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Vor der OB-Wahl : Wie Stuttgart im Wohlstand erstarrte

Die Sonnenseite der Stuttgarter Innenstadt: das Neue Schloss. Bild: dpa

Die Eliten ziehen sich zurück, die Zukunft liegt im Nebel, das Leben ist ein Kindergarten: Stuttgart steht für die Städte, die im Wohlstand apathisch geworden sind.

          11 Min.

          Ab und zu wird in Stuttgart sogar mal etwas fertig. Kürzlich eröffnete der Architekt Christoph Ingenhoven den neuen U-Bahnhof für die Staatsgalerie. Außerdem ist das weltweit einmalige Mineralwasser-Schwimmbad Berg im Retrostil saniert worden. Die Stuttgarter können dort wieder in Champagner-Wasser baden. In neuem Glanz strahlt auch das Hegel-Haus zum 250. Geburtstag des Philosophen. Jede Eröffnung für sich wäre ein gesellschaftliches Ereignis, mit dem die Stadt von ihrem seit Jahren schlechten Image ablenken könnte. Jedenfalls für ein paar Minuten in den Nachrichten. Wenn die Pandemie nicht wäre. So oder so: Jeder Besucher erlebt die baden-württembergische Landeshauptstadt seit zehn Jahren, seit dem Beginn der Bauarbeiten für Stuttgart 21, als Baustelle, als staugeplagte Verkehrshölle, als unschwäbisch verdreckte Metropole des Unfertigen.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Ein besonderer Tiefpunkt war dieser Sommer, als an einem schwülen Samstagabend eine Horde randalierender jugendlicher Straftäter durch die Stadt lief, die Menschen in Angst und Schrecken versetzte und ein Bild der Verwüstung hinterließ. Noch irritierender war, mit welcher Sprachlosigkeit und Ignoranz die Stuttgarter Politiker darauf reagierten. Man dürfe Stuttgart jetzt nicht auch noch das „italienische Flair“ nehmen, hieß es, oder: da habe eine Partymeute etwas über die Strenge geschlagen. Selten ist so ignorant über manifeste soziale Verwerfungen und Integrationsprobleme von Einwanderern diskutiert worden.

          Wie kann das sein, in einer Stadt, die zu den reichsten Deutschlands gehört? In der (immer noch) das Herz der Automobilindustrie schlägt? Und in der das Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum – anders als in Berlin oder Duisburg – in großer Zahl vertreten ist. Und wo die Grünen seit zehn Jahren die beherrschende politische Kraft sind. Die Landeshauptstadt, schrieb die „Stuttgarter Zeitung“ kürzlich, sei eine Stadt, die sich selbst verstecke und deren Qualitäten sich nicht beim ersten Besuch erschlössen.

          Obertürkheim ist ein Stadtteil im Osten Stuttgarts. Ein Ort, an dem sich die Metallindustrie und der schwäbische Weinbau auf sympathische Weise begegnen. Das Germanistenehepaar Hannelore und Heinz Schlaffer hat sich vor vielen Jahren dort ein Haus in Hanglage gekauft. Der Gärtner ist gerade dabei, den Garten winterfest zu machen. Die Schlaffers leben seit 1975 in Stuttgart, sie haben sich an der Diskussion über die Zukunft der Städte häufig beteiligt; Hannelore Schlaffer schrieb vor ein paar Jahren den Essay „Die City“.

          Auf Abstand zum Talkessel

          Obertürkheim gefällt den Wissenschaftlern, weil man – nicht nur zu Corona-Zeiten – die Talkessel-Stadt gut auf Abstand halten kann. „Wir können Stuttgart gut ertragen, weil wir die reichen Mittelstädte Esslingen und Waiblingen dazuzählen, man muss diese Stadt einfach größer fassen“, sagt Heinz Schlaffer. „Stuttgart war nie eine Intellektuellenstadt, aber es war eine Bürgerstadt mit vielen gebildeten Menschen. Ja, man kann sagen, das wirtschaftlich starke und kulturell empfängliche Bürgertum gab hier mal den Ton an“, sagt der emeritierte Germanistik-Professor. Heute sei die Stadt ein „beliebiger Sammelplatz“, in dem man sich nicht mehr wohl fühle.

