https://www.faz.net/-gpf-aghuy

Sexueller Missbrauch : Auf der Vollversammlung des Synodalen Wegs werden Vorwürfe laut

Thomas Sternberg (M), Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, und Georg Bätzing (l), Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, eröffnen am 1.10.2021 die Zweite Synodalversammlung der katholischen Kirche. Bild: dpa

In Frankfurt ist die Vollversammlung des „Synodalen Wegs“ zusammengekommen. Der Deutschen Bischofskonferenz wird vorgeworfen, mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs immer noch hinterherzuhinken.

          2 Min.

          Es handele sich um eine „Fortschrittsanzeige“. So kündigte Bischof Stephan Ackermann am Freitag vor der Vollversammlung des katholischen Reformprojekts „Synodaler Weg“ in Frankfurt seinen Bericht zum Stand der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in den deutschen Bistümern an. Der langjährige Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz referierte, was die Bischöfe seit der Vorstellung der Missbrauchstudie der Deutschen Bischofskonferenz (MHG-Studie) im September 2018 unternommen haben, um sexuellen Missbrauch aufzuarbeiten.

          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.

          Wer von den gut 200 Mitgliedern des Synodalen Weges allerdings erwartet hatte, einen detaillierteren Überblick über den Stand in den Diözesen zu bekommen, der wurde enttäuscht. Zu einem der zentralen und heikelsten Punkte, der Einrichtung von unabhängigen Aufarbeitungskommissionen, wie sie die Bischofskonferenz im April 2020 mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung vereinbart hatte, verwies Ackermann nur auf die Internetseite der Deutschen Bischofskonferenz. Dort könne man den aktuellen Stand in den Bistümern abrufen. Er selbst beschränkte sich auf den Hinweis, dass diese Gremien schon in einer „Reihe von Bistümern“ ihre Arbeit aufgenommen hätten. Der Internetseite kann man mit Stand vom 22. September entnehmen, dass die Einrichtung solcher Kommissionen anderthalb Jahre nach der Vereinbarung erst in weniger als der Hälfte der 27 Bistümer vollständig abgeschlossen ist.

          Es gibt auch eine andere Bilanz

          Zwei Mitglieder des Betroffenenbeirates der Bischofskonferenz zogen am Freitag denn auch eine andere Bilanz der Aufarbeitung. „Ja, es ist einiges, vielleicht sogar vieles auf dem Weg“, sagte Kai Moritz. Aber es seien schließlich auch schon drei Jahre seit der Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz vergangen und elf Jahre seit dem Beginn des Missbrauchskandals in Deutschland. Und: Solange selbst drei Jahre nach der Missbrauchsstudie von deutschen Bischöfen bestritten werde, dass sexueller Missbrauch systemische Ursachen habe, stehe man immer noch ganz am Anfang, sagte Moritz. Gemeint waren damit vor allem der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki.

          Voderholzer meldete sich in der Aussprache später zu Wort und verwahrte sich gegen den Vorwurf, nicht sensibel gegenüber dem Leid von Betroffenen sexuellen Missbrauchs zu sein. Er habe mit vielen Betroffenen gesprochen und diese würden sein Engagement auch anerkennen, so Voderholzer. Er lehne es aber ab, die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs mit einer kirchenpolitischen Reformagenda zu verbinden und „das unfehlbare Lehramt der Betroffenen“ anzuerkennen. Seine Äußerung empörte etliche Mitglieder. Eine Synodale sprach von einer „Unverschämtheit“.  Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck erwiderte: „Wir sind Volk Gottes und können nur Licht der Welt sein, wenn wir mit den Tränen und den schwierigen Lebenssituationen so vieler Betroffener wirklich ernst umgehen, deshalb kann man auch vom Lehramt der Betroffenen sprechen.“ Es sei die Lehre, die sie in die Nähe Jesu rücke. „Dieses ist das einzige wirklich unfehlbare Lehramt. Und dafür bin ich sehr dankbar“, sagte Overbeck.

          Voderholzer blieb jedoch eine Einzelstimme. Woelki schwieg an diesem Freitag. Aber auch die anderen Bischöfe mussten sich Vorwürfe anhören. Johanna Beck, ebenfalls Mitglied des Betroffenenbeirats der Bischofskonferenz fragte zum Abschluss: „Warum beten sie in einem Gottesdienst der Vollversammlung in einer Fürbitte, dass Gott die Tränen der Betroffenen trockne, warum trocknen sie sie nicht selbst?“

          Weitere Themen

          „Jetzt beginnt die Zeit der Tat“ Video-Seite öffnen

          Ampel-Koalitionsvertrag : „Jetzt beginnt die Zeit der Tat“

          SPD, Grüne und FDP haben den Koalitionsvertrag für eine Ampel-Regierung unterzeichnet. Olaf Scholz (SPD) soll am Mittwochmorgen im Bundestag zum Nachfolger von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gewählt werden.

          Topmeldungen

          Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko

          Lukaschenkos Propaganda-Sender : Business mit Belarus

          Zwischen Lukaschenkos agitatorischer Hetze läuft Werbung für deutsches Waschmittel: Das Unternehmern Henkel wirbt bisher eifrig auf den Propagandasendern des belarussischen Diktators. Doch nun deutet sich ein Rückzug an. Auch Nestlé hat auf Kritik reagiert.
          Kein Bayer mehr im Kabinett? Himmel hilf, was ist da los?

          F.A.Z.-Machtfrage : Immer gegen die Saupreißn!

          Markus Söder ist empört: Kein Bayer mehr im Kabinett! Dabei zeigt das Saarland: Auch viele Minister bedeuten nicht automatisch einen nachhaltigen Eindruck auf das Land. Die F.A.Z.-Machtfrage.
          Da ist das Ding: Die Ampel-Koalitionäre mit dem frisch unterschriebenen Koalitonsvertrag

          Ampel-Koalition steht : Fortschritt in zehn Minuten

          SPD, Grüne und FDP unterzeichnen ihren Koalitionsvertrag im „Futurium“. Wer die Chefs der drei Koalitionspartner sind, ist dabei völlig klar.