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Martin Luther : Der genialste Sprachschöpfer aller Zeiten

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Reformator Martin Luther prägte Deutschland nicht nur religiös, sondern auch sprachlich. Bild: dpa

Viele Ausdrücke, die wir heute benutzen, hat Martin Luther erfunden. Und dann hat er auch noch die Bibel übersetzt wie niemand vor ihm. Mit seiner Sprache schuf er die Voraussetzung für ein gemeinsames deutsches Bewusstsein.

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          Helmut Kohl in seinen besten Zeiten und der große böse Wolf in den alten Micky-Maus-Comics, beide machen sie Anleihen bei Martin Luther: Die gravitätische Floskel „in diesem unserem Lande“ verwendete der Reformator genauso gern wie der Altkanzler. Und wenn der große Wolf wieder mal erfolglos Schweinchen gejagt hat, erntet er von seinen Gangsterfreunden im „Böse-Buben-Club“ Hohn und Spott – und weiß nicht, dass schon Martin Luther aufständischen Bauern, unverbesserlichen Romgläubigen und anderen „bösen Buben“ die „Pestilentz“ an den Hals gewünscht hat.

          Der genialste Sprachschöpfer aller Zeiten liebte solche klangvollen Alliterationen wie „Schmach und Schande“, „Leib und Leben“, „fressendes Feuer“. Nächstenliebe, Herzenslust, Ebenbild, Morgenland, Feuertaufe, Judaslohn, Bluthund, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Lockvogel, Lästermaul, Gewissensbisse – tausend Sprachbilder, die Luther erfand und unsterblich machte.

          Luther gab dem Volksmund den richtigen Schliff

          Wetterwendisch, kleingläubig, friedfertig, lichterloh. Auf eigene Faust, für immer und ewig, sein Licht nicht unter den Scheffel stellen – immer wieder die zündenden Metaphern und die absolut treffsicheren Spots, die sofort ins Ohr gehen: „Ein Herz und eine Seele“, „der große Unbekannte“, „ein Buch mit sieben Siegeln“, „die Zähne zusammenbeißen“, „im Dunkeln tappen“, „auf Sand bauen“. Sprichwörtern, die Luther dem Volksmund entnahm, gab er oft genug erst den richtigen Schliff: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ – „Hochmut kommt vor dem Fall.“ – „Recht muss Recht bleiben.“ – „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“

          Luther war ein Glücksfall für die deutsche Sprache, dieser altmodische Neuerer, fromme Rebell und aufmüpfige Gläubige, der sich selbst abwechselnd als „Doktor über alle Doktoren“ und als „armen stinkenden Madensack“ bezeichnete. Eine Denkmaschine, die mit grimmiger Lust Debatten führte, predigte und schrieb und unentwegt Texte produzierte: Vorlesungsmanuskripte, Bibelauslegungen, Disputationsthesen, beißende Polemiken, ironische Statements, Tischreden, Trostbriefe, Katechismen, theologische Traktate, ein gigantisches Schriftengebirge, das die Sprache hierzulande prägte und auf Dauer veränderte.

          Das Chaos der Dialekte gezähmt

          Luther ist nicht der Schöpfer der neuhochdeutschen Schrift- und Nationalsprache. Solche Entwicklungen gehen niemals auf einen einzelnen Pionier zurück. Aber unter denen, die das Chaos der zahllosen Mundarten allmählich durch eine überregionale, allgemein verständliche Sprache ersetzt haben, ist er zweifellos der einflussreichste und wirkungsvollste, der talentierteste und originellste. In anderen Ländern bildete sich eine einheitliche Sprache in den Metropolen und an den Fürstenhöfen, oder sie wurde von der politischen Macht verordnet. In Deutschland bahnte sie sich mit einem literarischen Text den Weg, den alle kannten und viele liebten: mit der nationalen Aneignung der Bibel in der Übersetzung Martin Luthers.

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