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Von Beruf Weihnachtsmann : Sie bimmeln, aber sie klingeln nicht

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Knorre sitzt hinter der fleckigen Ladentheke, seine blauen Augen blicken skeptisch durch die tiefsitzende Brille, er nickt und brummelt. Fast dreißig Minuten hält er sich mit dem Kandidaten am Telefon auf, ehe er sich entschließt, ihn zu seiner Schulung einzuladen, die wenige Tage vor Weihnachten stattfindet. Dreißig Jahre Weihnachtsmann-Erfahrung reichen für eineinhalb Stunden Schulung. Dass die Weihnachtsmänner nicht eine Minute übrig haben, soll die besuchte Familie auf keinen Fall merken. Dazu braucht es mehr als die Einhaltung der Grundregeln – „kein Alkohol, keine Navigationsgeräte, kein Handy“. „Das Ziel ist, die Spannung bis zur Bescherung zu halten“, sagt Knorre verschwörerisch. „Dazu dürft ihr niemals die Regie abgeben“, sagt er. Zusammen singen und Gedichte vortragen, vielleicht etwas aus dem goldenen Buch lesen – Päckchen verteilen und erst am Schluss erlauben, sie auszupacken. „Während sich das Wohnzimmer in einen Recyclinghof verwandelt, kann sich unsereins sauber verdrücken.“

Die praktischen Tipps und Mahnungen, die er an seine Eleven weitergibt, entspringen nicht alle aus eigener Erfahrung. Es war nicht sein Auto, das mit leerem Tank stehen blieb, weswegen bei einigen Familien der Weihnachtsmann fehlte. Und es war natürlich auch nicht der Naturbartträger Knorre, der ohne Bart, aber mit Kostüm an der Tür klingelte und nach den Geschenken fragte.

Mit offenem, roten Mantel und rotem Kopf geht er durch die Reihen der knapp dreißig Neulinge, die er in einem Café versammelt hat. Die Mission ist klar: „Am Ende wollen wir glückliche Kinder sehen“, sagt er, „lasst also lieber mal eine Ermahnung weg, die die Eltern im Vorgespräch gewünscht haben.“ Schließlich warnt er vor der „Kriegsfrage“: Nach dem Geld. Niemals streitet sich der Weihnachtsmann mit dem Kunden über seine Bezahlung – das übernimmt der Oberweihnachtsmann im Zweifelsfalle selbst, zum späteren Zeitpunkt.

Das Feindbild ist ein roter Bademantel und ein Wattebart

Der Theorie folgt eine Kostümkontrolle. Knorre sieht zwei Mal rot, als Bewerber im Filzkostüm zur Musterung antreten. Stefan Dößerecks Feindbild ist da ähnlich: Roter Bademantel und Wattebart. Er hat beim Kostüm nicht gespart: dunkelroter Samt mit Goldrändern, die Mütze mit breitem Plüschbesatz und „Riesenbommel“, ein voller, waschbarer Rauschebart – da kommen schnell ein paar hundert Euro zusammen, und der Kölner besitzt mehrere Ensembles. Er sagt, dass ihm die Weihnachtsmanngeschichte finanziell nichts bringe. „Natürlich bleibt am Ende etwas übrig, aber es gehört viel Idealismus dazu“, sagt er.

Idealismus, der Dößereck dazu treibt, sich bis zu vier Mal täglich in den schweißtreibenden Samt zu hüllen, den kratzenden Bart übers Gesicht zu ziehen und immer wieder „Oh Tannenbaum“ anzustimmen. Mit tiefer Stimme vor einer versammelten Belegschaft zu stehen und sie zu mehr Sauberkeit in der Küche zu ermahnen. Oder die schlüpfrigen Witze einer Karnevalsgesellschaft zu tadeln. Reizvoll findet er die vielen Einblicke, die sich ihm durch dem Bart gewähren. Und beruhigend die Gewissheit, wieder aus dem Wohnzimmer raus zu sein, bevor Streit ausbricht. „Ich feiere so oft Weihnachten wie kein anderer.“

Das reicht dann aber auch: Dößereck wird sich keinen Baum kaufen. Für ihn sind die Bescherungen erst am 31. Dezember vorbei. Dann verschwinden seine Kostüme für elf Monate im Keller. Frank Knorre aber hat dann mit Kunden zu tun, deren Weihnachtsmann zu spät oder gar nicht aufgetaucht ist, oder sich „entgegen den Erwartungen“ verhalten hat. „Fünf bis zehn Prozent gehen schief“, sagt er. Von den zufriedenen Kunden hört er meist nichts – bis zum nächsten November. „Wenn aus einem Gebiet ganz plötzlich viele Anfragen kommen dann weiß ich auch, dass mein Mann gut war.“ Bis dahin wird Knorre Fahrräder reparieren, und mit Tintenpatronen und Trödel handeln. Der Bart aber bleibt dran.

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