https://www.faz.net/-gpf-707rz

Vorsitzender der Piraten : „Gestatten, Schlömer“

„Die Piraten sind eine Partei, die liberal-pragmatisch denkt und handelt“: Bernd Schlömer Bild: dpa

Die Piraten haben bei vielen Wahlen gesiegt, aber was kommt danach, wenn der parlamentarische Alltag dräut? Eine Begegnung mit dem Parteivorsitzenden Bernd Schlömer.

          6 Min.

          Der Parteivorsitzende Bernd Schlömer hat sich für das Interview in einem Lokal in Berlin-Mitte verabredet, es heißt die „Böse-Buben-Bar“. Der Mann mit dem kurzen rötlich-blonden Haar und Bartstoppeln wartet in lässiger Kleidung, farbenfrohen Hosen und mit Tuch um den Hals, am Tresen. Die schon zum Markenzeichen aufgebaute Schiebermütze trägt er nicht, neben ihm liegt stattdessen ein Mopedhelm; der Sitz seines weißen Rollers wird draußen gerade vom Regen nass. Alles an Schlömer atmet das Unkonventionelle, das die Piraten in die Politik bringen wollen.

          Böse-Buben-Bar, außerdem Anhänger des FC St. Pauli, dessen Fans sich gern mit der Totenkopfflagge schmücken, Chef der Piratenpartei - passt das alles nicht ein bisschen zu sehr gewollt zusammen?
          „Nein, das ist Zufall.“

          ***

          Zum FC St. Pauli halte er, seit er vor vierzehn Jahren von Osnabrück nach Hamburg gezogen sei, lange vor Gründung der Piratenpartei, sagt Schlömer. Und in die Bar sei er zuerst selbst von einem Journalisten für ein Hintergrundgespräch eingeladen worden, und der habe zur Untermalung der politischen Aura des Lokals erzählt, dass hier die FDP-Frondeure Lindner, Rösler und Bahr einst den Sturz Westerwelles verabredet hätten. Und schließlich: Sei es nicht eine schöne Atmosphäre hier? Doch, das ist es, und Schlömer, der ein frugales Abendmahl aus einem Glas Wasser und einem Paar Wiener Würstchen verzehrt, hat zum Glück eine kräftige Stimme, die auf dem Band mühelos das Hintergrundklappern übertönt.

          Außerdem, führt Schlömer noch an, sei doch sonst alles an ihm klischeewidrig: Ein studierter Kriminologe, nun im Rang eines Regierungsdirektors Referent im Bundesministerium der Verteidigung, führt die Piratenpartei an.

          ***

          Ein Pirat im Ministerium, das die Bundeswehr gegen Piraten kämpfen lässt - das ist schon wieder ironisch.
          „Nein, ironisch nicht. Die Bundeswehr hat Aufgaben, die sie derzeit wahrnimmt. Unter anderem ein Einsatz gegen somalische Piraten unter dem Schlagwort Atalanta. Die Piratenpartei hat ihren Namen aus einer anderen Materie. Insofern ist es ein belustigender Zufall für andere.“

          ***

          Dass er als Vorsitzender einer Partei einem Dienstherrn aus einer anderen Partei zur Loyalität verpflichtet ist, sei für ihn kein Problem, glaubt Schlömer. Schon bei seiner Wahl zum Vorsitzenden gab er Auskunft, wie er sich verhalten würde, wenn die Partei beispielsweise in Sachen Auslandseinsätze eine andere Haltung einnähme als das Verteidigungsministerium: Wenn die Piraten dagegen seien, dann werde er das auch sein. Aktuell will er sich nicht zu solchen Fragen äußern, um eine Debatte nicht zu befeuern, die bislang noch gar keine sei, wie er sagt.

          Umbruch: Ende April löste Schlömer Sebastian Nerz (l.) als Parteivorsitzender ab
          Umbruch: Ende April löste Schlömer Sebastian Nerz (l.) als Parteivorsitzender ab : Bild: dpa

          Schlömer, der 2009 der Piratenpartei beigetreten ist, gleich zum Schatzmeister gewählt wurde und seit vier Wochen an der Parteispitze steht, kann von den Ursprüngen seiner Partei berichten, die in Schweden liegen. Da wurden im Jahr 2006 Computer und Server einer Plattform beschlagnahmt, die sich „The Pirate Bay“ nannte und auf der Material ausgetauscht wurde, für das im Handel sonst Geld zu bezahlen ist: Filme oder Musik hauptsächlich. Die gegen die Beschlagnahme protestiert haben, haben sich den Namen „Piratenpartei“ gegeben. „In spielerischer Anspielung an den Vorwurf, dass sie als Raubkopierer ja eigentlich Piraten seien, also Dinge an sich nehmen würden, die ihnen nicht gehören“, wie Schlömer sagt. Den Begriff „Raub“ mag er allerdings nicht. „Ich würde nicht diese Strafrechtssanktionen benennen. Es gibt Raub, und es gibt nach dem gegenwärtigen Recht Urheberrechtsverletzungen“, sagt er.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Lässt Statistiken für sich sprechen: Premierminister Boris Johnson

          Londons stiller Triumph : Das Ende der Astra-Zeneca-Skepsis

          Die Zweifel an der Wirksamkeit des Impfstoffs in Berlin und Paris haben in London Befremden hervorgerufen. Das Einschwenken beider Länder auf den britischen Impfkurs wird nun mit Genugtuung quittiert.
          Konzernzentrale und Stammwerk: der Daimler-Standort in Untertürkheim

          E-Auto statt Verbrennungsmotor : Daimler baut sein Stammwerk um

          400 Millionen Euro an Investitionen sollen Stuttgart-Untertürkheim ins Elektrozeitalter bringen. Statt Verbrenner-Großserie heißt es künftig: E-Auto-Campus und Batteriezellproduktion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.