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Von der Leyen unter Beschuss : Die Truppe ist eben kein Ponyhof

Macht Ursula von der Leyen aus der Bundeswehr einen Ponyhof oder führt sie die Truppe nur anders als erwartet? Bild: Foto: Dieter Rüchel

Manch altgedienter General verachtet die Verteidigungsministerin: Sie wisse nichts vom Militär. Ein Missverständnis. Denn Ursula von der Leyen will bei der Bundeswehr als Managerin erfolgreich sein, nicht als Krampfdrohne.

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          Diese Ministerin hat offensichtlich keine Ahnung vom Militär. Der alte General Harald Kujat verachtet sie deswegen. Aber Ursula von der Leyen versteht eine Menge von Kinderbetreuung, Arbeitsmarkt und Demographie. Seit neun Jahren führt die niedersächsische CDU-Politikerin in Berlin Bundesministerien. Niemand hat in diesen Jahren je behauptet, sie habe das Familien- oder das Arbeitsministerium nicht jederzeit im Griff. Es kann sein, dass sie deshalb für die Bundeswehr ein Glücksfall wird.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          In dieser Woche meldeten sich aber zunächst einige derjenigen, die sie für eine Katastrophe halten: Anstatt über die Abwehrbereitschaft der Nato in Krisenzeiten zu reden, über Kampfkraft gegen Putin, schwafle die Mutti aller Kompanien über eine „Attraktivitätsoffensive“ mit Familien-Soldaten, Teilzeitkommandeuren und Flachbildfernsehern. Leute, die so reden, sind natürlich auch für Gleichberechtigung. Jedenfalls solange keine Frau Verteidigungsministerin wird.

          Man werde von der Ministerin zu „Weicheiern und Warmduschern“ degradiert, beschwert sich ein angeblich „hochrangiger Offizier“ aus dem Verteidigungsministerium bei der Zeitschrift „Focus“. Da er selbst ein Weichei ist, traut sich der Mann nicht, seinen Namen zu nennen. Er wollte das nur mal so gesagt haben. Aus der Deckung.

          Das Ministerium, so scheint es, windet sich unter der neuen Ministerin. Kurz nach Amtsantritt haben Verwaltungsoffiziere und Fachbeamte von der Leyen fünfzehn komplexe Statusberichte zu großen militärischen Beschaffungsvorhaben vorgelegt. Es ging um Milliarden. Hubschrauber, Panzerfahrzeuge, Abwehrraketen, Drohnen. Präsentiert wurden ausführliche Papiere, geschrieben in dem Bestreben, unverständlich und vor allem bar jeder persönlichen Verantwortung zu bleiben. Der zuständige Rüstungsstaatssekretär vertrat die Ansicht, die Ministerin müsse Details nicht wissen. Das sei immer schon so gewesen und bleibe auch besser so. Von der Leyen wies sämtliche Berichte zurück. Wenn sie heute davon erzählt, schaut sie einen mit einer sehr eigentümlichen Mischung aus Besorgnis und Begeisterung an. Ja, heller Freude. Das Ganze war ein Machtspiel. Machtkampf. Der Rüstungsstaatssekretär wurde inzwischen entlassen. Der zuständige Abteilungsleiter ist auch nicht mehr im Amt.

          Der alte General Kujat schäumt: „Da sind echte Laien am Werk.“ Gemeint waren die Ministerin und ihr sehr ziviles Umfeld, die „Kampfgruppe von der Leyen“. Zu der gehören ihr Sprecher und vor allem ihr Staatssekretär Gerd Hoofe. Hoofe hat auch keine Ahnung vom Militär, aber er weiß in von der Leyens Gefolge mit großen Verwaltungen umzugehen, und er kennt das Parlament genau. Seit Jahren ihr politischer Begleiter, genießt er hohes Ansehen unter seinen Kollegen und auch im Bundestag. Seinetwegen hat von der Leyen kurz nach ihrem Amtsantritt den sehr langjährigen Ministerialbeamten Wolf abgesetzt. Auch der Nachfolger des Rüstungsstaatssekretärs soll von außen kommen. Angeblich eine Frau. Die Rede ist von einer Beratungsexpertin der Firma McKinsey. Dem Ministerium gingen allmählich „die Erfahrungsträger aus“, heißt es besorgt.

          Von der Leyen scheint darauf jedenfalls teilweise verzichten zu wollen. Man kann das schon an Äußerlichkeiten erkennen: Wenn sie im Bundestag Termine hat und Gesprächspartner trifft, ist weit und breit kein Offizier mit Aktentasche zu sehen, kein Adjutant, kein Beistand mit goldenen Sternen auf der Uniform. Frühere Minister genossen solche Machtbegleiter. Nach kurzer Eingewöhnungszeit riefen sie „Adjuuuu!!!“, falls der uniformierte Adjutant irgendwas herbeischaffen sollte. Dieselben Leute nannten Hubschrauber nach kurzer Zeit auch nicht mehr Hubschrauber, sondern „Drehflügler“. Von der Leyen findet das albern. Es erinnert sie an den Ärztejargon, den sie aus ihrem früheren Berufsleben kennt. Sie glaubt, er werde von Leuten gesprochen, die nicht wollen, dass Außenstehende etwas begreifen. Sie aber will die Bundeswehr verständlicher machen. Deswegen beißt sie sich auf die Zunge, wenn ihr das Wort „Standzeiten“ entschlüpft.

