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Wahlkampf : Die CSU hat einen neuen Chat-Roboter

Leo, der Chatroboter der CSU. Bild: CSU/Facebook, Screenshot F.A.Z.

Der Chatroboter der CSU heißt Leo und versteht viel Spaß. Wer ihm schreibt, bekommt Bashing gegen den politischen Gegner geschickt – und ganz viel Begeisterung für Bayern.

          4 Min.

          Der Nachrichtenroboter der CSU ist ein kleiner blau-weißer Blechkasten. Sein Name ist Leo, „dein persönlicher CSU-Assistent“, so stellt er sich vor. Er duzt direkt drauf los, man darf ihn im Gegenzug beim Vornamen nennen. Leo will über die CSU und über Bayern reden. Er sagt zum Beispiel: „Bayern ist unsere Heimat – und ein ganz besonderes Lebensgefühl!“

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Seit vergangener Woche nutzt die CSU einen sogenannten Chatbot im sozialen Netzwerk Facebook, um auf Nutzerfragen zu antworten. Damit erweitere die Partei „sukzessive ihr Dialogangebot“, heißt es auf Anfrage. „Der Bot kommuniziert zielgruppenspezifisch Klartext, aber mit einem Augenzwinkern.“

          Augenzwinkern also. Leo, dem Chatroboter, kann man vielleicht die Fragen zur CSU stellen, auf die es bislang nie echte Antworten gab. Warum mag Horst Seehofer Markus Söder nicht? Was sind diese „Schmutzeleien“, die der Ministerpräsident gerne seinem Kronprinzen vorwirft – und wie lange will Seehofer wohl noch Ministerpräsident und CSU-Chef bleiben? Zugegeben, für die letzte Frage müsste das Programm auch über hellseherische Fähigkeiten verfügen. Wenn der Name des Ministerpräsidenten fällt, antwortet es: „Horst Seehofer ist ein großartiger Ministerpräsident und unser Parteivorsitzender. Dank ihm ist Bayern löwenstark.“ Zu Markus Söder weist es auf die Seite des Finanz- und Heimatministeriums hin, dessen Hausherr er ist und schickt den passenden Link.

          Echte Antworten sind das nicht. So geht es auch, wenn man sich dem Bot zum Beispiel vorstellt oder ihn fragt, seit wann er Fragen beantwortet. Er simuliert, eine Antwort zu tippen, dann schickt er das Bild eines Roboters, neben dem sich Zahnräder drehen: „Den Begriff habe ich leider nicht erkannt.“ Oder: „Oh! Da ich noch in der Lernphase bin, verstehe ich nicht alle Wörter und Zusammenhänge direkt. Ich lerne aber täglich hinzu. Versuch doch mal einen anderen Begriff.” Folgt man aber dem Angebot, mit ihm zu “ratschen”, will er erst mal etwas „Lustiges” loswerden: In einem Meme, einem kommentierten Bild, ist der Ministerpräsident zu sehen, der amüsiert bis erstaunt dreinschaut: „Der Moment, wenn die Grünen einen neuen gaga Vorschlag machen“, steht darüber. Das findet Leo also witzig.

          In den ersten Tagen war Chatbot Leo noch mehr darauf aus, über den politischen Mitbewerber herzuziehen. Das zeigt etwa ein Nutzungsprotokoll des Blogs „Motherboard“, in dem eine Collage angezeigt wird, die Grünen-Chef Cem Özdemir zwischen Rauchschwaden und hinter Cannabis-Pflanzen zeigt: „Völlig gaga“, heißt es da, der neue Programmentwurf der Grünen laute: „Möglichst alles verbieten – nur KIFFEN erlauben.“ Auf anderen Bildern wird der Partei unterstellt, sie würde „vier Eltern pro Kind“ fordern.