          Die Schlaffers geben gern zu, „erzkonservativ“ zu sein und einem Bild der Stadt aus dem 19. Jahrhundert nachzutrauern. Bürgerinnen und Bürger identifizierten sich heute nicht mehr mit der Innenstadt, sie suchten sich am Stadtrand ein Haus oder eine Wohnung, um schnell am Bodensee, in München oder am Flughafen zu sein. Das Diskussions- und Führungsvakuum, unter dem Stuttgart so leidet, zeige sich auch in anderen Stadtgesellschaften. „Überhaupt sind Geist und Geld aus der Stadt ausgezogen. Es gehört heute zum Image der gesellschaftlich Bevorzugten, die Innenstadt zu verachten. Die City gibt sich als apolitischer Ort. Die Metropole des 19. Jahrhunderts war eine Bühne, auf der sich der Bürger als politische Person vorstellte und sich zugleich über die Politik unterrichtete“, schreibt Hannelore Schlaffer in ihrem Essay.

          Der größte Stolz Stuttgarts in jüngster Vergangenheit und auch ein Ort für Debatten soll das neue Stadtmuseum am Charlottenplatz sein. Das ehemalige Wilhelmspalais war bis 1918 Wohnsitz des letzten württembergischen Königs Wilhelm II., der als freundlicher „Bürgerkönig“ galt. Die Stadt nannte es – noch bürgerfreundlicher, aber ahistorisch – in „Stadtpalais“ um und brachte darin das neue Stadtmuseum unter.

          Die städtischen Eliten ziehen sich zurück

          In diesem Sommer ließ der Museumsleiter vor dem Palais nun Liegestühle aufbauen, um eine Strandsituation und eine „urbane Düne“ zu simulieren. Es sollten „Entspannungsmomente“ geschaffen werden. „Stuttgart am Meer“ hieß die Aktion.
          Die distinguierten Schlaffers können sich, wenn es um das Museum geht, regelrecht in Rage reden. Das neue Museum sei nur „ein großer Kindergarten“ zur Unterhaltung der erschöpften Massen auf Kindergartenniveau.

          Die Aktion ist für das Ehepaar der beste Beleg für ein verkorkstes Verständnis von Stadt und auch das Symbol für das verquere Verhältnis der Schwaben zu sich selbst: „Das Ansehen Stuttgarts ist so schlecht, weil die Schwaben keine Begabung zur Repräsentation haben, sie grummeln gern, stellen sich, anders als die Münchner, nicht gerne dar. Sie sind aber zu Recht auch stolz auf das, was sie, die Boschs und andere geschaffen haben.“

          Ausschnitt aus dem Denkmal über die Auseinandersetzungen um „Stuttgart 21“ vor dem Stadtpalais in Stuttgart.
          Ausschnitt aus dem Denkmal über die Auseinandersetzungen um „Stuttgart 21“ vor dem Stadtpalais in Stuttgart. : Bild: dpa

          Hannelore Schlaffer führt gern durch ihr großzügiges Haus, ihr Schreibtisch ist geradezu pedantisch aufgeräumt, ihr ist es wichtig, im Arbeitszimmer nicht durch Bücherregale vom freien Denken abgelenkt zu werden. Die Schriftstellerin will unbelastet schreiben können. Auf ihrem Schreibtisch steht die Porzellanfigur „Tellus Bavaria“. „Wir stammen beide aus Bayern, wir sind aber keine ideologischen Bayern, wir verehren die Schwaben sogar, weil sie untertreiben und weil sie uns aufgenommen haben“, sagt Heinz Schlaffer. Die städtische Spaßgesellschaft kann ein funktionierendes Gemeinwesen nicht ersetzen.

