer Politiker. „Dann holen wir uns beim nächsten Mal die Listenkandidaten bei Heidi Klum aus der Show.“ In gähnende Leeren blickt etwa, wer sich bei der Jungunternehmerin danach erkundigt, wie die FDP mit den Finanzproblemen Bremens umgehen will. Könnte es vielleicht ratsam sein, diesem Kostgänger des deutschen Föderalismus handfeste Nachteile in Aussicht zu stellen, wenn er weiterhin kaum Anstalten macht, seinen Haushalt zu sanieren? Zum Länderfinanzausgleich sagt Lencke Steiner nur, dass sie einen Altschuldentilgungsfonds für sinnvoll hält. Bremen könne beim „Wasserkopf der Verwaltung“ sparen. Bremens Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) hat dafür vor einigen Jahren die Formel geprägt, man werde sparen, ohne dass es der Bürger merkt. Finanziell hatte Rot-Grün damit keinen Erfolg, politisch allerdings schon. Und derzeit sprechen die Umfragewerte dafür, dass beide Parteien bequem weiterregieren werden.

          Für die FDP hieße das, dass ihr Wiedereinzug in die Bürgerschaft zur bundespolitisch vielleicht bedeutsamsten Nachricht des Bremer Wahlabends am 10. Mai werden könnte. Der Spannungsbogen im Wahlkampf von Lencke Steiner hätte damit ein Ende wie aus dem Drehbuch gefunden.

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