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Urwahl der Spitzenkandidaten : Die Grünen im dritten Zeitalter

Cem Özdemir hätte gegen eine schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene wohl nichts einzuwenden. Bild: dpa

Die Grünen könnten die SPD ablösen und bald mit der Union regieren. Doch jetzt geht es erst einmal darum, die richtigen Spitzenleute für die Bundestagswahl zu finden – das wird nicht leicht.

          Wird Katrin Göring-Eckardt Vizekanzlerin? Oder heißt der künftige Innenminister Özdemir? Könnte der Hofreiter Toni demnächst als Wirtschaftsminister den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft steuern? Die Grünen trauen sich das jedenfalls zu.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Wer in diesen Tagen mit dem Fahrrad von einem Grünen-Büro zum nächsten radelt, trifft bei den Gesprächen stets Politiker, die glauben, Land und Leute warteten dringend darauf, dass sie endlich ein paar Dinge verbessern: die Integration der Flüchtlinge, den europäischen Zusammenhalt, das Bildungswesen. Auch der Autoindustrie wollen sie gerne helfen, ehe sie die Zukunft verschläft. Wenn schon in Baden-Württemberg die Wähler glauben, grüne Politik und industrieller Wohlstand passten prima zusammen, warum dann nicht auch bundesweit?

          Wahlen können Haltungen verändern, Politiker beflügeln, frustrieren. Bei den Grünen hat sich in den vergangenen Wochen etwas verändert. Die Partei ist in ihrem dritten Zeitalter angekommen: Nach den rebellischen Gründungsjahren und der rot-grünen Projektphase hat nun eine Phase begonnen, wo die Partei jenseits klassischer Lager regierungsbereit ist. Sie glaubt, sie könne Politik für viele bieten, nicht bloß für die vegane Bildungselite. 2017 will sie wieder an die Macht, und zwar eher mit der Union als mit der SPD.

          Grüne werden derzeit fast überall zum Regieren gebraucht und das in verschiedenen Koalitionen. Falls die jeweiligen Verhandlungen Erfolg haben, könnten Grüne Ende des Monats mit CDU und SPD in Sachsen-Anhalt regieren, mit SPD und FDP in Rheinland-Pfalz, und sie könnten mit der kleineren CDU im Stuttgarter Landtag koalieren. Rot-Grün gibt es auch noch, in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein zum Beispiel, aber im Augenblick kann sich in der grünen Spitze niemand mehr vorstellen, wie die Bundes-SPD demnächst aus Depression und Dauerkrise herausfinden soll.

          Eher mit Söder-CSU als mit der Linken

          Rot-Grün ist für 2017 kaum noch möglich, Rot-Rot-Grün scheint unvorstellbar. Und über den Putinismus und Radikalpazifismus bei vielen Linken schütteln sie bei den Grünen nur noch die Köpfe. So verrückt haben sie nicht mal ihre eigenen fundamentalistischsten Fundis in Erinnerung behalten. Gemeinsames Regieren scheint selbst mit einer Markus-Söder-CSU eher vorstellbar als Rot-Rot-Grün.

          So weit also ist die Koalitionsfrage für die Zeit nach 2017 aus grüner Sicht schon weitgehend geklärt. Robert Habeck sagt, seine Partei sei dabei, die SPD als fortschrittsprägende Kraft abzulösen. Habeck ist ein Grüner aus dem landliebenden Bilderbuch mit kluger Frau, vier Kindern und Bauerngarten. In Schleswig-Holstein ist Habeck die Nummer eins seiner Partei, Minister für Energiewende und Landwirtschaft. Sein nächstes Ziel: Bundesregierung.

          Die Grünen könnten tatsächlich „Orientierungspartei“ für pragmatische Linke werden, derweil die Sozialdemokraten in Depression versinken und fast von der Bildfläche verschwinden wie in Baden-Württemberg. Allerdings, wer weiß, kann es auch wieder aufwärtsgehen, fast so schnell wie abwärts. Das haben ja die Grünen selbst schon erlebt, die vor der letzten Bundestagswahl bei hochfliegenden Umfragen über fünfzehn Prozent schwebten und dann bei enttäuschenden 8,4 Prozent hart landeten.

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