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VW und die Politik : Ein tolles Stück Deutschland

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Da war die VW-Welt noch in Ordnung: Kanzlerin Angela Merkel und Volkswagen-Chef Martin Winterkorn im Gespräch auf der IAA 2011 Bild: AFP

Für die deutsche Politik war VW stets etwas Besonderes, nicht nur Kanzler gerierten sich gerne als Autofreunde. Eine Geschichte von Nähe und Abhängigkeit.

          Es ist, muss ich wirklich sagen, ein bewegendes Ereignis, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in so großer Zahl versammelt zu sehen“, hat Angela Merkel gerufen. Musik gab es vom werkseigenen Blasorchester. Alte Filmmelodien, hielt ein Zuhörer fest, seien gespielt worden beim Einzug der Bundeskanzlerin zur wahrscheinlich größten Versammlung, vor der sie jemals gesprochen hat. Gut 20.000 Menschen. Im Stammwerk von Deutschlands größtem Unternehmen. Wolfsburg. Volkswagen. Das Jahr 2008. Betriebsversammlung, damals angeblich die 205. Die Leute waren begeistert.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          „Ich habe mir schon manche Fertigung angeschaut. Außerdem bin ich sozusagen als Golf-Fahrerin seit der Deutschen Einheit durchaus neugierig darauf gewesen, das neueste Modell schon einmal kurz in Augenschein zu nehmen.“ Beifall. Eine Versammlung sondergleichen, auch weil die Leute wussten, Merkel sei auf ihrer Seite. „Die Bundesregierung steht zu VW“ rief sie. „VW ist ein tolles Stück Deutschland.“ Fortan hatte Merkel die Rolle ihres Vorgängers übernommen. Als „Autokanzler“ hatte sich Gerhard Schröder stets präsentiert. Merkels Rede hatte – in Kurzfassung – den Inhalt: „Ich auch.“ Und Autokanzler hieß für die beiden stets auch: „VW-Kanzler.“

          Damals in Wolfsburg ging es um viel. Die Europäische Kommission machte sich daran, die besonderen Vorzüge des VW-Gesetzes zu kippen. Merkel versprach Widerstand. „Und diese Haltung werden wir auch vor der Europäischen Kommission mit aller Kraft und mit aller Klarheit vertreten.“ Beifall. Es ging noch um Schlimmeres. Die Übernahme durch Porsche. Baden-Württemberg statt und gegen Niedersachsen, über welche Frage sich sogar die CDU-Ministerpräsidenten-Freunde Christian Wulff (Niedersachsen) und Günther Oettinger (Baden-Württemberg) in die Haare bekommen hatten. Merkel bezog Position.

          Sie hob sich das Beste für den Schluss ihrer Rede auf – eine Verballhornung baden-württembergischer Eigenwerbung inklusive. „Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ich kann mich in die internen Diskussionen von Volkswagen nicht einmischen und will das auch nicht tun.“ Doch sie tat nur so. „Ich könnte – bitte ohne, dass anwesende Baden-Württemberger beleidigt sind – nur noch hinzufügen: Die Baden-Württemberger können alles außer Hochdeutsch; Sie hier können auch alles und noch Hochdeutsch dazu. Deshalb bin ich besonders gern heute hier in Wolfsburg.“ Merkel, die VW-Freundin. Martin Winterkorn, der Vorstandsvorsitzende, saß in der ersten Reihe. Er war zufrieden.

          VW war für die deutsche Politik immer besonders

          Merkel war gut ein Jahr im Amt der Bundeskanzlerin, als Winterkorn an die Spitze des Volkswagen AG kam. So gesehen ist er das, was Heinrich Nordhoff für Konrad Adenauer war, die beiden alten Herren aus den Zeiten des Wiederaufbaus. Adenauer für die Bundesrepublik. Nordhoff für VW - Erfinder der „Volksaktie“, die damals erstmals den deutschen Arbeitnehmer zum Aktienbesitzer machen sollte. Oder Carl Hahn für Helmut Kohl. Oder Ferdinand Piech für Gerhard Schröder. Kenner Schröders erinnern sich sogar, der Niedersachse habe damals, 1993, als er noch Ministerpräsident in Niedersachsen war und als solcher im Aufsichtsrat des Unternehmens saß, gegen einen Konkurrenten um die Führungsaufgabe im Konzern durchgesetzt.

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