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Erlaubnis zum Waffenbesitz : Scharf schießen in Meißen

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Die Schützen des Schützenverein Meißen schießen im September 2015 einen traditionellen Salut zum Auftakt der Weinlese in Sachsen. Bild: dpa

Immer mehr Menschen in Sachsen beschaffen sich eine Erlaubnis zum Waffenbesitz, immer mehr Pfeffersprays wandern über die Ladentheke. Ähnliche Entwicklungen sind auch in anderen Bundesländern zu beobachten. Warum ist das so?

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          Trotz der warmen Temperaturen liegt eine winterliche Stimmung über der dämmrigen Landschaft der sächsischen Provinz. Das einzige Licht weit und breit leuchtet im Vereinsheim der Meißener Sportschützen. Heute ist das letzte Training vor dem alljährlichen großen Weihnachtsschießen, und weil die Tage schon so kurz sind, haben die Schützen nicht mehr viel Zeit bis zum Sonnenuntergang. Mit ihren Flinten stehen sie dicht gedrängt im Schießstand und schießen konzentriert, ohne dabei viele Worte zu verlieren. Nebenan im Vereinsheim wird alles für das Weihnachtsfest vorbereitet. Die große Tafel ist feierlich gedeckt. Doch die Stimmung ist getrübt.

          Medien berichteten Anfang des Monats über einen sprunghaften Anstieg der Menschen mit waffenrechtlicher Erlaubnis in Sachsen. In den vergangenen zwei Jahren ist die Anzahl jener, die erlaubnispflichtige Schusswaffen benutzen und besitzen dürfen, laut dem sächsischen Innenministerium um knapp 3000 gestiegen. Ähnliche Entwicklungen sind in anderen Bundesländern zu beobachten. Der Zugang zu den Waffen erfolgt vor allem über die Schießsportvereine. Dort meldeten sich in Sachsen von Januar bis Oktober 2015 446 Personen zu Sachkundeprüfungen an, mehr als in den vergangenen vier Jahren zusammen. Aber der Sächsische Schützenbund will davon nichts wissen: „Wir haben noch keine belastbaren Zahlen für 2015. Ich kann aber aus meinem subjektiven Empfinden nur sagen, wir haben das bis jetzt nicht bemerkt“, sagt ein Pressesprecher.

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          Auch Matthias von Beulwitz, seit vielen Jahren leitendes Mitglied des Schützenvereins Meißen, mag die Zahlen des Innenministeriums nicht bestätigen: „Das ist doch alles Unsinn, wer sagt das denn?“ Er ist verärgert über Meldungen solcher Art. Zum einen, weil er nicht glaubt, dass sie wahr sind, zum anderen, weil sie den Schützensport, wie er ihn sieht, ins falsche Licht rücken: „Man muss vorsichtig sein. Wir werden von der Presse oft als Waffennarren dargestellt, das ist doch Stimmungsmache.“ Im Verein herrscht Misstrauen gegenüber den Medien. Die übrigen Schützen wollen sich gar nicht äußern.

          Meißen geriet in den vergangenen Monaten immer wieder durch brennende Flüchtlingsheime und die rassistische Initiative Heimatschutz in die Schlagzeilen. Der ortseigene Schützenverein will sich nicht politisch positionieren. Die Meißener Schützen wollen für Tradition und Gemeinschaft stehen, das Schützenwesen soll hier als Spiel, Sport und Kulturerbe verstanden werden, nicht aber als Verteidigung oder gar Vorbereitung auf den Kampf. „Hier geht es um den Sport und die Gemeinschaft“, sagt Beulwitz. „Man lernt sich hier gut kennen, und wir sehen uns unsere Mitglieder genau an.“

          Wer eine Waffe kaufen will, benötigt eine plausible Begründung

          Wer in Deutschland eine Schusswaffe erstehen will, braucht eine Waffenbesitzkarte. Damit ist er nicht berechtigt, eine geladene Waffe mit sich zu führen (wie im Falle des Besitzes eines Waffenscheins), wohl aber dazu, eine Waffe zu besitzen und sie – üblicherweise im Sport- oder Jagdkontext – auch zu benutzen. Vorher muss der Antragsteller aber unter anderem seine persönliche Eignung, seine Sachkunde und den Grund für die Anschaffung nachweisen. Anders als in Amerika gibt es in Deutschland kein Recht auf Waffenbesitz. Wer eine Waffe kaufen will, benötigt dafür eine plausible Begründung, etwa die Mitgliedschaft in einem Schützenverein. Nach zwölf Monaten aktiver Teilnahme am Schießtraining ist man zur Sachkundeprüfung zugelassen.

          Der Meißener Schützenverein hat über hundert Mitglieder, etwa zehn davon warten gerade auf ihre Waffenbesitzkarte. Der Vereinsvorsitzende Ulrich Herrmann sagt, es gebe in Meißen nur einen leichten Anstieg der Mitgliedszahlen: „Es sind ein paar mehr geworden, aber nicht dramatisch mehr.“ Leute, die nicht zum Verein passten, würden weggeschickt. „Wir sind ein reiner Sportverein und keine Plattform für politische Querköpfe“, sagt Herrmann. Dass die Menschen sich momentan Sorgen machten, hält Herrmann für begründet. „Seitdem die Asylanten hier sind, gibt es mehr Vorfälle“, behauptet er. Die Polizei habe im Stadtrat sogar geraten, nachts die Meißener Fußgängerbrücke nicht mehr zu betreten, weil es dort so gefährlich sei.

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