          Die Truppe leidet

          In der Bundespressekonferenz erschien von der Leyen am Mittwoch ebenfalls ohne Begleitoberst, um ihre Wohlfühloffensive zu erläutern. „Ich bin Frau genug, das alleine vertreten zu können“, entgegnete sie auf Fragen. Und dann lächelte sie ein Lächeln, das ihre Gegner an eine falsche Schlange erinnert, ihre Anhänger hingegen entwaffnend selbstbewusst finden. In den Berliner Sphären hat man sich auch darüber mokiert, dass die Ministerin mit einem ganzen Schwung Reporterinnen von Frauen- und Glamour-Zeitschriften zum Truppenbesuch ans Horn von Afrika gefahren ist. Sie wolle „die Bundeswehr anders erzählen“, entgegnet sie solcher Kritik. Ja vielleicht, sagen ihre Gegner, aber vor allem soll die Erzählung dann von ihr und ihrer Frisur handeln. Und nicht von den Sorgen der Bundeswehr.

          Die Truppe aber leidet. Man könnte meinen, das beträfe hauptsächlich die Entbehrungen im Einsatz, die Belastungen des kriegerischen Alltags, etwa am Hindukusch. Aber das ist es nicht. In Afghanistan sind die Mannschaften und Offiziere das, was sie sein wollten: Soldaten. Exzellent ausgebildet, gut ausgerüstet. Im Dienste Deutschlands bringen sie Frieden, schaffen Zeiträume für Wiederaufbau, schützen Leben. Notfalls mit Feuer und Schwert. Was dort in der Ferne vor allem zählt, hat die Bundeswehr-Werbung zu dem Motto gemacht: „Wir. Dienen. Deutschland.“

          Ursula von der Leyen hingegen hat in dieser Woche eine Broschüre vorgestellt, in der sie die Bundeswehr als „modernen, global agierenden Konzern“ präsentiert. Das klingt für manche erschreckend zivil. Im Vorwort verwendet die Politikerin einen neuen Dreiklang, der in den Ohren der Wir-dienen-Offiziere klingen muss wie eine satirische Botschaft: „Aktiv. Attraktiv. Anders.“

          Von der Leyen ist die erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Sie spricht fließend Englisch und Französisch. Sie arbeitet hart, lernt schnell. Und sie ist fünfundzwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges vielleicht die Erste, die wahrhaben will, dass sich die Bundeswehr nicht mehr als Lebens- und Aktionsraum für Patrioten genügen kann. Die Werbefilme des Ministeriums handeln von aufregenden Tagen mit Spezialfahrzeugen, Flugzeugen und Helikoptern. Alles ist schnell, technisch und von Kameradschaft bevölkert. Die Wirklichkeit ist oft anders: Panzerkompanien, deren Grenadiere ab und zu mit Leihpanzern üben dürfen, Piloten, die keine Übungsflüge absolvieren können. Kasernenstuben, in denen eine einzige Steckdose den Bedarf multimedialer Rekruten abdecken soll. „Dynamisches Verfügbarkeitsmanagement“ nennt sich solche Mangelverwaltung.

          Die Wehrpflicht bot über Jahrzehnte Gelegenheit, junge Leute anzuwerben, die sich von den mittelprächtigen Rahmenbedingungen nicht abschrecken ließen. Aber die Wehrpflicht ist abgeschafft. Niemand glaubt, dass sie je wieder eingeführt wird. Außer die Russen kommen. Heute, so formulieren es jüngere Offiziere, ist die Bundeswehr dabei, zur „Resterampe“ am Arbeitsmarkt zu werden: Wer sonst nichts findet oder den Anforderungen nicht genügt, geht halt da hin. Käme es tatsächlich so weit, wäre das Hightech-Unternehmen Bundeswehr nicht mehr zu betreiben.

          Von der Leyen will deshalb diesen Trend aufhalten. In den vergangenen Jahren hat sie als Arbeitsministerin erlebt, wie die Fachkräftegewinnung in Zeiten niedrigster Geburtenraten zur Schlüsselfrage für die deutsche Wirtschaft geworden ist. Anders als große Firmen und selbst mittelständische Handwerksbetriebe kann die deutsche Armee ihren Nachwuchs nicht unter jungen Spaniern oder Griechen gewinnen. Auch für Frauen ist sie immer noch kein besonders attraktiver Arbeitgeber. Viele junge Frauen, die sich zunächst engagierten, verschwänden wieder, verließen die Bundeswehr, beklagt die Ministerin. Warum das so ist, das will sie ergründen. Diese Frage scheint sie mehr zu beschäftigen als die Rostanfälligkeit des neuesten Marine-Hubschrauberprototyps.

