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Wahlanalyse : Die bürgerlichen Wähler der Frau K.

Nochmals Blumen für die Wahlsiegerin: Hannelore Kraft am Montag in Berlin in der SPD-Zentrale, wo ihr unter vielen anderen Generalsekretärin Andrea Nahles gratulierte Bild: dpa

Hannelore Kraft ist es in Nordrhein-Westfalen gelungen, Wähler für die SPD zu gewinnen, ohne die Grünen zu schwächen. Eine Analyse der Wähler und ihrer Wanderungen.

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          Sie stammt aus einfachsten Verhältnissen und spricht bis heute die Sprache der kleinen Leute, ist früh aus der katholischen Kirche aus- und spät in die evangelische Kirche eingetreten, hat einen Schulfrieden geschlossen, die Studiengebühren abgeschafft, NRW im Herzen und gelobt, kein Kind zurückzulassen – wäre eine Figur namens Hannelore Kraft eine Erfindung, um den politischen Muttertag populär zu machen, so müsste man sagen, ihre Schöpfer hätten es kaum besser machen können.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Aber Hannelore Kraft ist kein virtuelles Geschöpf, sondern höchst real und deshalb ein Glücksfall für die nordrhein-westfälische SPD. Was sie ist, verdankt sie nicht ihrer Partei, erst recht nicht der Gunst dreier älterer Männer, die sich seit Jahren damit hervortun, dass sie die sogenannte K-Frage offen lassen. Frau K. ist darauf die Antwort in Person – jedenfalls in den Augen der Wähler, die ihr am Sonntag ein vor kurzem noch undenkbar gutes Wahlergebnis verschafften.

          Sieg auf CDU-Territorium: in der Mitte

          Um fast 400.000 hat Frau Kraft die Zahl ihrer Wähler binnen zweier Jahr erhöht, und das, ohne die Grünen als den alten und neuen Wunschbündnispartner zu schwächen. Denn was die Grünen an Stimmen an die SPD verloren, machten sie umgehend durch den Zugewinn ehemaliger Linkspartei-Wähler wieder wett, die sich wie insgesamt fast sechzig Prozent der Bürger nichts lieber wünschten als eine stabile rot-grüne Mehrheit im Land.

          So gewann Frau Kraft den meisten Zuspruch auf einem Terrain, das die CDU in den beiden vorherigen Landtagswahlen für sich hatte entscheiden können: In der politischen Mitte, wo die Wechselwähler zu Hause sind und Sympathiewerte und Kompetenzzuschreibungen anstelle von generationenübergreifenden Parteibindungen den Ausschlag geben. In diesem wahlentscheidenden Segment hatte die SPD diesmal alles, die CDU hingegen so gut wie nichts zu bieten.

          Von der Minderheitsregierung zu einer soliden Mehrheit: die Rot-Grüne Koalition nach der Wahl vom Sonntag Bilderstrecke

          Entscheidung für das Original

          Gegen die Spitzenkandidatin Kraft, die Frau von nebenan, hatte Röttgen als sprechender Anzug, der sich zu fein war, den Kabinettstisch in Berlin mit der Oppositionsbank in Düsseldorf zu tauschen, keine Aussichten auf Erfolg. Auch als Meister der „kommunikativen Kardinalfehler“ (Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen) und als Exponent einer durch und durch profillosen NRW-CDU war Norbert Röttgen chancenlos.

          Dass die Sozialdemokraten die Verschuldung des Landes und anderes nicht in den Griff bekommen würden, glaubte die Mehrzahl der Wähler auf Nachfrage der Meinungsforscher von Infratest-dimap gerne. Noch mehr der Wähler aber glaubten, dass die CDU diesen Aufgaben noch weniger als die Sozialdemokraten gewachsen seien. Dann lieber das ungleich sympathischere Original wählen, sagten sich 190.000 der zuletzt noch 2,6 Millionen CDU-Wähler, 120.000 Bürger, die vor zwei Jahren gar nicht wählen gegangen waren, und nicht zu vergessen 900.00 Abtrünnige, die zuletzt die Linkspartei gewählt hatten, ja selbst 20.000 vormalige FDP-Wähler.

          Was bleibt der CDU: die Randexistenz

          „Bürgerlicher“ im eigentlichen Sinn des Wortes kann eine Sozialdemokratie nicht werden, zumal sie auch noch in allen Altersgruppen wieder die mit Abstand stärkste Partei wurde. Was der CDU am Sonntag blieb, lässt sich auf das Wort Randexistenz bringen: Überdurchschnittlich erfolgreich, wenngleich von der SPD eingeholt oder gar überflügelt, war die Union nur in der Altersgruppe der über Sechzigjährigen, unter den Katholiken und im ländlichen Westfalen. In der Mitte des Landes aber, im Ruhrgebiet wie in den Städten der Rheinschiene, ob Universitätsstadt oder nicht, hatte die CDU noch weniger zu gewinnen als jemals zuvor.

          Am Rhein wurde der CDU indes nicht nur die SPD gefährlich, sondern auch die FDP. Denn diese setzte auf Themen wie Schulwesen und Verkehrswegen, die eigentlich die Domäne der CDU für den Fall einer Neuwahl hätten sein müssen. Sie konnte in der Person ihres Spitzenkandidaten Lindner auch einen Politiker vorzeigen, der gerade von Berlin an den Rhein zurückgekehrt war, um sich dort eine Machtbasis aufzubauen, anstatt Nordrhein-Westfalen als Mittel zum Zweck des eigenen Fortkommens aus der Ferne als Spielzeug zu halten.

          Piratenwähler regional verteilt

          Entsprechend stark war das Echo, das der Rheinländer Lindner in seiner Heimat hervorrief. Einen beträchtlichen Teil der 160.000 Stimmen, welchen die Freien Demokraten von der CDU erhielten, gewannen sie am Rhein. Die Bürger im Ruhrgebiet ließ die „Selbst(er)findung“ (Richard Hilmer, Infratest-dimap) der FDP indes ebenso kalt wie die Sauerländer, die Ostwestfalen oder die Münsterländer.

          Ähnlich regional verteilte sich am Sonntag auch die Wählerschaft der Piraten. Auch diese Gruppe hat ihre Hochburgen eher im Rheinland als in Westfalen – mit einer Ausnahme. Besonders gut schnitten die Piraten in Regionen mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit ab, allen voran in dem Armutsgürtel nördliches Ruhrgebiet. Nicht nur, aber auch dort scheinen jene mehr als zwei Drittel der Wähler zu Hause zu sein, die den Wahlforschern zu verstehen gaben, dass die Piratenpartei sich mittlerweile viel eher als Protestpartei eigne als die Linkspartei.

          Kleiner Teil eines gewaltigen Wählerreservoirs

          Deren Anhänger stieben am Sonntag in ähnlich viele Richtungen davon wie die der CDU – worin sich die strukturellen Ähnlichkeiten nicht erschöpfen: Im Wettstreit um den besten Wahlkampf ohne Konzept liegen beide Parteien dichtauf. Wer aber genau das schätzte, auch der hielt es am Sonntag mit den Piraten, die auch diesmal wieder ein Vielfaches an Stimmen von ehemaligen Wählern anderer Parteien auf sich vereinigten als jene bescheidenen 70.000 Stimmen aus dem bei einer Wahlbeteiligung von nicht einmal 60 Prozent gewaltigen Reservoir von weit mehr als fünf Millionen Nichtwählern.

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