          Die eigentlichen städtischen Eliten haben sich aus dem urbanen politischen Raum längst zurückgezogen. Sie lernten in ihren Villen auf der Gänsheide oder dem Killesberg, dass es sich auch ohne gesellschaftliches Engagement und politischen Gestaltungsanspruch kommod leben lässt, zumal wenn keine materiellen Sorgen bestehen. Die zehn reichsten Bürger der Stadt sind öffentlich heute gar nicht mehr präsent. Die Industrie- und Handelskammer Stuttgart gehört zu den reichsten Deutschlands. Vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts Deutschlands werden in dieser Region erwirtschaftet. In der Metropolregion Stuttgart leben mehr Menschen als im Stadtstaat Berlin. Bei der wirtschaftlichen Dynamik rangiert sie aber hinter Ulm und Heilbronn, wenn es um die Qualität des Wissenschaftsstandortes geht hinter München. Betrachtet man die Mietpreise und die Preise für Eigentumswohnungen, dann gehört die schwäbische Stadt nach München und Berlin zu den teuersten der Republik. Seit Jahren fehlen 30.000 bezahlbare Wohnungen.

          Die Stadt wird wegen des Aufstiegs der Grünen, der Wutbürgerbewegung gegen den Bahnhof, wegen ihrer wirtschaftlichen Stärke und der erst am Anfang stehenden Transformation der Automobilindustrie weiterhin zu den wichtigsten Zentren Deutschlands zählen – nur nimmt davon kaum jemand anerkennend Notiz. Als Hamburg vor ein paar Jahren mit der Eröffnung der Elbphilharmonie von sich reden machte, waren die Stuttgarter tief beleidigt, weil man ihnen nur wegen der Kehrwoche, des Feinstaubs, Demonstrationen für Dieselmotoren oder neuen Kostensteigerungen beim Bahnhofsprojekt etwas Aufmerksamkeit schenkte. Kaum eine andere deutsche Stadt muss gegen so viele und häufig auch ungerechte Klischees ankämpfen – bieder, brav, Maultaschen-Metropole.

          Aber keines dieser Klischees wird der Stadt gerecht. Die Vintage-Fahrradläden mit amerikanischen Gravelbikes boomen wie andernorts auch – eine reine Autostadt ist Stuttgart schon lange nicht mehr. Mit dem Schlossgarten oder dem Rosenstein-Park gibt es einzigartige Erholungsflächen. Nach der Zahl der Mitarbeiter ist das Staatstheater das größte Dreispartenhaus der Welt. Kaum eine andere Stadt ist Sitz so vieler renommierter Architektur- und Ingenieurbüros. Wer in Halbhöhenlage wohnt, läuft über die verwunschenen Treppenaufgänge, die berühmten Stäffele, binnen kürzester Zeit in die Innenstadt. So nah liegen schöne Wohnlagen mit Talkessel-Blick und schicke Restaurants nirgendwo sonst beieinander. Baulich leidet die Stadt bis heute an den Nachkriegszweckbauten, der Zerstörung durch den Bombenkrieg, dem Verlust der historischen Stadtstruktur, der Zerschneidung der engen Talkesselfläche durch stark überlastete Verkehrsschneisen.

          Sozial ist das angeblich „reiche Stuttgart“ keineswegs so homogen, wie das in Hannover oder Düsseldorf gern gesehen wird: Die sozialen Gegensätze zwischen den Stadtteilen Hofen oder dem Hallschlag und den besten Wohnlagen am Killesberg sind mindestens so groß wie in München zwischen Bogenhausen und dem Hasenbergl. An einigen Schulen im Nordbahnhofviertel gibt es Klassen ohne einen einzigen Bio-Deutschen. In Zuffenhausen, Feuerbach oder Wangen gehören von der Mehrheitsgesellschaft abgeschottete Einwanderermilieus zum Alltag. In den Stadtteilen Neugereut oder Mühlhausen gibt es soziale Brennpunkte. Die Armuts- und Integrationsprobleme unterscheiden sich nur unwesentlich von denen anderer deutscher Großstädte, auch wenn sie hinter einer bieder-schwäbischen Fassade vielleicht besser kaschiert werden.

