https://www.faz.net/-gpf-127kr

Volksentscheid : Berliner Kampf um Religion

  • -Aktualisiert am

Wowereit und der „kluge Mensch Jauch“

„In Berlin geht's um die Freiheit. Sagen Sie nicht, Sie hätten keine Wahl gehabt“: So wirbt Günther Jauch für das Wahlpflichtfach Ethik/Religion. Dass „kluge Menschen wie mein Freund Jauch“ von Freiheit reden, empört den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD): „Die haben doch noch nicht begriffen, was Freiheit ist!“ In seiner flapsigen Art beschrieb Wowereit seine Position so: „Wenn die Eltern es schaffen, ihre Kinder zum Ballettunterricht zu bringen, dann werden sie es wohl noch schaffen, dass sie aus Überzeugung zu ihrem Glauben stehen und in den Religionsunterricht gehen.“

Die Linkspartei gibt sich noch fescher. Auf ihren Plakaten hängen Dürers „Betende Hände“ im Wechselrahmen auf nikotingelber, großgeblümter Mustertapete. Die Botschaft ist leicht entziffert: Religion - das ist was für arme Spießer. Rot-Rot versteht die Sache so: „Religion ist freiwillig“, wer also meint, fromm sein zu müssen, hat gefälligst einige Härten auf sich zu nehmen.

Vorwurf des „verstockten Säkularismus“

Dass sich ausgerechnet eine rot-rot-grüne Allianz, die etwas auf ihre avancierten Positionen zum Zusammenleben mit Fremden hält, von dem Soziologen Heinz Bude einen „verstockten Säkularismus“ und die Verteidigung überkommener West-Berliner Milieuverbohrtheiten vorwerfen lassen muss, zeigt, dass der Volksentscheid durchaus auf der Höhe der Zeit ist. Viele Berliner haben die Diskussionsangebote der vergangenen Monate angenommen. Am sprödesten zeigen sich die Politiker.

Wie SPD und Linkspartei unterstützen die Grünen die regierungsnahe Gruppe „Pro Ethik“ mit Geld. Doch ihr Fraktionsvorsitzender Volker Ratzmann wertet die Art, wie Wowereit und die Seinen die gesellschaftspolitische Debatte verweigern, als Zeichen, dass Rot-Rot sie gar nicht begreift: Der Volksentscheid wäre in seinen Augen eine gute Gelegenheit zu klären, ob Berlin die Hauptstadt des Atheismus sein oder eine „multireligiöse“ Großstadt werden möchte. So formuliert es auch der evangelische Bischof Wolfgang Huber: Die Berliner Regelung sei anachronistisch, in einer „multikulturellen, religiös pluralen Stadt“ sei seriöse religiöse Bildung gefragt.

Rabbinerin Gesa Ederberg von der Jüdischen Gemeinde findet es „erfreulich“, dass neuerdings über die Rolle von Religion im öffentlichen Raum gestritten wird. Muslime haben begonnen mitzureden, wenn auch zaghafter als Christen und Juden. Ein Sprecher des türkisch-islamischen Verbands Ditib, der mit dem türkischen Religionsamt verbunden ist, und eine Sprecherin des „Zentralrats der Muslime“ unterstützen die Statusaufwertung des Religionsunterrichts und die Wahlfreiheit ausdrücklich, ohne eigene Pläne zu haben, sich den Zugang zum Unterricht notfalls vor Gericht zu erkämpfen.

Das tat über Jahre die „Islamische Föderation“, die heute an 31 Grundschulen 4700 Schülern islamischen Religionsunterricht erteilt. Ihr Unterricht wird viel kritisiert, ohne dass er evaluiert würde. Der Lehrplan wurde genehmigt, Unterrichtssprache ist Deutsch, genau wie der Unterricht aller anderen Religionen findet er zwar im Schulgebäude, aber außerhalb der Berliner Schule statt.

Weitere Themen

G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete Video-Seite öffnen

Noch keine konkreten Maßnahmen : G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete

Ungeachtet anhaltender Spannungen in wichtigen politischen Fragen haben sich die G7-Staaten bei ihrem Gipfel in Biarritz auf einen gemeinsamen Gegner einigen können: die Feuer im Amazonasgebiet. Die sieben westlichen Industriestaaten seien überein gekommen, den betroffenen Staaten „so schnell wie möglich“ Unterstützung zukommen zu lassen, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

„Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

Union und Kohleausstieg : „Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

Die Verunsicherung unter den Bergleuten war groß, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst einen Ausstieg aus der Kohle 2030 ins Spiel brachte. Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht nun, am Kohle-Ausstiegstermin 2038 nicht mehr zu rütteln.

Topmeldungen

Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.
Die Union hat in Dresden die Kohle im Blick

Union und Kohleausstieg : „Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

Die Verunsicherung unter den Bergleuten war groß, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst einen Ausstieg aus der Kohle 2030 ins Spiel brachte. Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht nun, am Kohle-Ausstiegstermin 2038 nicht mehr zu rütteln.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.