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Wahlforscher im Interview : Wie Umfragen den Abwärtstrend der Union verstärken könnten

Die CDU hat den Rückhalt verloren – wegen der Masken, wegen Parteichef Armin Laschet oder wegen des Krisenmanagements? Bild: Picture-Alliance

Der Wahlforscher Thorsten Faas erklärt im Interview, welche Gefahr von den schlechten Umfragewerten auf die Union ausgeht – und warum der grüne Ministerpräsident Kretschmann im Wahlkampf ausgerechnet ein Merkel-Zitat plakatierte.

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          Die Union ist binnen eines Monats in den Umfragen um zehn Prozentpunkte abgestürzt. Woran liegt das aus Sicht eines Wahlforschers?

          Timo Steppat
          (tist.), Politik

          Es gibt viele mögliche Gründe: Die offene Kandidatenfrage, ein neu gewählter Vorsitzender an der Spitze der CDU, der in Umfragen nur mäßig beliebt ist, die Maskenaffäre, Probleme bei Corona-Tests und Impfungen und zwei desaströs gelaufene Landtagswahlen. Das alles wird flankiert von einer Medienberichterstattung, die gerade sehr kritisch auf die Union schaut. All das in einer Zeit, in der stabile Parteibindungen seltener geworden sind, so dass kurzfristige Phänomene schnell und stark durchschlagen. Wie rasch und heftig der Rückgang war, ist jedoch bemerkenswert – ebenso aber auch die Tatsache, dass die Union jetzt eigentlich wieder da steht in Umfragen, wo sie auch vor der Pandemie stand. Vielleicht ist einfach der Pandemiebonus weg.

          Ende Februar sagten 37 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, würden sie CDU/CSU wählen. Das ist nur knapp unterhalb von Höchstwerten im Sommer vergangenen Jahres, als es sogar 40 Prozent waren. War das noch der „Merkel-Bonus“, von dem teilweise die Rede ist?

          Thorsten Faas ist Professor für politische Soziologie an der Freien Universität Berlin und auf empirische Wahlforschung spezialisiert.
          Thorsten Faas ist Professor für politische Soziologie an der Freien Universität Berlin und auf empirische Wahlforschung spezialisiert. : Bild: dpa

          Im Kontext der Pandemie gab es eine Reihe von Signalen aus Umfragen, die in eine ähnliche Richtung zielten: Die Beliebtheit von Merkel ging sehr hoch, die Zufriedenheit mit der Bundesregierung schoss nach oben – und auch die Werte für die Union. Noch dazu gab es praktisch kein anderes Thema neben Corona, das die Agenda dominierte. Die Deutung, die Pandemie stärke Merkel, stärke die Regierung, stärke die Union, lag daher sehr nahe. Daraus, dass die Union in den Umfragen aktuell wieder da steht, wo sie vor der Pandemie stand, folgt eine interessante Frage: Wer waren die Leute, die zur Union gestoßen sind? Und sind das auch die, die jetzt wieder weggegangen sind? Oder hat da ein Austausch stattgefunden, dass die aktuellen 27 Prozent Unionswählerinnen und -wähler aktuell andere sind als vor der Pandemie. Aber dazu hört man wenige von Daten gestützte Antworten.

          Lässt sich ermitteln, was genau – Laschet, Masken, Krisenmanagement – die Union besonders viel Zustimmung kostet?

          Datengestützt kann ich dazu wenig sagen. Wir haben in Deutschland eine Arbeitsteilung zwischen akademischer und kommerzieller Wahlforschung. Mit „kommerzieller“ Wahlforschung meine ich dabei demoskopische Institute, die – häufig im Auftrag von Medien – Umfragen durchführen, deren sichtbarstes Ergebnis die berühmte „Sonntagsfrage“ ist. Daneben gibt es eine akademische, an Universitäten und Forschungseinrichtungen beheimatete Wahlforschung, die ebenfalls mit Umfragen arbeitet, aber weniger tagesaktuell.

          Warum ist dieser Unterschied wichtig?

          Umfrage

          , Umfrage von:
          Quelle: wahlrecht.de Alle Ergebnisse aus Bund und Ländern

          Mir fehlen gerade aktuelle Umfragedaten, um Ihre tagesaktuelle Frage empirisch zu beantworten. Manches erscheint ja naheliegend: Die Menschen sind schockiert über die Maskenaffäre der Union, und die Zustimmung zur Union sinkt, also ist die Maskenaffäre schuld daran. Diese hergestellte Verbindung könnte bestehen, ist aber keineswegs zwingend. Es gäbe ja viele mögliche Gründe dafür. Im Mindesten müsste man aufzeigen, dass die Union insbesondere bei Menschen, die die Maskenaffäre problematisch finden, an Rückhalt verliert. Das geschieht in der Berichterstattung über Umfragen aber nicht. Zahlenmäßig bleiben die Sachverhalte einfach nebeneinander stehen, der Rest wird hineingedeutet.

          Die Wahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben gezeigt, dass sich wenige Wochen vorher, als es zur Zuspitzung auf die Kandidaten kam, deutliche Bewegungen abgezeichnet haben. Werden Kandidaten immer wichtiger?

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