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Verschleierungs-Debatte : Warum ein Burka-Verbot falsch ist

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2. Die Burka ist ein Angriff auf die Menschenwürde.

Wer definiert, was der Würde des Menschen angemessen ist? In orthodox-konservativen Kreisen gilt freizügige Kleidung als „würdelos“. Geht es also um die Würde der Frau oder bloß um die Wahrung eines bestimmten, westlichen Frauenbildes?  Frauen, die einen Gesichtsschleier tragen, empfinden es häufig als Angriff auf ihre Würde, dass ihnen das Grundrecht auf Selbstbestimmung abgesprochen wird. Für sie gehört das Tragen des Schleiers  zu ihrer Identität und Integrität – zu ihrer Würde. Sie empfinden es als entwürdigend, wenn Frauen gezwungen werden, sich zu entblößen. Zentral ist: Die Menschenwürde ist ein Abwehrrecht des Bürgers. Wenn nun der Staat im Namen der Menschenwürde paternalistisch eingreift und Vorgaben macht, kommt es zu einer Tyrannei der Würde.

3. Die Burka entmenschlicht Frauen und macht sie zum Objekt.

Das zentrale Problem an diesem Argument ist, dass es in westlichen Gesellschaften eine Vielzahl von  Kontexten und Kleidungsformen gibt, die Frauen mehr oder weniger zum Objekt machen. Von Pornografie und Prostitution bis hin zu Sexzeitschriften und Schönheitsnormen – unsere Gesellschaft ist durchzogen von Symbolen, die Frauen sexualisieren und damit zum Objekt degradieren. Es ist ausgesprochen inkonsequent nur die Verdinglichung der Frau zu verbieten, wenn sie außerhalb unserer gesellschaftlich und kulturell  akzeptierten sexistischen Darstellungen liegt. Es ist zutiefst unfeministisch, Frauen im Namen der Gleichberechtigung in kolonialer Manier gewaltsam „zwangsemanzipieren“ zu wollen. Der Kampf um das Burka-Verbot ist kein altruistischer Versuch, unterdrückte Frauen zu retten, es ist ein Kampf um Leitkultur. Sexismus bekämpft man im Übrigen nicht mit der Einschränkung von Freiheitsrechten für Frauen, sondern mit Überzeugungskraft.

4. Die Burka passt nicht zu unseren Werten.                                                                                                                

Zu den Grundwerten unserer Gesellschaft gehört die Religionsfreiheit und das Recht auf Selbstbestimmung – auch für Minderheiten. Diese Rechte können nicht eingeschränkt werden, solange Rechte Dritter nicht verletzte werden. Welche Rechte anderer werden beim Anblick einer vollverschleierten Frau verletzt? Gerade das Grundgesetz schützt auch einen Lebensentwurf, der von der Norm abweicht. Man muss nicht Mainstream sein, man darf ausdrücklich auch Freak sein – solange andere Rechtsgüter nicht gefährdet sind.  Allein die Tatsache, dass die Mehrheit sich beim Anblick eines Gesichtsschleiers unbehaglich und befremdet fühlt, reicht noch lange nicht, um Freiheitsrechte zu entziehen. Es gehört zu unseren schwer erkämpften Werten, dass die Mehrheitsmoral nicht Maßstab für das Handeln eines Individuums sein muss.

5. Die Burka verhindert Integration.

Das ist gut möglich. Aber es gibt keine Pflicht zur Integration – es gibt jedoch ein Recht darauf, Außenseiter zu sein. Man kann schließlich auch nicht Schweige-Mönche oder kontemplative Nonnen gewaltsam in die Welt hinaus befreien. Abgesehen davon können vollverschleierte Frauen sehr wohl mit ihrer Umwelt kommunizieren. Spricht man mit ihnen, findet man zum Beispiel heraus, dass sich unter ihnen konsumorientierte, religiös eher desinteressierte Araberinnen finden oder pubertierende Mädchen, die die Schockwirkung des Gesichtsschleiers entdeckt haben. Oder Konvertitinnen, die auf ihre Weise gegen die Vermarktung des weiblichen Körpers protestieren sowie tief religiöse Menschen. Womöglich finden sich auch extremistische Salafistinnen oder IS-Sympathisantinnen darunter. Manche dieser Frauen experimentieren jedoch herum und tragen den Gesichtsschleier nur versuchsweise oder vorübergehend. Droht man ihnen mit einem Verbot sorgt das für Verbitterung und mitunter für eine extreme Trotzreaktion und Radikalisierung. Und diejenigen, die tatsächlich gezwungen werden, dürfen nach einem Verbot möglicherweise gar nicht mehr das Haus verlassen.

Khola Maryam Hübsch (35) ist Publizistin und freie Journalistin deutsch-indischer Herkunft. Sie studierte Publizistik in Mainz und hält bundesweit Fach- und Publikumsvorträge zum Thema Islam. Ihr aktuelles Buch heißt: „Unter dem Schleier die Freiheit- Was der Islam zu einem wirklich emanzipierten Frauenbild beitragen kann“.

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