          Bis 1972 war die SPD aufgrund der vielen Industriebetriebe die stärkste politische Kraft. Dann setzte ein politischer Wandel ein. Die CDU wurde stärker, nachdem sie sich in den Nachkriegsjahren schwergetan hatte, weil der schwäbische Pietismus und der Katholizismus der CDU schlecht miteinander harmonierten. Das änderte sich spätestens, als die CDU von 1974 bis 1996 mit Manfred Rommel einen später weltbekannten liberalen Oberbürgermeister stellte.

          Wie kam es zum Aufstieg der Grünen?

          Die starke Stellung der Anthroposophen in der Stadt (die erste Waldorfschule entstand hier), der Überdruss an der automobilen Moderne sowie dem Betonbrutalismus der siebziger Jahre waren Intensivdünger für die Grünen, die seit Mitte der achtziger Jahre einen rasanten Aufstieg erlebten. 1996 verloren sie ganz knapp die Oberbürgermeisterwahl. Heute sind sie stärkste Gemeinderatsfraktion, stellen den Oberbürgermeister und Regierungspräsidenten. In den Innenstadtbezirken sind die Grünen Volkspartei. Was sich in der Politik in Mehrheiten abbildet, hat seine Entsprechung auch im realen Leben in den Stadtteilen
          Der Stadtbezirk West ist so etwas wie eine gepflegte, schwäbische Miniaturvariante von Prenzlauer Berg – aber ohne Hundekot. In der Vogelsangstraße und am Bismarckplatz findet sich alles, was zum alternativ-urbanen Leben gehört. Die „Metzgerei“ ist der Treffpunkt der Hipster-Szene, im „Schüttgut“ gibt es nachhaltige und unverpackte Lebensmittel, im „Fragola“ treffen sich die Altlinken. Die Gemüsekisten bleiben hier nachts vor der Haustür stehen, ohne dass anderntags eine einzige Karotte fehlt. Hier dominiert nicht der Porsche SUV, sondern eher der VW California zum Caravaning – mit 66.000 Euro auch kein Schnäppchen. Der Wohnungsmangel ist so eklatant, dass junge Paare – er Manager bei Daimler, sie Oberärztin, ein durchaus typisches Beziehungsmodell – mit Foto exhibitionistische Wohnungs-Suchanzeigen aufgeben.

          Scheidet mit einer gemischten Bilanz aus dem Amt: der amtierende grüne Oberbürgermeister, Fritz Kuhn.
          Scheidet mit einer gemischten Bilanz aus dem Amt: der amtierende grüne Oberbürgermeister, Fritz Kuhn. : Bild: dpa

          Am oberen Ende der Vogelsangstraße ist ein Fußballplatz mitten in ein Wohngebiet gebaut, ein sozialer Treffpunkt. Die C-Jugend trainiert gerade. Frank Ramminger ist der Jugendleiter vom „SG Stuttgart West“. Er beobachtet den gentrifizierten Stadtteil seit zwanzig Jahren. „Urschwäbisch ist hier nichts mehr, am Sonntagmorgen sind die Ungarn auf dem Platz, am Samstag die Afrikaner. Das größte Problem dieser Stadt ist doch, dass es den Leuten eigentlich viel zu gut geht. Alle zwei Wochen stelle ich riesige Kartons mit Dingen zusammen, die in der Umkleide von den Kindern mal wieder vergessen worden sind. Da fragt niemand, ob was liegengeblieben ist. Die kaufen lieber fünfmal im Jahr eine neue Wasserflasche.“ Die Selbstzufriedenheit des grünen Milieus ist im Stuttgarter Westen so groß wie der Glaube an den Fortbestand des Wohlstands.

          Zwei Kilometer entfernt liegen die Lenzhalde und der Killesberg – Stuttgarts beste Wohngegend. Die Wenniges wohnen in einer Straße, in der der Blick in den Talkessel noch nicht ganz so prächtig ist, was Vorzüge hat. Denn die Wohnung ist noch bezahlbar, es stehen noch Namen an den Klingelschildern und nicht nur mysteriöse Initialen, und die Porsche-SUV-Dichte ist noch halbwegs erträglich.