          Am liebsten Semmelknödel mit Rahmschwammerln

          Solche Bilder bekommt man inzwischen nicht mehr, selbst wenn man Stichworte nennt, die genau in diese Richtung zielen. Ob man inzwischen erkannt hat, dass solche Werbung vielleicht nicht der richtige Weg ist? Die CSU-Pressestelle antwortet auf die Frage ausweichend: „Der Bot lernt stetig hinzu. Das Social-Media-Team nimmt das Nutzerfeedback auf und ergänzt den Bot ständig um weitere Inhalte.“ Was bleibt, ist der teilweise eher leichte Tonfall von Leo. Wir lernen, dass er gerne in Bayern Urlaub macht, Augsburg besonders schön findet, am liebsten Semmelknödel mit Rahmschwammerln isst und politische Talkshows schaut, wo es „richtig zur Sache“ geht. So viel Simulation von Nähe also. Künstliche Intelligenz ist das nicht. Hinter dem Programm steckt ein Redaktionssystem, in dem Antworten hinterlegt sind.

          Fallen bestimmte Stichworte, liefert das Programm Antwortbausteine, die häufig mit weiterführenden Links versehen sind. Wie weit das System in die Tiefe geht, zeigt sich, wenn Leo fragt, wie einem das letzte Jahr gefallen habe und welcher Monat der beste gewesen sei. Antwortet man Februar, berichtet er vom Zukunftskongress der Partei, der zu dieser Zeit stattgefunden hat.

          Auch die programmatischen Punkte der CSU sind präzise und übersichtlich zusammengefasst. Der Tonfall ist eher locker, aber keineswegs anbiedernd. Sehr deutlich werden die politischen Gegner anvisiert: die Grünen und die AfD. „Mit den rechten Dumpfbacken von der AfD wollen wir nichts zu tun haben“, schreibt Leo. Wer rechtsaußen wähle, stärke damit eine rot-rot-grüne Regierung.

          Martin Fuchs, Politikberater und Experte für Wahlkampf im Netz, bewertet den Vorstoß der CSU positiv. Dass es sich um das Beta-Stadium handele, sei deutlich sichtbar. „Man hat noch genügend Möglichkeit, daran zu arbeiten.” Alle Parteien bis auf die SPD, die den Einsatz von Bots ausgeschlossen hat, entwickeln momentan ähnliche Projekte. Die FDP nutzt ein Chatprogramm, das über Parteiinhalte informiert, aber weniger dialogisch aufgebaut ist als das Angebot der CSU. Auch CDU-Generalsekretär Peter Tauber sprach zuletzt davon, man probiere derartige Kommunikationsmöglichkeiten im Wahlkampf aus, um auf die Flut der Anfragen vor der Bundestagswahl reagieren.

          Die AfD hat das Potential ihrer Facebook-Seite ebenfalls schon früh erkannt. Der Verantwortliche für den Auftritt sagte im Gespräch mit der F.A.Z. im vergangenen Jahr, dass aus seiner Sicht das rasche Antworten auf Anfragen bei Facebook entscheidend zum Erfolg der Partei beigetragen habe. Ganz so wie es der Chatbot der CSU jetzt tut, hat es auch die Social-Media-Mannschaft der AfD gemacht und möglichst zeitnah mit Hinweisen auf das Wahlprogramm auf Fragen von Bürgern reagiert.

          Politikberater: Die optimale Antwort ist nicht entscheidend

          Wer der CSU schreibt, bekommt allerdings häufig nicht die optimale Antwort, die ein Mitarbeiter verfassen könnte. Politikberater Fuchs glaubt nicht, dass das entscheidend ist: „Wichtiger ist, dass die Fragen beantwortet werden und Bürger das Gefühl bekommen, in ihren Anliegen ernst genommen zu werden.“ Ein Problem sieht er darin, dass es bislang ein falsches Bild solcher Programme gebe: „Durch Social Bots, die öffentliche Debatten zu beeinflussen versuchen, sind auch Chat Bots zum Teil in Verruf geraten.“

          Im Bundestagswahlkampf könnte den Bots eine zunehmende Rolle zukommen – einerseits könnten sie Interessierte gezielt informieren, andererseits auf Fragen die richtigen Bestandteile der Parteiprogrammatik präsentieren. Wie schnell man die Inhalte anpassen kann, zeigt sich, wenn man Chatroboter Leo zum Thema Leitkultur befragt. „Integration muss heißen, dass diejenigen, die zu uns kommen, sich anpassen und nicht umgekehrt!“ Das bayerische Integrationsgesetz sei das Herzstück der Leitkultur. Dazu eine Schautafel mit den Kernpunkten der Gesetzgebung.

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