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Vor 20 Jahren : „Als Deutscher unter Deutschen“

  • -Aktualisiert am

Vor zwanzig Jahren empfängt Helmut Kohl Erich Honecker in Bonn Bild: dpa

Den Besuch in der Bundesrepublik vor zwanzig Jahren fasste nicht nur Honecker als Anerkennung seines Regimes auf. Doch der Wille zur Einheit der Nation beim eingemauerten und unterjochten Teil der Deutschen war viel stärker, als es sich der freie Teil überhaupt vorstellte. Von Rainer Blasius.

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          Die „Spalterfahne“ war gehisst, die „Spalterhymne“ erklang - zu Ehren Erich Honeckers, des DDR-Staatsratsvorsitzenden und SED-Parteichefs, der sich vom 7. September 1987 an für fünf Tage „zu einem offiziellen Besuch“ in der Bundesrepublik aufhielt. Was in der Adenauer-Ära als Verrat am Alleinvertretungsanspruch und am Ziel der Wiedervereinigung gegolten hätte, dann trotz einschneidender Veränderungen wie dem Grundlagenvertrag von 1972 und der Aufnahme beider deutscher Staaten in die Vereinten Nationen seltsam verdeckt geblieben war, stand vor dem augenfälligen Praxistest. Der zog immerhin 2400 Journalisten an den Rhein.

          Im Mercedes 600 war der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR vom Kölner Flughafen abgeholt worden. Um halb elf traf der Fahrzeugkonvoi am Bundeskanzleramt ein. Bundeskanzler Helmut Kohl trat auf den trotz erhöhter Schuhabsätze noch einen Kopf kleineren Honecker zu und reichte ihm die Hand. Danach ertönte zum ersten Male vor dem Kanzleramt das Lied „Auferstanden aus Ruinen“, die Hymne der DDR, anschließend „Einigkeit und Recht und Freiheit“, die Hymne der Gastgeber - ohne Gesang. „Ist das Protokoll nicht gnädig, dass es die Deutschen, die hier versammelt sind, der Verpflichtung enthebt, bei dieser Demonstration ihrer Teilung auch noch ein Lippenbekenntnis zur Einheit abzulegen und die Bitternis der Selbstverhöhnung zu ertragen?“ Dies fragte ein F.A.Z.-Korrespondent.

          „Ideologische Differenzen“

          Nach dem ersten Gespräch der Delegationen begab sich Honecker in die Villa Hammerschmidt, den Dienstsitz des Bundespräsidenten. Darauf hatte die DDR bestanden, obwohl es sich bei der Visite gerade nicht um einen Staats-, sondern nur um einen Arbeitsbesuch handelte - ein Unterschied für protokollarisch Geschulte. So war zum Beispiel Honeckers Limousine nur von sieben beziehungsweise neun statt der üblichen vierzehn Polizisten auf Motorrädern eskortiert worden. Und der Bundespräsident verzichtete auf militärisches Gepränge, das Staatsgästen zusteht.

          Erich Honecker im Saarland: „Fühle Se sich wie dehemm”

          Laut Ost-Berliner Niederschrift über das „Gespräch unter vier Augen“ begrüßte Richard von Weizsäcker nun Honecker „als Deutschen unter Deutschen im Sinne einer Geschichte, unter der E. Honecker als Deutscher gelitten habe. Bei seinem Besuch des Gropius-Baus in Berlin (West) habe er in einer dortigen Ausstellung“ über den Widerstand gegen das NS-Regime „Bilder aus E. Honeckers grausamster Lehrzeit gesehen“.

          Der Staatsratsvorsitzende lobte die „Politik des Dialogs“ seit dem Grundlagenvertrag: „Auch verwies er auf die Handhabung des Grenzregimes. Er sprach sich für offizielle Beziehungen zwischen der Volkskammer der DDR und dem Bundestag der BRD aus, wozu R. v. Weizsäcker bemerkte, hier seien ideologische Differenzen über die Wahl der Volksvertreter ins Parlament weniger das Problem als ideologische Differenzen in der jeweiligen Exekutive.“

          „Einzigartige Entgleisung“

          Die Formulierung vom „Deutschen unter Deutschen“ fand sich in der Ansprache Weizsäckers beim Mittagessen wieder. Im Rückblick stellte er 1997 zu dieser Begegnung fest: „Keiner von uns“ habe für die überschaubare Zukunft eine Chance zur staatlichen Wiedervereinigung gesehen; selbst der Kanzler von 1969 bis 1974 und jahrzehntelange SPD-Vorsitzende Willy Brandt „hatte sie als ,Lebenslüge' bezeichnet, Kohl stellte später fest, dass sie noch nicht auf der Tagesordnung der allgemeinen Ost-West-Politik stehe“.

          Kohl erwähnte den kleinen Seitenhieb Weizsäckers auf die Kanzler-Rede vom 7. September 1987 in seinen 2005 erschienenen „Erinnerungen“ nicht. Stattdessen hielt er auf Grund der Aufzeichnungen „von der DDR-Seite“ dem früheren Präsidenten vor, „keine Frage zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche oder zum Schießbefehl der Grenztruppen“ gestellt zu haben. Dessen Bemerkungen zum „Bonner Verzicht auf Beziehungen zwischen Bundestag und Volkskammer“ wertete Kohl als ein „klares Zugeständnis an Forderungen der SED“ und weiter Teile der westdeutschen SPD. Damit sei Weizsäcker „unserer Politik geradezu in den Rücken“ gefallen, ja, es habe sich um „eine einzigartige Entgleisung“ gehandelt.

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