          Tim Wenniges arbeitet als Geschäftsführer für einen Industrieverband, seine Frau Eva ist Mezzosopranistin. Die Wenniges kamen 2018 mit ihren vier Kindern von einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt aus China nach Stuttgart zurück. Die Rückkehr war ein herber Schock: „Das Schicksal wohlhabender Städte ist es, dass sie keine Energie mehr haben. Was mich schockiert hat, ist, dass es keine Dynamik mehr gibt, wie wenig sich verändert hat.“ Wenn in einer Stadt nur noch die Mieten stiegen und die Immobilienmakler damit zufrieden seien, dann sei das ein Alarmzeichen. Eine 80-Quadratmeter-Wohnung für 2,5 Millionen Euro könne sich noch nicht einmal der Partner einer großen Anwaltskanzlei leisten. „Die Chinesen bauen in zehn Jahren eine Millionenstadt, hier in Stuttgart dauert es zehn Jahre, bis das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium saniert ist“, sagt der 42 Jahre alte Geschäftsführer.

          Eva Wenniges, die in Karlsruhe aufgewachsen ist, kann nicht begreifen, warum sich die Stuttgarter mit einer ungepflegten Innenstadt zufriedengeben. „Als ich die Königstraße nach unserer Ankunft aus China sah, dachte ich, es darf doch nicht sein, dass man sich in einer der reichsten Städte Deutschlands mit so etwas arrangiert.“ Ihren Mann ärgert die geistige Trägheit, die sich in der Politik und auch bei den Eliten breitgemacht hat. „Von was will diese Stadt in Zukunft leben, wenn der Strukturwandel der Automobilindustrie doch Schrammen hinterlässt?“

          Mehr Einwanderer als in Berlin

          In Stuttgart leben mehr Einwanderer als in Berlin. Eine Krise der Automobilindustrie wäre sofort eine soziale Krise. Wenniges versteht nicht, warum sich Stuttgart nicht schon längst zur „Modellstadt für die Mobilität der Zukunft“ gemacht hat. Der Austausch zwischen den Eliten, also zwischen Politik, Künstlern, Wirtschaftsführern und Journalisten, funktioniere nicht mehr.

          Dahinter steckt ein tiefer Wandel der städtischen Gesellschaft, der sich in Stuttgart besonders deutlich zeigt, der sich aber auch in anderen deutschen Großstädten vollzogen hat: Die Gemeinderäte sind keine Gremien mehr, in denen sich die Honoratioren wiederfinden, ein paar Handwerker, ein Rechtsanwalt, vielleicht ein ehemaliger Manager. Im Gemeinderat finden sich seit Jahren eher Menschen, die ein ökonomisches Interesse am Sitzungsgeld haben.

          Früher zogen Unternehmerpersönlichkeiten wie Hans Peter Stihl, Berthold Leibinger oder der ehemalige Bosch-Chef Hans Lutz Merkle auch für die Stadt die Fäden; heute spielen Unternehmerpersönlichkeiten und Professoren im öffentlichen oder auch nur halböffentlichen Raum der Stadt keine Rolle mehr. „Es gibt keine Einflussagentur für die Wirtschaft mehr“, sagt einer, der in der Stuttgarter Halbhöhen-Welt zu Hause ist. Aber das linksliberale Bildungsbürgertum hat ebenso keinen spürbaren politischen Gestaltungsanspruch mehr.

          Wie lässt sich die Erstarrung aufbrechen?

          In den vergangenen zehn Jahren gab es aus der Bürgerschaft wenige Versuche, die Erstarrung der Stadt aufzubrechen. Der ehemalige SWR-Journalist Wieland Backes versuchte es mit seinem Verein „Aufbruch“. Der Architekt und Bauingenieur Werner Sobek mischte sich lautstark mit Vorschlägen zur Gestaltung der Kulturmeile ein, über die seit fünfzig Jahren gestritten wird.

          Einer der wenigen, die sich an der Diskussion über die städtische Zukunft aktiv beteiligen, ist Johannes Milla. Der Inhaber einer Kommunikationsagentur ist bekannt geworden als Schöpfer des Berliner Einheitsdenkmals – im Volksmund gern „Einheitswippe“ genannt. Milla schlug mal vor, das Neue Schloss in der Mitte der Stadt zum Bürgerschloss zu machen, es zum „Politiklabor“ und einem „politischen Lernort“ zu machen für die Bürger, um wieder Gemeinsinn zu stiften.

