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Von Beruf Weihnachtsmann : Sie bimmeln, aber sie klingeln nicht

  • -Aktualisiert am

Frank Knorre im Weihnachtsmannkostüm kurz vor dem Auftritt Bild: Daniel Pilar

Turbo-Bescherer schaffen es an einem Heiligen Abend in 16 Wohnzimmer. Doch die Kunden sind anspruchsvoll: Glück soll er liefern, und seine Eile muss ein Weihnachtsmann genauso verbergen wie sein Navigationsgerät.

          6 Min.

          Frank Knorre braucht nicht viel für die Verwandlung. Clownweiß für den brustlangen Bart, ein wenig Lippenstift auf Wangen und Nase und schließlich den schweren Kapuzenmantel. Wenn er dann auf die Straße tritt, den Rücken leicht gebeugt, kennt ihn plötzlich jeder – und jeder will etwas von ihm. Der Gang durch Berlins Straßen wird zum Spießrutenlauf, auch wenn es in diesen Tagen von seinesgleichen nur so wimmelt: Auf Weihnachtsmärkten, in Kaufhäusern, an Hausfassaden, in Schaufenstern. „Hey Weihnachtsmann, hast du ein Geschenk für mich?“ Knorre kann nicht zählen, wie oft er diese Frage schon gehört hat. Und manchmal mag er sie nicht mehr hören. Der Weihnachtsmann, der Geschenkebringer: Diese Erwartungshaltung nervt ihn – und ist doch seine Waffe. Denn wenn Knorre streng und mit tiefer Stimme zurückfragt „Hast Du ein Gedicht für mich?“, folgt auch der frechste Jugendliche artig seinen Anweisungen.

          Es gibt kaum ein Weihnachtsgedicht, das Knorre nicht kennt. In den dreißig Jahren, in denen er als Weihnachtsmann unterwegs ist, hat er viel gehört – und er sagt, dass die Kinder, die er besucht, noch immer genauso Gedichte lernen wie zu seinen Anfangszeiten. Damals war er noch Student an der TU Berlin und sah in der Weihnachtsmannrolle eine gute Gelegenheit, Geld zu verdienen. Den langen Bart trug er zu jener Zeit schon, und er stritt sich mit dem Oberweihnachtsmann darüber, ob er als richtiger Weihnachtsmann noch einen falschen Bart brauche. Heute ist Knorre selbst Oberweihnachtsmann, gebietet über rund 90 Weihnachtsmänner, die er durch sein Unternehmen „Berliner „Weihnachtsmannzentrale“ vermittelt. Knorre sagt, das sei sein Lebenswerk.

          In einem kleinen, heruntergekommenen Ladenlokal in Steglitz, wo er zwischen Nippes, alter Elektronik, Büchern und Fahrradreifen seine Zentrale eingerichtet hat, hängt auch das Diplom, das den Einundfünfzigjährigen als Fahrzeugbau-Ingenieur ausweist. Er kennt die Modelle der Berliner U-Bahn, und er hat mitgeholfen, deren neue Generation zu konzipieren. Fachmännischer als der Rest der Berliner lässt er sich über die S-Bahn-Züge der Hauptstadt aus, die wieder einmal der Kälte nicht gewachsen sind. Doch in seinem Beruf arbeitet Knorre schon lange nicht mehr. Einen Arbeitgeber zu finden, der ihm den Dezember als Urlaub garantiert, ist nicht einfach.

          Frank Knorre bei der Verwandlung

          900 Bescherungen am Heiligen Abend

          Dabei trampelt Knorre inzwischen nur noch selten schweren Schrittes die Treppen hoch und lässt dabei die goldene Glocke durch den Flur bimmeln, um erst den aufgeregten Kinderstimmen zu lauschen, bevor er in die kerzenerleuchteten Wohnzimmer tritt und in erwartungsvolle Gesichter blickt. Bis auf eine Hand voll Auftritte vor und an Heiligabend hat er keine Zeit mehr. Das bereut er manchmal, aber die rund 900 Bescherungen, die er in diesem Jahr allein für den 24. Dezember im Großraum Berlin versprochen hat, wollen organisiert sein. Zehn bis zwanzig Prozent nimmt er an Vermittlungsgebühr, „das bringt mich durch den Winter“, sagt er.

          Noch wenige Tage vor dem Fest klingelt es fast pausenlos auf einer der fünf Leitungen: „Wir suchen noch einen Weihnachtsmann.“ Knorre geht in rotem Hemd und schwarzen Stiefeln im kleinen Laden auf und ab, spricht und raucht, verhandelt und beschwichtigt. Schließlich erfasst er die Daten in seinem eigens entwickelten Buchungssystem. Die Termine werden nach Postleitzahlen geordnet und zu Touren zusammengefasst – 14 bis 16 Termine schaffe ein „guter“ Weihnachtsmann, ein „Turbo-Bescherer“ gar noch mehr. Details aber behält Knorre für sich, und lacht geheimnisvoll in seinen Bart. Nur so viel: Hätte er das Personal dazu, könnten er und seine Weihnachtsmänner noch viel mehr Familien besuchen. „Berlin bietet noch viel Potential“, sagt er.

