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Diesel-Drama : Viele Wohnmobile von Fahrverboten betroffen

Stuttgart will „Fahrten von Wohnmobilen zu Urlaubszwecken“ vom Diesel-Fahrverbot ausnehmen. Doch die Sache hat ein paar Haken: Die Ausnahme gilt nur für Fahrzeuge, die vor dem 1. Januar 2019 auf den derzeitigen Halter zugelassen worden sind. Werden sie danach verkauft, dürfen sie wohl nicht mehr fahren. Außerdem muss die Ausnahme in jedem Einzelfall beantragt und jährlich erneuert werden, auch von durchreisenden Wohnmobilisten. Das geht allerdings online und ohne viel Bürokratie. Überdies hat sich die Stadt nun entschieden, Ausnahmegenehmigungen kostenlos zu erteilen. Den ersten Freifahrtschein sicherte sich übrigens ein Wohnmobilbesitzer.

Merkwürdigerweise dürften besonders alte Fahrzeuge von allen Fahrverboten verschont bleiben. Oldtimer mit H-Kennzeichen brauchen schon jetzt noch nicht einmal eine Feinstaubplakette, und die Kfz-Steuer ist für sie auf 191 Euro im Jahr gedeckelt.

Oldtimer sind laut der Fahrzeug-Zulassungsverordnung Fahrzeuge, die „vor mindestens 30 Jahren erstmals in Verkehr gekommen sind, weitestgehend dem Originalzustand entsprechen, in einem guten Erhaltungszustand sind und zur Pflege des kraftfahrzeugtechnischen Kulturgutes dienen“. Es heißt, dass diese Autos mit ihrer begrenzten jährlichen Laufleistung nur geringfügig zu den Gesamtemissionen beitrügen. Doch dasselbe könnte man über Wohnmobile in den Innenstädten wohl auch sagen.

Wohnmobil-Oldtimer in den Straßen Frankfurts

Gedacht war die Ausnahmeregelung wohl so: Oldtimer mit ideellem Wert, die gehegt und gepflegt werden, die meiste Zeit in der Garage stehen und nur am Wochenende mal zu einer Ausfahrt bewegt werden, sollen weiterhin fahren dürfen, weil eine Nachrüstung – wenn überhaupt möglich – unverhältnismäßig wäre. Mittlerweile werden jedoch viele solcher Fahrzeuge ganz gewöhnlich für Wege zur Arbeit oder zum Einkaufen genutzt. Oder sogar kommerziell.

In Frankfurt gondelt ein Pflegedienst mit einem uralten Ford Transit durch die Stadt, eine Gärtnerei mit einem Mercedes T2. Der „Düdo“ oder „Düsseldorfer“ genannte Pritschenwagen wurde von 1967 bis 1986 produziert. Und auch Wohnmobile mit H-Kennzeichen tauchen immer wieder auf. Ob sie mit ihren aufgesetzten Fahrradhaltern und Dachgepäckträgern noch „weitestgehend dem Originalzustand entsprechen“, liegt wohl im Auge des Betrachters.

Es ist nur eines von vielen pikanten Details der geplanten Diesel-Fahrverbote: Während Fahrzeuge der Euro-4- und Euro-5-Norm bald von der Straße verschwinden müssen, dürften über dreißig Jahre alte Stinker ohne nennenswerte Abgasreinigung weiterhin freie Fahrt genießen – und zwar, wie etwa in Stuttgart, ganz ohne umständlich zu beantragende Ausnahmegenehmigungen.

Auch Wohnmobilfans haben die Vorteile eines H-Kennzeichens längst erkannt – und eine Initiative für ein C-Kennzeichen gestartet, das analog dazu fast allen Wohnmobilen eine „Befreiung von Fahrverboten“ und „Freie Fahrt durch Umweltzonen“ garantieren soll. Und nicht nur das. Am besten fänden es die um ihre „Lebensqualität“ besorgten Initiatoren nämlich auch, wenn gleichzeitig noch der Kfz-Steuersatz ihrer Freizeitfahrzeuge auf dem Stand von 2017 eingefroren werden würde. Besonders viele Unterschriften sind allerdings noch nicht zusammengekommen – knapp zehntausend seit Beginn der Sammlung im März. Im Verhältnis zur Zahl der zugelassenen Wohnmobile sind es also etwa zwei Prozent. Und in der Bundesregierung hat sich auch noch kein prominenter Unterstützer gefunden.

Hinweis der Redaktion

In einer früheren Version dieses Textes hatte es geheißen, die Stadt Stuttgart wolle „die Gebührenfrage noch regeln“. Das ist schon geschehen: Ausnahmegenehmigungen werden zumindest dort kostenlos erteilt. FAZ.NET

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