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Wahlen in NRW : Wer hat ein Recht auf Rau?

  • -Aktualisiert am

Gedenken: Hannelore Kraft (ganz rechts) am Grab von Johannes Rau in Berlin Bild: dpa

„Versöhnen statt spalten“ - nichts könnte in Nordrhein-Westfalen derzeit weniger zutreffen als der Slogan des ehemaligen Landesvaters Johannes Rau. Denn vor der Wahl ist zwischen SPD und CDU ein bizarrer Wettstreit darüber entbrannt, wer sich auf ihn berufen darf.

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          Zum Neujahrsempfang der SPD im traditionsreichen Düsseldorfer Künstlerverein „Malkasten“ kam Hannelore Kraft am Mittwoch mit einiger Verspätung. Die Spitzenkandidatin der SPD für die nordrhein-westfälische Landtagswahl am 9. Mai war aus Berlin zurückgeeilt, wo sie das Grab von Johannes Rau besucht hatte. Am Todestag des früheren Ministerpräsidenten und Bundespräsidenten habe sie „in unser aller Namen klargemacht, dass das Erbe von Johannes Rau das Erbe der nordrhein-westfälischen SPD ist“, rief sie ihren Genossen zu.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Vier Jahre nach Raus Tod ist der frühere Landesvater nicht nur für die Sozialdemokraten ein wichtiger Bezugspunkt. Zur gleichen Zeit wie Frau Kraft erinnerte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) an seinen Vorgänger. Auf einem CDU-Neujahrsempfang in Gelsenkirchen sagte Rüttgers in Erinnerung an Raus Slogan „Versöhnen statt spalten“, auch heute noch müsse man für die Einheit der Gesellschaft eintreten. Das Andenken an seine Vorgänger zu bewahren gehört zu dem Amtspflichten Rüttgers': Anfang 2007 stellte er das offizielle Porträt des Sozialdemokraten vor und enthüllte wenige Wochen später eine Rau-Statue vor dessen ehemaligem Amtssitz am Düsseldorfer Rheinufer. Seit November 2008 gibt es zudem in der Berliner Landesvertretung Nordrhein-Westfalens Johannes-Rau-Gespräche, bei denen Rüttgers regelmäßig an die Mahnungen Raus erinnert.

          Vielen Sozialdemokraten ist Rüttgers Rau-Kult ein Graus, zumal der selbsternannte Arbeiterführer Rüttgers seit langem auch ganz offen mit Anleihen bei seinem Vorgänger in ihrem Revier wildert. Er will „heimatlos“ gewordene „Rau-Wähler“ für sich gewinnen und die CDU nicht zuletzt mit seiner Forderung nach einer Grundrevision von Hartz IV zur Nachfolgerin der SPD als Schutzmacht der kleinen Leute machen. Seine Herausforderin Kraft versucht gegenzusteuern: Im vergangenen Sommer besuchte die Vorsitzende der SPD-Fraktion gemeinsam mit Frau Rau Israel und die Palästinenser-Gebiete. Allerdings hatte Rüttgers schon im Jahr davor im Heiligen Land gewürdigt, dass Rau eine enge Beziehung zwischen Nordrhein-Westfalen und Israel zu seinem zentralen Anliegen gemacht habe. „Dieses Vermächtnis ist mir Verpflichtung.“

          Beiden Parteien kämpfen mit rauen Bandagen

          Aktuellster Versuch der Sozialdemokraten, das Rau-Andenken wieder klar bei sich zu verorten, ist eine Fotoausstellung in den Räumen ihrer Landtagsfraktion. Zur Eröffnung äußerte Frau Kraft vor wenigen Tagen, sie halte es für vermessen, dass „heutige Politiker“ sich um die „Johannes-Rau-Wähler“ bemühen wollten. Heute müsse jeder seine eigenen Wähler finden. So abgeklärt ist die SPD-Spitzenkandidatin allerdings nicht immer. Häufig erregt sie sich über Rüttgers, dem sie vorwirft, ein „Sozialschauspieler“ zu sein. Nach Rüttgers' abfälligen Worten über die Arbeitsmoral von Rumänen im vergangenen Sommer urteilte die Sozialdemokratin erzürnt, der Ministerpräsident habe „das Recht verwirkt, sich auf Rau zu berufen“.

          Besonders schmerzhaft ist für Sozialdemokraten allerdings, dass sich Rüttgers nicht nur auf Rau beruft, sondern mit Hilfe von Bodo Hombach (SPD) einen Teil des organisatorischen Rau-Erbes übernommen hat. Hombach, heute Geschäftsführer des WAZ-Medienkonzerns, war einst Raus Wahlkampfmanager und Spiritus Rector der „Wir in NRW“-Kampagne, mit der Rau sehr erfolgreich nicht nur ein Landesgefühl im Bindestrich-Bundesland beförderte. Rüttgers führt diese Kampagne fort - und hält engen Kontakt zu Hombach, der für ihn weit mehr ist als ein gewöhnlicher Berater. Im Herbst fädelte der Sozialdemokrat für Rüttgers den „Pakt für Wachstum“ mit führenden Wirtschaftsleuten des Landes ein, damit der „Arbeiterführer“ auch als Freund der Wirtschaft wahrgenommen wird. Hombach war auch stellvertretender Vorsitzender der von Rüttgers eingesetzten Zukunftskommission. Als das Gremium im Sommer seinen Abschlussbericht vorlegte, schlug Hombach von dessen Titel „Innovation und Solidarität“ ohne größere Umschweife den Bogen zu Raus „Versöhnen statt spalten“.

          In Wahlkampfzeiten gilt der Leitspruch aber offensichtlich nicht: Unter inflationärer Berufung auf die moralische Instanz Rau bringen sich SPD und CDU gegeneinander in Stellung. Rüttgers verwendet ein Rau-Zitat, wonach Reden und Handeln eine Einheit bilden müssen, um Frau Kraft Unehrlichkeit im Umgang mit der Partei „Die Linke“ vorzuwerfen. Frau Kraft wiederum macht Schwarz-Gelb für das Ausbluten der Kommunen im Land verantwortlich und fügt dann mit Rau an: „Am Zustand der Städte lässt sich ablesen, wie es dem ganzen Land geht.“

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