          In Berlin fehlt es an Weihnachtsmännern

          Knapp zehn einschlägige Agenturen zählt Berlin – Konkurrenz herrscht jedoch nur darum, wer in welchem Stadtteil führend ist, nicht um das einzelne Angebot. Nach Knorres Einschätzung können alle Anbieter zusammen die Nachfrage kaum befriedigen. „Sonst würde bei mir ja nicht dauernd das Telefon klingeln.“ So viele Menschen bestellen einen fremden, kostümierten Mann in ihre vier Wände, auf dass er ihnen Lob, Tadel und Geschenke austeile.

          „Wenn der Weihnachtsmann kommt, verändert sich jeder“, weiß auch Stefan Dößereck, „Kinder freuen sich oder sind aufgeregt, Erwachsene sind belustigt oder erinnern sich an ihre Kindheit.“ Der 42 Jahre alte selbständige Berater ist seit 16 Jahren als Weihnachtsmann im Rheinland und Ruhrgebiet unterwegs. Allein im Dezember legt er jedes Jahr 10.000 Kilometer in seinem alten Kleinwagen zurück, trägt Mitra oder Zipfelmütze, Knecht Ruprecht oder Engel auf dem Beifahrersitz, je nach Kundenwunsch. Ob Nikolaus oder Weihnachtsmann, die Frage sei nicht so wichtig, sagt er. Nur mit „Hohoho“-Santa Claus will er nichts zu tun haben. An die Theorie, dass der Weihnachtsmann eine Erfindung jenes „amerikanischen Erfrischungsgetränks“ ist, glaubt er nicht. „Am Ende ist es falsch, Nikolaus, Weihnachtsmann oder auch das Christkind auseinander zu treiben“, sagt er. „Sie alle haben einen hohen Symbolwert, den man nicht missbrauchen darf.“

          Gegen den „Missbrauch des Kostüms“

          Dafür hat sich Dößereck strenge Prinzipien auferlegt. An die müssen sich auch die anderen Weihnachtsmänner halten, die er geschult hat und denen er – provisionsfrei, wie er beteuert – Termine überlässt, die er nicht wahrnehmen kann. Der Kölner möchte der Weihnachtsmann sein, „den ich selbst suche“, sagt er. Darum lehnt er Auftritte zu reinen Werbezwecken ab und auch die „Kaufhausauftritte“, bei denen es nur ums Geschenke verteilen geht, entsprechen nicht seinen Vorstellungen.

          Er spricht vom „Missbrauch des Kostüms“, wenn er von „Kollegen“ erzählt, die im Hubschrauber durch die Gegend flögen. Er würde nicht einmal im Kostüm ins Auto steigen. Sobald er den Ort seines Wirkens wieder verlässt, hört er auf, ein Weihnachtsmann zu sein. Kein Mensch würde vermuten, dass der diskrete Metallkoffer des 1,95 Meter großen, untersetzten Manns aus ihm einen Weihnachtsmann machen könnte.

          Das ist bei Frank Knorre schwieriger. Denn selbst wenn der Berliner ohne Kapuze im Baumarkt nach einer Schneeschippe sucht, drehen sich die Leute nach dem Mann mit dem weißen Bart und der runden Nase um – „Hey Weihnachtsmann, hast Du ein Geschenk für mich?“ Gegen ein Gedicht hat er auch für den Mann im Blaumann ein Bonbon. Auch bei Knorre kann nicht jeder Weihnachtsmann werden. „Bei den Bescherungen an Heiligabend spielen wir mit Gefühlen und haben Einblick in sehr intime Momente. Deshalb ist es wichtig, dass eine gewisse Qualität garantiert ist.“

          Bevor der Oberweihnachtsmann jemanden in die Geheimnisse seines Berufsstands einweiht, muss der Bewerber mit Grundwissen überzeugen, jetzt, so kurz vor Heiligabend, auch einmal am Telefon. Was muss ein Weihnachtsmann über ein Kind wissen? Ob es ein Gedicht kann – und natürlich, wie es heißt und wie alt es ist. Warum kann es nicht der Weihnachtsmann sein, wenn es an der Tür klingelt? Weil er klopfen würde. Wer schreibt die Einträge ins goldene Buch? Die Engel.

