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Wahl in Niedersachsen : Der Sheriff von Holzminden

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Man nennt ihn den Beckstein des Nordens: Innenminister Schünemann (Mitte) mit einem Teller Kartoffelsuppe Bild: Pilar, Daniel

Ausgerechnet die Stärke der CDU in Niedersachsen bedroht die Landtagssitze von zwei Ministern: Schünemann und Althusmann. Ihre Wahlkreise könnten an die SPD fallen.

          Wo denn der Wahlkampfstand der CDU sei? Der Werber am SPD-Stand gibt bereitwillig Auskunft: „Geradeaus und dann bei der FDP nach rechts.“ Holzminden ist, wiewohl eine Kreisstadt, ein Ort kurzer Wege. Man kennt sich und duckt sich nicht weg. Das zeigt sich auch bei der CDU. Dort wird nicht nur heiße Kartoffelsuppe ausgeteilt, wohltuend bei einigen Minusgraden, sondern immer wieder zum Schwatz angehalten. Die SPD-Landrätin und die Betriebsratsvorsitzende des größten Arbeitgebers der Region, des Düftefabrikanten Symrise, begrüßen den CDU-Bewerber freundlich. Er ist indes auch nicht irgendjemand, sondern der Innenminister Niedersachsens. Als solcher hat Uwe Schünemann dafür gesorgt, dass das Weserbergland in der Hauptstadt Hannover nicht vergessen wird. Schließlich wuchs er wie seine Eltern - auch sie kommen zum Stand - in Holzminden auf und war dort ehrenamtlicher Bürgermeister. Die innere Nähe zur Hauptstadt war auch am Wochenende sichtbar, als er nach dem Werben auf der Einkaufstraße, nun wieder als Innenminister, der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) einen Transporter für Rettungsfahrten übergab - ihr erstes Auto in den 85 Jahren seit Gründung der ehrenamtlichen Lebensretter, das weitgehend vom Land finanziert wurde.

          Hilfe aus der Landeshauptstadt kam auch, als die Hochschule von Minden, die älteste Baugewerkschule Deutschlands, aus finanziellen Gründen geschlossen werden sollte. Stattdessen wurde mit Landesmitteln eine Erweiterung der Hochschule finanziert - und als vor drei Jahren Student Nummer 1001 kam, wurde er feierlich in Bier aufgewogen. Gleichwohl beleben die Studenten die Stadt nur wenig, da viele von ihnen ebenso wie die Arbeiter der Glashütten oder von Symrise nicht im Ort wohnen, sondern dorthin pendeln. Dabei wären sie wichtig nicht nur für das Lebensgefühl, sondern auch für die Bilanzen. Städte von 20000 Bewohnern an erhalten höhere Landeszuschüsse und der Bürgermeister ein höheres Gehalt - Holzminden fehlen dazu 300 Bewohner.

          Schöne Landschaft, schlechte Verkehrsanbindung

          Im Wahlkampf geht es eine Woche vor der Landtagswahl in Niedersachsen hier nicht um große Linien, sondern um regionale Wirtschaftsförderung oder um eine bessere Verkehrsanbindung. Holzminden ist zwar nur 80 Kilometer entfernt von Hannover, zur Fahrt aber braucht es über enge Landstraßen eineinhalb Stunden. Holzminden, so war in dieser Zeitung vor einigen Jahren zu lesen, sei der verkehrstechnisch am schlechtesten erreichbare Ort Deutschlands, umschlossen von den waldreichen Mittelgebirgen Ith und Solling. Dabei ist die Umgebung für Touristen ein Märchenland nicht nur wegen der gefälligen Landschaft oder weil in unmittelbarer Umgebung Menschen aufwuchsen, die jeder Deutsche kennt, wie den Fabulierer Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen. Hier um die nahe Rattenfängerstadt Hameln und um Holzminden herum stehen prächtige Schlösser der Weser-Renaissance wie die Hämelschenburg und Bevern oder das karolingische Kloster Corvey.

          Die Wahrung der Geschichte und der Kultur steht indes nicht im Augenmerk Schünemanns, sondern die Sicherheit seiner Menschen. Als Innenminister und, so sein Bild, einer der letzten „aufrechten Rechten“ innerhalb der CDU ist er für die einen ein Hoffnungsträger, für andere eine politische Hassfigur. Da fühlt er sich missverstanden - aber nur teils. In der Asylpolitik werfen ihm so manche auch aus der Kirche ein hartes, gar „unmenschliches“ Vorgehen vor. Er aber vollziehe bei einigen Ausweisungen illegaler Ausländer, die überregional beachtet wurden, nur gesetzliche Vorgaben, sagt er. Dabei sei diese harsche Ausweisungspraxis auf niedersächsische, auf seine Initiative im Bundesrat hin aufgeweicht worden. Auf regionale Traditionen jedenfalls könnte er weisen: Holzminden wurde nach seiner Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg von Handwerkern aus Kroatien wieder aufgebaut.

          „Beckstein des Nordens“

          Anders ist es bei der Bekämpfung des Terrorismus und der Gewalt gegen Polizeibeamte oder in Fußballstadien. Dort macht der gelernte Industriekaufmann, der den Weg in die Medien hinein zu finden pflegt, sich überregional bekannt als ein Innenminister, der eine harte Hand nicht scheut - was dem Lebensgefühl von vielen in seinem Wahlkreis entspricht, und nicht nur dort. Im kommenden Jahr kann er das auch überregional einbringen - seit einigen Tagen ist er Vorsitzender der Innenministerkonferenz der Bundesländer. Die SPD spöttelt, er werde den Vorsitz kürzer innehaben als jeder andere vor ihm, weil bei einem rot-grünen Wahlsieg der von der SPD als Innenminister designierte Oberbürgermeister von Osnabrück, Boris Pistorius, das Amt übernehmen werde.

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