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Lange geplante Entführung : Die Liebesfalle für Trinh Xuan Thanh

Die Geheimdienstler beobachteten das Liebespaar am folgenden Tag beim Besuch eines Brillengeschäfts in Berlin und am Abend dabei, wie es bei einem Italiener aß. Sie ließen Trinh Xuan Thanh und seine Geliebte nicht mehr aus den Augen. Die Gelegenheit, zuzuschlagen, war zu jenem Zeitpunkt besonders günstig. Beide Opfer waren im Sheraton in der Nähe des Tiergartens untergebracht und viel in der Stadt unterwegs. Normalerweise war Trinh deutlich vorsichtiger. Er lebte mit seiner Frau und seinen Adoptivtöchtern in einem Einfamilienhaus in Spandau und nicht in der dem Einwohnermeldeamt bekannten Wohnung. Trinh war außerdem von Freunden in Vietnam mehrmals gewarnt worden, dass er in Gefahr sein könnte. Entsprechend zurückgezogen soll er gelebt haben.

Doch die Affäre gab den Geheimdienstlern eine einmalige Möglichkeit zum Zugriff. Sie hatten in Berlin in mehreren Hotels Zimmer bezogen, alle in unmittelbarer Nähe des Sheraton – die Dreistigkeit ihres Vorgehens zeigt sich auch daran, dass sie die Zimmer mit vollem Namen über ein Portal im Internet buchten. Im Hotel planten die Leute vom Geheimdienst nach Ansicht der Ermittler akribisch ihre Operation. Das ergibt sich aus den Verbindungsdaten der verdächtigen Telefonnummern. Ständig riefen sich die Vietnamesen gegenseitig an – General Hung etwa verließ sein Zimmer im Hotel zwei Tage lang kaum und telefonierte fast ununterbrochen. Ihn halten die Ermittler für den eigentlichen Kopf der Operation. Dass er jemals gefasst wird, ist allerdings fraglich: Denn der General verließ kurz nach der Tat das Land und flog wenig später zurück nach Vietnam.

Folge eines Machtkampfs?

Am Tag der Entführung verließen Trinh und seine Geliebte das Sheraton durch den Haupteingang. Kurz danach fuhr der Van in der Nähe los – wahrscheinlich hatte einer der Beschatter seine Komplizen informiert, dass es nun losgehen würde. Im Tiergarten ergriffen mehrere Personen Trinh und seine Geliebte und zerrten sie in den Van. Zeugen beobachteten die Tat. Aus ihren Aussagen ergibt sich, dass sich beide Opfer heftig gewehrt haben mussten. Einer der Zeugen ging davon aus, dass die Vertraute Trinhs einen epileptischen Anfall erlitt, so heftig habe sie um sich geschlagen. Ein anderer sagt am Mittwoch vor Gericht, er habe zuerst geglaubt, es handele sich bei der Gruppe um ein paar übrig gebliebene Feierwütige vom Christopher Street Day. Aber dann habe die Frau geschrien, und da sei ihm klar gewesen, dass sie nicht freiwillig mit zum Van gekommen sei.

Die Entführer rasten anschließend an der Siegessäule vorbei, bogen in Richtung Brandenburger Tor ab und fuhren zur vietnamesischen Botschaft im Osten der Stadt. Vor allem die Stunden unmittelbar nach der Tat zeigen, wie akribisch sie geplant war: Handlanger stornierten die Zimmer in den Hotels, in denen sich die Köpfe der Operation aufgehalten hatten. Sie bezahlten in bar. Zu jenem Zeitpunkt half die Botschaft tatkräftig dabei mit, das Verbrechen zu vertuschen. So buchte eine Mitarbeiterin der vietnamesischen Botschaft ein One-Way-Ticket nach Hanoi über Peking und Seoul für die Geliebte Trinhs. Zwei Personen begleiteten die Frau auf dem Flug, einer von ihnen soll Verwaltungsmitarbeiter der Botschaft sein. Der letzte bekannte Aufenthalt der Frau ist ein Krankenhaus in Hanoi, wo sie wegen eines gebrochenen Arms behandelt wurde. Möglicherweise zog sie sich die Verletzung bei der gewaltsamen Entführung zu. Wo sich die Frau seitdem aufhält und wie es ihr geht, ist den Ermittlern bislang nicht bekannt.

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