          Neue Weihnachtsmänner werden kritisch geprüft

          Knorre sitzt hinter der fleckigen Ladentheke, seine blauen Augen blicken skeptisch durch die tiefsitzende Brille, er nickt und brummelt. Fast dreißig Minuten hält er sich mit dem Kandidaten am Telefon auf, ehe er sich entschließt, ihn zu seiner Schulung einzuladen, die wenige Tage vor Weihnachten stattfindet. Dreißig Jahre Weihnachtsmann-Erfahrung reichen für eineinhalb Stunden Schulung. Dass die Weihnachtsmänner nicht eine Minute übrig haben, soll die besuchte Familie auf keinen Fall merken. Dazu braucht es mehr als die Einhaltung der Grundregeln – „kein Alkohol, keine Navigationsgeräte, kein Handy“. „Das Ziel ist, die Spannung bis zur Bescherung zu halten“, sagt Knorre verschwörerisch. „Dazu dürft ihr niemals die Regie abgeben“, sagt er. Zusammen singen und Gedichte vortragen, vielleicht etwas aus dem goldenen Buch lesen – Päckchen verteilen und erst am Schluss erlauben, sie auszupacken. „Während sich das Wohnzimmer in einen Recyclinghof verwandelt, kann sich unsereins sauber verdrücken.“

          Die praktischen Tipps und Mahnungen, die er an seine Eleven weitergibt, entspringen nicht alle aus eigener Erfahrung. Es war nicht sein Auto, das mit leerem Tank stehen blieb, weswegen bei einigen Familien der Weihnachtsmann fehlte. Und es war natürlich auch nicht der Naturbartträger Knorre, der ohne Bart, aber mit Kostüm an der Tür klingelte und nach den Geschenken fragte.

          Mit offenem, roten Mantel und rotem Kopf geht er durch die Reihen der knapp dreißig Neulinge, die er in einem Café versammelt hat. Die Mission ist klar: „Am Ende wollen wir glückliche Kinder sehen“, sagt er, „lasst also lieber mal eine Ermahnung weg, die die Eltern im Vorgespräch gewünscht haben.“ Schließlich warnt er vor der „Kriegsfrage“: Nach dem Geld. Niemals streitet sich der Weihnachtsmann mit dem Kunden über seine Bezahlung – das übernimmt der Oberweihnachtsmann im Zweifelsfalle selbst, zum späteren Zeitpunkt.

          Das Feindbild ist ein roter Bademantel und ein Wattebart

          Der Theorie folgt eine Kostümkontrolle. Knorre sieht zwei Mal rot, als Bewerber im Filzkostüm zur Musterung antreten. Stefan Dößerecks Feindbild ist da ähnlich: Roter Bademantel und Wattebart. Er hat beim Kostüm nicht gespart: dunkelroter Samt mit Goldrändern, die Mütze mit breitem Plüschbesatz und „Riesenbommel“, ein voller, waschbarer Rauschebart – da kommen schnell ein paar hundert Euro zusammen, und der Kölner besitzt mehrere Ensembles. Er sagt, dass ihm die Weihnachtsmanngeschichte finanziell nichts bringe. „Natürlich bleibt am Ende etwas übrig, aber es gehört viel Idealismus dazu“, sagt er.

          Idealismus, der Dößereck dazu treibt, sich bis zu vier Mal täglich in den schweißtreibenden Samt zu hüllen, den kratzenden Bart übers Gesicht zu ziehen und immer wieder „Oh Tannenbaum“ anzustimmen. Mit tiefer Stimme vor einer versammelten Belegschaft zu stehen und sie zu mehr Sauberkeit in der Küche zu ermahnen. Oder die schlüpfrigen Witze einer Karnevalsgesellschaft zu tadeln. Reizvoll findet er die vielen Einblicke, die sich ihm durch dem Bart gewähren. Und beruhigend die Gewissheit, wieder aus dem Wohnzimmer raus zu sein, bevor Streit ausbricht. „Ich feiere so oft Weihnachten wie kein anderer.“

          Das reicht dann aber auch: Dößereck wird sich keinen Baum kaufen. Für ihn sind die Bescherungen erst am 31. Dezember vorbei. Dann verschwinden seine Kostüme für elf Monate im Keller. Frank Knorre aber hat dann mit Kunden zu tun, deren Weihnachtsmann zu spät oder gar nicht aufgetaucht ist, oder sich „entgegen den Erwartungen“ verhalten hat. „Fünf bis zehn Prozent gehen schief“, sagt er. Von den zufriedenen Kunden hört er meist nichts – bis zum nächsten November. „Wenn aus einem Gebiet ganz plötzlich viele Anfragen kommen dann weiß ich auch, dass mein Mann gut war.“ Bis dahin wird Knorre Fahrräder reparieren, und mit Tintenpatronen und Trödel handeln. Der Bart aber bleibt dran.

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