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Gewalt gegen Ärzte : Wenn Patienten zuschlagen

Immer erreichbar, allzeit vernetzt. Der Klinikarzt entscheidet schon heute so gut wie nie im Alleingang. Bild: dpa

In deutschen Arztpraxen kommt es jeden Tag 288 Mal zu körperlicher Gewalt. Das ist das Ergebnis einer Befragung der Kassenärztlichen Vereinigung. Gesundheitsminister Spahn will das nicht länger hinnehmen.

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          Ärzte werden immer öfter Opfer von gewalttätigen Übergriffen. Nach aktuellen Ergebnissen einer Befragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) kommt es an jedem Arbeitstag in deutschen Arztpraxen 288 Mal zu körperlicher Gewalt. Jeder vierte niedergelassene Arzt habe in seinem Berufsleben schon Erfahrung mit körperlicher Gewalt durch Patienten gemacht. Die Zahl muss sich zum einen an der Zahl von mehr als 110.000 Praxen messen, andererseits fehlen darin die vielfach beklagten Übergriffe bei Rettungs- und Notfallstationen der etwa 1600 beteiligten Krankenhäuser.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Politik will das alles nicht länger tolerieren. „Was ist eigentlich los in diesem Land, mit der Verrohung, die wir an vielen Stellen sehen, dem Wegfall von Hemmschwellen, die einmal selbstverständlich waren, wo man sich wundert, dass Rettungskräfte, Feuerwehrleute und Ärzte behindert, beschimpft werden nach dem Motto: Ihr steht im Weg“, fragte Gesundheitsminister Jens Spahn bei der Eröffnungsveranstaltung des 121. Deutschen Ärztetages in Erfurt. Man könne zwar noch einmal darüber reden, das Strafgesetzbuch zu ändern, wie es die Kassenärzte verlangen, sagte Spahn, um dann hinzuzufügen: „Aber wenn man da mit dem Strafgesetzbuch arbeiten muss, dann ist der Kampf eigentlich schon verloren.“

          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) sagte, wer einen Arzt, eine Schwester, einen Feuerwehrmann oder Polizisten attackiere, „der greift uns an“. Darüber müsse geredet werden, offen, ehrlich und zielorientiert. Doch könne die Politik keine Wunder vollbringen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, hatte zuvor beklagt, in Deutschland würden zunehmend Grenzen des Respekts und des Anstands überschritten.

          „Gewalt ist längst Alltag in unseren Praxen, und es wird immer schlimmer“, bekundete Dirk Heinrich, Vorsitzender des NAV-Virchow-Bundes der niedergelassenen Ärzte. Während Heinrich „die allgemeine Verrohung und ein immer höheres Anspruchsdenken“ als Grund der Gewalt ausmachte, beklagte Gassen eine „verbale Kriminalisierung“ der Ärzte durch Kassen und Politik. Wer ständig ein populistisches Ärztebashing betreibe, brauche sich nicht zu wundern, wenn dies zu Gewalt in Praxen führt.

          Ärzte wurden bei Reform übergangen

          Nicht nur Ärzte klagen über Gewalt, auch Einsatzkräfte von Rettungsdienst und Feuerwehr berichten von Übergriffen. Vor ein paar Monaten präsentierte die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung eigene Zahlen dazu. Demnach kam es in den zurückliegenden fünf Jahren zu mehr als 1000 meldepflichtigen Angriffen – wobei eine Attacke nur dann gemeldet werden muss, wenn der betroffene Mitarbeiter deshalb mindestens vier Tage krankgeschrieben werden musste. Die Versicherung geht deshalb davon aus, dass die Zahl der Übergriffe insgesamt „weitaus höher“ ist.

          Um dagegen vorzugehen, hat die damalige Bundesregierung auf Abschreckung gesetzt. Vor gut einem Jahr brachten CDU, CSU und SPD eine Reform des Strafrechts durch den Bundestag. Seitdem gelten höhere Strafen – bis zu fünf Jahre Haft – für Angriffe auf Polizisten, Rettungskräfte und Feuerwehrleute. Die Opposition kritisierte die Reform als „Symbolpolitik“, da Gewalt gegen Helfer da bereits unter Strafe stand, das Verbot aber offenbar nicht hinreichend durchgesetzt werden könne. Die Ärzte allerdings wurden bei der Neuerung übergangen.

          Früh im Gesetzgebungsprozess forderte die Bundesärztekammer vom damaligen Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), dass die geplante Reform auch auf Ärzte im Notdienst ausgeweitet werden müsse. Passiert ist nichts, schon gar nicht mit Blick auf Mediziner, die in Krankenhäusern und Praxen tätig sind. Die sollen dafür schon im Studium lernen, wie sie mit schwierigen Patienten umgehen. Da gebe es aber „sicherlich noch Potential, neben dem Patientengespräch auch das Thema Selbstschutz des medizinischen Personals, einschließlich der Ärzte, vertieft zu behandeln“, sagte der Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentags, Frank Wissing, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Ein anderes Thema ist Gewalt in der Pflege. Einer kleineren Umfrage zufolge, die von der B. Braun-Stiftung und dem Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung organisiert wurde, berichtete knapp jeder siebte befragte Pfleger davon, in den zurückliegenden drei Monaten Opfer von Gewalt geworden zu sein. Knapp drei Prozent der Befragten gaben sogar an, solche Übergriffe „sehr häufig“ erlebt zu haben.

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