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Lange geplante Entführung : Die Liebesfalle für Trinh Xuan Thanh

Politische Beobachter gehen davon aus, dass die Entführung von Trinh Xuan Thanh die Folge eines Machtkampfs in der Kommunistischen Partei Vietnams war. Denn eigentlich hatte Trinh in seiner Heimat steil Karriere gemacht. Er war ranghoher Parteifunktionär und Vorstandsvorsitzender eines staatseigenen Baukonzerns gewesen. Trinh galt als Vertrauter des ehemaligen Ministerpräsidenten und Reformers Nguyen Tan Dung und war sogar als stellvertretender Minister für Industrie und Handel im Gespräch. Doch auf dem 12. Parteitag der Kommunistischen Partei im Januar 2016 verloren die westlich orientierten Reformer einen Machtkampf gegen den konservativen Parteiflügel – Trinh fiel in Ungnade. Die vietnamesische Polizei ermittelte fortan wegen mehrerer Wirtschaftsdelikte gegen den einstigen Funktionär. Trinh floh über Laos und Thailand in die Türkei und reiste im August 2016 mit einem Diplomatenpass nach Deutschland ein. Dort beantragte er Asyl.

Doch die vietnamesische Polizei ließ nicht locker. Mehrfach forderte sie die deutschen Behörden auf, Trinh auszuliefern. Ranghohe vietnamesische Politiker sprachen das Thema sogar am Rande des G-20-Gipfels in Hamburg an. Schließlich folgte die dreiste Entführung im Sommer.

Dabei kommt der vietnamesischen Botschaft in Berlin eine besondere Rolle zu. Ein ranghoher Mitarbeiter half nach Ansicht der Ermittler dabei, Spuren zu verwischen. Er rief kurz nach der Tat einen Bekannten an, der in Berlin lebte. Diesen bat der Botschaftsmitarbeiter, er möge ihm bei der Abholung des Gepäcks einer Vietnamesin aus einem Hotel helfen. Die Frau habe einen Unfall gehabt. Der Bekannte erklärte sich dazu bereit; kurz darauf tauchte er mit einer Vollmacht an der Rezeption des Hotels Sheraton auf. Sie war unterschrieben von der Geliebten Trinhs, mitsamt einem Vermerk der Botschaft. So konnte der Gehilfe, der von der Entführung offenbar nichts wusste, das Zimmer ausräumen.

Und sogar bis in die Slowakei reichen die Verwicklungen des vietnamesischen Geheimdienstes. Drei Tage nach der Entführung, am 26. Juli 2017, fuhren mehrere Tatverdächtige aus Prag mit einem gemieteten Auto nach Pressburg. Das Auto stellten sie auf dem Parkplatz des Hotels Borik ab – so geht es aus den GPS-Daten hervor. Das Hotel untersteht der slowakischen Regierungsverwaltung, und just an dem Tag, an dem die Verdächtigten dort parkten, fand im Borik ein Arbeitstreffen ranghoher vietnamesischer und slowakischer Politiker statt. An dem Treffen nahmen der vietnamesische Minister für öffentliche Sicherheit, To Lam, teil, sowie General Hung – der Hauptverdächtige und mutmaßliche Kopf der Entführung. Hung reiste dafür sogar gezielt aus Vietnam an, obwohl er Europa doch gerade erst verlassen hatte. Auf slowakischer Seite nahmen an den Gesprächen der damalige Innenminister Robert Kalinák und der stellvertretende Ministerpräsident teil.

Ermittler halten es für wahrscheinlich, dass sich der Entführte Trinh zu diesem Zeitpunkt noch immer in Europa befand. Warum also das Treffen, zu dem gleich mehrere vietnamesische Hauptverdächtige kamen? Verhandelten Vietnam und die Slowakei darüber, wie man Trinh aus Europa würde schaffen können? Half die Slowakei unter Umständen sogar dabei? In slowakischen Medienberichten heißt es, die Gespräche dienten dem Ziel, die Zusammenarbeit beider Länder auf dem Feld der öffentlichen Sicherheit zu vertiefen. In diesem Sinne äußerte sich auch Innenminister Kalinák. Wenige Tage danach trat Trinh Xuan Thanh zum ersten Mal im vietnamesischen Fernsehen auf.

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