https://www.faz.net/-gpf-6m4tb

Vroniplag Wiki : Tanz der Sockenpuppen

Martin Heidingsfelder selbst sieht sich als einen, der etwas anpackt und bewegt Bild: dpa

Martin Heidingsfelder ist das Gesicht der Internetplattform Vroniplag, die verdächtige Doktorarbeiten seziert. Er ist unter mehreren Pseudonymen im Netz unterwegs. Jetzt ist der Mann, der meist als „Goalgetter“ auftritt, in der Defensive.

          Manche halten Martin Heidingsfelder für einen Helden. Einen, der falsche Doktoren enttarnt und dafür sorgt, dass Politiker, die abgeschrieben haben, ihre Ämter verlieren. Andere sehen in seinem Projekt, dem Vroniplag Wiki, ein Scherbengericht. Wieder andere finden zwar das Projekt gut, halten aber dessen Gründer für einen Wichtigtuer. Heidingsfelder selbst sieht sich als Macher. Als einen, der etwas anpackt und bewegt. Wenn man ihn nur lässt.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Wie im Bundestagswahlkampf 2005. Im Schwimmbad kam Heidingsfelder die Idee, eine Anti-Merkel-Kampagne zu inszenieren: „Angela? Nein danke!“ - das sollte der Slogan sein. Die Internetadresse war noch frei, „und ich habe sofort zugeschlagen“. Heidingsfelder ließ Aufkleber drucken und mehr als zehntausend Anstecker herstellen, finanzierte sie aus eigener Tasche vor, verkaufte sie weiter. Eine „größere Negative-Campaigning-Aktion“ nennt er das heute, eine Aktion nach seinem Geschmack. Die Sticker seien ihm „aus der Hand gerissen“ worden. Heute findet Heidingsfelder, die zugehörige Website „gehört eigentlich mal professionell archiviert (Internet-Wahlkampf Geschichte Deutschland)“.

          „Der Schwarm muss zusammenbleiben“

          Damals war Martin Heidingsfelder bloß ein Ein-Mann-Unternehmer aus Erlangen, spezialisiert auf Online-Befragungen von Kunden und Mitarbeitern von Unternehmen. Er spielte zwar auch mal American Football in der Nationalmannschaft, aber das ist noch viel länger her, und wer interessiert sich in Deutschland schon für Football? Heute ist Heidingsfelder, Mitte vierzig, bundesweit bekannt, als „Goalgetter“, als Gründer des Vroniplag Wiki, jener Plattform, die Doktorarbeiten bekannter und weniger bekannter Personen seziert. Die schon Plagiate in den Arbeiten der FDP-Politiker Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis enttarnt hat. Wer ist dieser Mann, der plötzlich so viel Macht bekommen hat?

          Journalisten empfängt Heidingsfelder im Café Mengin am Schlossgarten von Erlangen. Er sitzt mit dem Rücken zum Fenster und beendet gerade ein Telefongespräch. Eine russische Zeitung war dran. Heidingsfelder sagt, die Russen wollten von ihm wissen, wie das so sei mit der Demokratie in Deutschland.

          Heidingsfelder erzählt an diesem Tag zwei Geschichten. Die eine handelt vom Schwarm, der geeint sein soll. Von einem guten Projekt, das nicht zerbröseln darf. Das die Medien schon zur Genüge heruntergeschrieben hätten. Dahinein passen Sätze wie: „Der Schwarm muss zusammenbleiben. Und dafür ist jeder Fisch wichtig.“ Die andere Geschichte handelt davon, wie manche versuchen, ihn vom Wiki abzuspalten. In der ersten Geschichte ist Heidingsfelder „nur ein kleiner Fisch im Schwarm“. In der zweiten ist er derjenige, ohne den Vroniplag längst nicht die Beachtung gefunden hätte, die sie fand. Die erste Geschichte folgt seiner Pressestrategie, die zweite zu veröffentlichen gilt als nicht hilfreich.

          Goalgetter und die anderen - das war von Anfang an ein schwieriges Verhältnis. Goalgetter bedeutet Torjäger. Ein Goalgetter kann im Alleingang ein Spiel zugunsten seiner Mannschaft entscheiden. Aber er lässt sich nicht so einfach einbinden, denn wenn ein Goalgetter die Chance wittert, einen Treffer zu landen, spurtet er los.

          Im Café Mengin wird ziemlich klar, was Goalgetter von Gruppendebatten und Mehrheitsentscheidungen hält. Nach dem Gespräch wird sein Medienberater, ein befreundeter Professor, dazu dieses Zitat autorisieren: „Gute Ideen sind am Anfang immer Einzelmeinungen, und selten stimmt die Mehrheit sofort zu.“ Ja, er habe Fehler gemacht, sagt Goalgetter noch. Aber für seine Alleingänge habe er sich schon entschuldigt und sei auch heftig dafür bestraft worden. Er wurde für Wochen aus dem Chat ausgeschlossen.

          Goalgetter zeigte sich unerbittlich

          Weitere Themen

          Eine Universität verirrt sich

          Plagiat und Datenschutzrecht : Eine Universität verirrt sich

          Wer in einer wissenschaftlichen Arbeit täuscht, muss mit einem ausführlichen Vermerk im Bibliothekskatalog rechnen. Uneindeutige Hinweise werden der Komplexität des Vorgangs nicht mehr gerecht.

          Verlorene Welt

          Jüdische Küche : Verlorene Welt

          In vielen Städten ist die jüdische Küche aus dem Alltag fast komplett verschwunden. Eine Spurensuche in Berlin, Wien und Brünn.

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          2:1 gegen Lazio Rom : Frankfurt spielt die perfekte Runde

          Die Eintracht holt im sechsten Spiel in der Europa League ihren sechsten Sieg. Die Partei bei Lazio Rom wird jedoch durch Krawalle, Festnahmen und Pyrotechnik überschattet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.