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Pegida-Jahrestag : Die unerträgliche Seichtigkeit des Seins

  • -Aktualisiert am

Geschätzt zwei Drittel der Pegida-Demonstranten kommt von außerhalb, vor allem aus Ostsachsen und dem Erzgebirge (Archivbild vom 12.10.2015) Bild: AFP

Bei Pegida geht es nicht nur um Angst vor Überfremdung - sondern um Misstrauen gegen das demokratische System. Und auch wenn immer noch Zehntausende Menschen kommen: Die Hochzeit scheint vorbei.

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          Kürzlich hat eine Dresdnerin ihren Vornamen ändern lassen. Sie habe witzelnde Fragen wie „Ach, die haben den Namen von dir?!“ einfach nicht mehr ertragen, sagte sie der „Sächsischen Zeitung“. Dazu immer wieder diese Grölereien am Montag: „Ist die Peggy da? - Pegida!“ Das nerve, und überhaupt habe sie mit dieser Truppe nichts zu tun, sagte die Verlegerin auf die Frage, warum sie sich nach fast vierzig Jahren von ihrem Vornamen Peggy trennte und nun Katharina heißen will.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Das war die wohl persönlichste Konsequenz seit die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, kurz: Pegida, vor ziemlich genau einem Jahr in Dresden erstmals auf die Straße gingen. In der Folge rutschte das Ansehen der Stadt auf ein bisher nicht gekanntes Tief und das Sachsens gleich mit. Daran zweifelt inzwischen nicht mal mehr die CDU, die das Land seit 25 Jahren regiert. Der Ruf Sachsens sei im Eimer, konstatierte Generalsekretär Michael Kretschmer. Mittlerweile sagt Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sogar, die Bewegung und ihre Mitläufer trügen eine Mitverantwortung für Brandanschläge auf Flüchtlingsheime. So ist es oft allein an Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert, den Versuch zu wagen, die Reputation seiner Stadt zu verteidigen. „In Dresden leben 534.000 Menschen, und es ist zu kurz gegriffen, wenn unsere Stadtgesellschaft auf die montäglichen Demonstrationen reduziert wird“, sagte er jüngst.

          Die Dresdner kennen das Problem. Die Frage „Was ist eigentlich bei euch los?“ wird ihnen ständig gestellt. Und: „Wie kann man da überhaupt noch leben?“ Manche Dresdner, die das alles nicht mehr mit ansehen können, denken tatsächlich darüber nach, die Stadt zu verlassen. Umgesetzt haben diesen Wunsch freilich die wenigsten, auch weil sie ja die Stadt nicht „denen“ überlassen wollen. Das war schon zu DDR-Zeiten so: Wer ausreiste, machte sich immer auch ein bisschen verdächtig, das Land den Kleingeistern, der regierenden Partei und ihren Blockflöten zu überlassen.

          Frank Richter ist umgezogen. Der Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung wohnt heute in Markkleeberg bei Leipzig, nahe Dresden hat er nur noch eine Dienstwohnung. Er habe inzwischen „eine gewisse Distanz“ zu Dresden, sagt Richter, der im Herbst 1989 als junger katholischer Hofkaplan entscheidend dazu beitrug, dass die Revolution friedlich blieb. „Ich habe das Gefühl für diese Stadt verloren“, sagt er. Die Dresdner Bürgerschaft neige zur Polarisierung, es gebe wenig moderate Töne, kaum Differenzierung, aber den Zwang, sich zu einer Seite zu bekennen, und überhaupt eine große Unversöhnlichkeit in der politischen Auseinandersetzung. „Das prägt die Stadt mehr als andere“, sagt Richter, der das alles nicht erst seit Pegida erlebt, sondern schon in den harschen Konflikten um das Gedenken zum 13. Februar, dem Tag der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, erfahren musste. „Dresden genügt sich zu oft selbst, darüber sollte die Bürgerschaft nachdenken.“

          „Rituale wie bei den Nazis“

          Das aber heißt nicht, dass die Mehrzahl der Pegida-Demonstranten Dresdner sind - bis heute kommen geschätzt zwei Drittel von außerhalb, vor allem aus Ostsachsen und dem Erzgebirge. Es könnte aber erklären, warum Pegida hier entstehen und nur hier gedeihen konnte. Dresden als konservativ grundierte Großstadt mit Regierungssitz bietet eine geradezu ideale Bühne.

          Der Verdacht, dass es mit Pegida ein Problem geben könnte, kam Richter schon vor einem Jahr. Damals lief er mit Rupert Neudeck, dem Gründer von Cap Anamur, zufällig in eine der ersten Pegida-Kundgebungen hinein. Sie sahen Transparente, Deutschlandfahnen und gut tausend Menschen, die an ausgestreckten Armen mit den Bildschirmen ihrer Mobiltelefone den Himmel beleuchteten. Das seien ja Rituale wie bei den Nazis, habe Neudeck spontan gesagt. Die gleichen Bilder, die gleichen Symbole, der gleiche verhängnisvolle Irrtum wie damals, dass sich sozialer Zusammenhalt nur national organisieren ließe.

          Ihn habe das tief beeindruckt, sagt Richter, auch weil Neudeck die Nazizeit noch selbst erlebt hat. Richter fragte damals die Pegida-Organisatoren, was sie unter Abendland verstünden. Die Antworten seien „äußerst bescheiden und diffus“ gewesen, sagt er und gibt zu, dass er dann den Eindruck gehabt habe, „Neonazis in verändertem Outfit“ gegenüberzustehen. Auch er hatte sich von teils hetzerischen Reden, manchen Plakaten und einigen sichtbar Rechtsradikalen beeindrucken lassen. „Ich hatte übersehen, dass sich unter den Demonstranten viele befanden, die ernste politische Probleme auf die Straße getrieben hatten und Pegida als Ventil sahen, diesen Ausdruck zu verleihen.“

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