          Auf jede Soldatin, jeden Soldaten im Auslandseinsatz kommen mehr als dreißig, die sich in Deutschland um sie kümmern - sie ausbilden, mit Ausrüstung und Lebensmitteln versorgen, medizinisch betreuen, ein- und ausfliegen. Unter den größeren westlichen Armeen hat keine andere einen ähnlichen Betreuungsschlüssel. Zurzeit umfasst die Bundeswehr etwa 260 000 Soldaten und Zivilbeschäftigte. Etwa 4700 waren Anfang Juni in Auslandsmissionen unterwegs.

          Wohlfühloffensive

          Im Heimatalltag geht es für die meisten Soldatinnen und Soldaten um die gleichen Fragen wie in jeder anderen Firma: Macht die Tätigkeit Freude, ist der Arbeitsplatz gut ausgestattet? Werde ich anständig behandelt und bezahlt? Wie kann ich Job und Familie miteinander in Einklang bringen? Die Bundeswehr braucht, da ist sich jedenfalls die Verteidigungsministerin sicher, ein moderneres Management, bessere Grundausstattungen, flexiblere Laufbahnen. Bloß weil es im Einsatz karg ist, muss das doch in der Kaserne nicht so sein, sagt sie.

          Die aktuelle Wohlfühloffensive ist ein erster Schritt. Etwa 100 Millionen Euro sollen für Verbesserungen in den Kasernen investiert werden. Das ist weniger, als eines der neuen Transportflugzeuge kostet, auf die in der Bundeswehr seit zwanzig Jahren gewartet wird. Im Spätsommer sollen per Gesetz Versorgungsansprüche beweglicher, Familienwünsche realisierbarer, Laufbahnen lukrativer werden. Das werde, so wird geschätzt, etwa fünfhundert Millionen Euro jährlich kosten. Gut investiertes Geld, könnte man meinen.

          Der alte General Kujat, ein Bauernsohn aus Westpreußen, ist trotzdem wütend auf sie. Für seinen ehrabschneidenden Ton hat er sich zuletzt entschuldigt. In der Sache wolle er aber bei seiner Kritik bleiben. Und er ist damit vermutlich nicht allein. Es gibt viele alte Generale, in der Truppe und im Ruhestand. Sie kennen das Verteidigungsministerium aus dem Effeff und haben Jahrzehnte in feingesponnenen Netzen von Politik, Organisation und Rüstung verbracht. Männer wie Kujat haben nie eine Kompanie im Auslandseinsatz geführt. Vom Kerngeschäft des Militärs - Kämpfen, Töten - und seinen Risiken haben sie genauso wenig praktische Ahnung wie die Frau Ministerin. Zum Glück für ihre Generation.

          Trotzdem sind sie eine Gefahr für die ambitionierte Ursula von der Leyen. Denn sie wissen die Waffen der Bosheit zu gebrauchen: üble Nachrede, Intrige, Papierkrieg. Harald Kujat ist seit neun Jahren in Pension. Seitdem fungiert er als eine Art Politoffizier in Talkshows. Auch von Frauen und Familie glaubt Kujat etwas zu verstehen: Er sagt, Frau von der Leyen komme ihm vor wie eine gute Hausfrau, die ihre Kinder versorgt.

          Als Verteidigungsministerin ist die siebenfache Mutter seit knapp sechs Monaten im Amt. Sie macht Reisen nach Afrika, Arabien oder Afghanistan, wo deutsche Soldaten helfen, Frieden zu sichern, Piraten zu verjagen oder die Taliban in Schach zu halten. Die Ministerin kommt als interessierte Politikerin.

          Manchmal benimmt sie sich wie eine Grundschullehrerin, erklärt alles in Zeitlupe und untermalt es mit Gesten, als erkläre sie einer Sechsjährigen, wie rund die Erde ist. Das kann ganz schön nerven. Aber anders als die meisten ihrer Vorgänger möchte sie dem Militärischen fremd bleiben. Sie will nicht in die Bundeswehr hineinwachsen, sondern die Bundeswehr soll mit ihr in die Gesellschaft zurückkehren, als Arbeitgeber, als familienfreundlicher Konzern. Nur dann, so glaubt sie, kann die Bundeswehr als bewaffneter Dienstleister des Parlaments und der deutschen Demokratie bestehen. Falls ihr das gelingt, kann sie vielleicht sogar einmal Bundeskanzlerin werden. Ebenso gut kann es aber auch sein, dass sie in eine der klein gedruckten Fallen tappt, die sich in den Vorlagen ihrer Verteidigungsbürokratie verbergen.

          Manchen alten General würde das freuen.

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