https://www.faz.net/-gpf-a7xko

Wachsender Antisemitismus : Wir brauchen Holocaust-Aufklärung für Junge

  • -Aktualisiert am

Eine Medieninstallation mit den Namen von Opfern des Nationalsozialismus wird von der Initiative #everynamecounts zum Gedenken an die Opfer des Holocaust an die Fassade der Französischen Botschaft projiziert. Bild: dpa

Deutschland ist beispiellos mit seiner Verantwortung im Zweiten Weltkrieg umgegangen. Dennoch muss mehr gegen den wachsenden Antisemitismus durch Holocaust-Aufklärung für Junge getan werden. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Heute vor 76 Jahren durchschritt ein einzelner sowjetischer Soldat die Tore des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und verstand im ersten Moment nicht, was er vorfand. Das Lager erschien ihm und anderen als eine Art Gefängnisanlage, aber die Berge an leblosen Körpern, der schreckliche Geruch und auch die überlebenden Gefangenen wiesen darauf hin, dass all dies ohnegleichen war. „Sie haben uns weder gegrüßt noch gelächelt“, schrieb Primo Levi, der einstige Auschwitz-Häftling. „Sie schienen überwältigt, nicht nur von Mitgefühl, sondern auch von einer verwirrten Zurückhaltung, die ihre Lippen verschloss und ihre Augen an diesen Begräbnisort band.“ Primo Levi hatte den Eindruck, sie waren beschämt.

          Seit diesem Tag haben begnadete Schriftsteller, Philosophen und Theologen versucht zu erklären, was diese Soldaten innerhalb der berüchtigten Tore vorfanden, und doch ist niemandem bisher eine hinreichende Antwort gelungen. Möglicherweise kommt Autor Primo Levis Begriff der Beschämung dem am nächsten, wie sich die ganze Welt fühlte, als sie dieser Entweihung des menschlichen Lebens gewahr wurde. Es ist nicht nur Deutschland, das die Last dieser Entweihung trägt. Vermutlich fühlen sich alle Menschen beschämt vom Abgrund des Bösen, den wir nun kennen.

          Juden haben wieder Angst

          Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg schien es so, als sei das Virus des Antisemitismus endgültig besiegt. Niemand, der bei klarem Verstand war, wollte mit den Nazis in Verbindung gebracht werden. Sogar die Ewiggestrigen, die dem üblen Hass immer noch anhingen, hatten zumindest verstanden, dass sie ihn verstecken mussten. Aber heute, drei Generationen und 76 Jahre später, was machen wir aus seinem Wiederaufflammen? Während der Pandemie hat der Antisemitismus weltweit um 18 Prozent zugenommen. Und man hat sogar die Juden selbst für das Virus verantwortlich gemacht. Als im 14. Jahrhundert die Pest in Europa wütete, bezichtigte man Juden, sie würden die Brunnen vergiften. Heute zeigen Karikaturen im Internet Düsenjets mit dem Judenstern, die das Virus auf unschuldige Opfer herabfallen lassen. Eine neue Technologie, aber noch derselbe Sündenbock.

          Ronald S. Lauder ist Präsident des Jüdischen Weltkongresses.
          Ronald S. Lauder ist Präsident des Jüdischen Weltkongresses. : Bild: dpa

          Europa war immer schon ein Nährboden für den Hass gegen Juden. Aber heute tritt er in der ganzen Welt auf. Er kommt von ganz rechts außen und von ganz links außen, aus dem Nahen Osten und – was mir besonders leid tut – auch aus meinem eigenen Land. In einem Jahr, in dem rassistische Konflikte Amerika gespalten haben, waren 62 Prozent aller religiös motivierten Hassverbrechen gegen Juden gerichtet. In Deutschland hat sich der Antisemitismus in den letzten drei Jahren verdoppelt, mit mehr als 2000 Vorfällen 2019.

          Es gibt absolut kein anderes Land, das offener, ehrlicher und anständiger mit seiner Verantwortung im Zweiten Weltkrieg umgegangen ist, als Deutschland. Nicht Österreich, nicht Japan. Ihre Kanzler von Adenauer über Brandt bis zu Angela Merkel haben der Welt gezeigt, was verantwortungsvolle Führung bedeutet. Sie haben die Nachkriegsgeneration aufgeklärt, manchmal um den Preis des familiären Friedens. Aber als ich durch die Synagoge ging, die in Halle angegriffen wurde, als ich mit den Menschen dort sprach und als ich erfahren musste, dass Juden wieder Angst davor haben, Zeichen ihrer Religion öffentlich zu tragen, frage ich mich, ob genug getan wird in der Aufklärung der jüngeren Generation.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.