          „Kleinräumig funktioniert Stuttgart hervorragend, da geht niemand verloren, die Nachbarschaft funktioniert. Man geht hier achtsamer miteinander um als in manchen Vierteln von Berlin, dafür liebe ich den Stuttgarter Westen“, sagt Milla. Ihm sei es nach einem Spaziergang mit einem Opern-Besuch oder einem Spaziergang auf dem „Blauen Weg“ noch immer gelungen, künftige Mitarbeiter von dem Standort zu überzeugen. „Aber die Wirkung von Stuttgart 21 auf die Stadtgesellschaft ist viel weitreichender als die finanziellen und funktionalen Probleme des Projekts.“ Das Projekt habe einen nicht befriedeten Konflikt hinterlassen und in Verwaltung, Politik und der Bürgerschaft unendlich viel Zeit, Energie, Emotion, geistige Kapazität absorbiert, das habe sich zu Lasten wirklich zukunftsfähiger Projekte ausgewirkt. „Die weit über die Stadt verteilten Baustellen von Stuttgart 21 und Verschmutzungen, die rücksichtslose Beschädigung von Gebäuden und Parkanlagen führen zu einer Atmosphäre der Verwahrlosung des öffentlichen Raumes“, sagt Milla.

          Nur er bekennt sich noch zum Automobilstandort: der CDU-Kandidat für das Oberbürgermeisteramt Frank Nopper
          Nur er bekennt sich noch zum Automobilstandort: der CDU-Kandidat für das Oberbürgermeisteramt Frank Nopper : Bild: dpa

          An diesem Sonntag wird in Stuttgart ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Von den 14 Bewerbern gelten Frank Nopper (CDU), Veronika Kienzle (Grüne), Martin Körner (SPD-Kandidat), Marian Schreier (Einzelbewerber und SPD-Mitglied) und Hannes Rockenbauch (Ökologische Linke) als die fünf aussichtsreichsten Kandidaten. Keiner dürfte angesichts des breiten Bewerberfeldes im ersten Wahlgang die erforderliche absolute Mehrheit bekommen.

          Eigentlich müsste Nopper die überall mit Händen zu greifende Unzufriedenheit mit der Arbeit Fritz Kuhns (Grüne) einsammeln, aber es könnte auch sein, dass sich die diversen linken Parteien nach dem ersten Wahlgang hinter einem ihrer Bewerber versammeln. Nur Nopper, der mit einer klassischen CDU-Programmatik wenig anecken will, bekennt sich noch zum Automobilstandort, nur er kann auf Erfahrung als Oberbürgermeister verweisen, nämlich in Backnang. Körner wiederum war in vielen Diskussionsrunden derjenige, der mit den konkretesten Vorstellungen aufwarten konnte. Kienzle gilt selbst bei den Grünen als Verlegenheitskandidatin.

          Auch der Architekt Christoph Ingenhoven hofft auf bessere Zeiten für die Stadt, wenn der oder die neue Oberbürgermeisterin im Amt ist. „Als Fritz Kuhn ins Amt kam, habe ich ihm das Buch des dänischen Städteplaners Jan Gehl geschenkt, denn Kopenhagen könnte ja durchaus ein Vorbild für Stuttgart sein. Passiert ist in den vergangenen acht Jahren aber zu wenig“, sagt Ingenhoven. Er verstehe nicht, warum der Grüne nicht einen „Kuhn“-Masterplan 2050 für Stuttgart aufgestellt habe. „Man muss die Stadt radikal neu denken unter dem Eindruck von Klimawandel und Erderwärmung, aber auch sozialen Fragen und Fragen von Ungleichheit und politischer Partizipation, das ist alles nicht geschehen.“

          Im Atelier „Werkraum 18“ in der Vogelsangstraße im Westen hängt ein Schild mit einer Frage im Schaufenster: „Wie geht man große neue Dinge an?“ Diese Frage gilt. Für Stuttgart nach der Wahl in jedem Fall.

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