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„Orthograffiti“-Film der FDP : Mit Nazi-Parolen für mehr Bildung

  • -Aktualisiert am

Die FDP steht in der Kritik: Für mehr Bildung mit orthografisch korrekten Nazi-Parolen (Symbolbild) Bild: dpa

Die FDP sorgt mit einem Spot in den sozialen Netzwerken für Wirbel: Darin zu sehen ist ein Graffiti-Sprayer, der Parolen orthografisch ausbessert, darunter auch Nazi-Sprüche. Werben soll der Film für bessere Bildung.

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          Ein Videoclip, den die FDP am Donnerstagmittag auf ihren Social-Media-Kanälen veröffentlicht hat, sorgt derzeit für Spott und Kopfschütteln. „Nie war Bildung wichtiger als heute“, ist die Botschaft des mit „Orthograffiti“ betitelten Videos, mit dem sich die Partei für eine bessere Bildungspolitik einsetzten will. Darin zu sehen ist eine in schwarz gekleidete Person. Trotz einer Sprayermaske ist das Gesicht verpixelt, während ein Graffiti ausbessert wird: „SCHEISS SYSTSEM“, steht in hellblau an eine Wand geschmiert. Der Sprayer streicht in roter Korrekturfarbe das überflüssige „S“ aus dem Wort und setzt ein Tilgungszeichen, das Korrektursymbol für einen überflüssigen Buchstaben. Pling – ein Videospiel-Sound ertönt, nächste Einstellung: „Sieg Hail“ steht auf dem Beton, ein „E“ wird ausgebessert. „Scheiss Asilanten“ – aus den SS-Siegrunen wird ein „ß“ und nicht zu vergessen „Asylanten“ nicht mit „i“.

          So geht es munter weiter: Acht Parolen werden auf diese Weise von dem FDP-Graffiti-Lektoren übersprüht. Hinterlegt ist das Ganze mit bayrischem Quetschkommodengedudel, das zum Mitschunkeln einlädt. Ganz am Ende dann schwarz auf weiß eine Erklärung: „Bildung ist die Antwort. Nicht nur bezogen auf Rechtschreibung, sondern auch gegen Extremismus, Vandalismus und Gewalt.“ Gute Bildung – so die Botschaft – bannt menschenverachtende Parolen aus den Städten und, so wohl die Hoffnung der FDP, auch aus den Köpfen.

          Auf Twitter häufen sich die Kommentare: Gute 900 Antworten erhielt das Filmchen innerhalb eines halben Tages, viele davon belustigt, andere verärgert, wenige zustimmend. Ein Nutzer fragt, ob die FDP wüsste, dass man für das Übermalens von Graffiti in Deutschland wegen Sachbeschädigung bestraft werden könne. Die FDP verweist unter dem Kommentar auf den Disclaimer am Ende der Videos: Es handle sich um Sprühkreide – abwaschbar also. Tatsächlich steht dieser Hinweis recht klein und auf Englisch am Ende des Clips.

          „Ich wünsche euch unter 5 Prozent“

          Die deutlich größere Kontroverse hängt sich allerdings an den extremistischen Parolen auf, die dort nicht übersprüht oder unkenntlich gemacht, sondern schlicht orthografisch nachgebessert werden. „Selten hat die FDP deutlicher zum Ausdruck gebracht, was sie unter „Kampf gegen Rechts“ versteht: Nazi-Graffitis orthografisch korrigieren, also in optimierter Form stehen lassen. Ich wünsche euch <5%“, schreibt ein Nutzer und bekommt dafür gute 870 Likes – mehr als das Video der FDP hat, um das es geht.

          „Nazi-Parolen sind schrecklich“, erklärt der Pressesprecher der FDP auf Anfrage von FAZ.NET in einer Mitteilung, „die beste Antwort darauf ist Bildung – das machen wir mit unserem Film 'Orthograffiti' deutlich“. Man wolle ein Statement setzen gegen Extremismus, und „natürlich hat Eigentum für die FDP einen hohen Wert“, heißt es weiter – deshalb habe man Sprühkreide verwendet. Zudem sei eine Agentur für die Idee verantwortlich gewesen. Für weitere Nachfragen war in der Pressestelle am Donnerstagabend niemand mehr zu erreichen.

          An der Diskussion, die sich an dem Video entzündet, geht diese Erklärung allerdings vorbei. Ricarda Lang etwa, Bundessprecherin der Grünen Jugend, fasst unter dem Video wie folgt zusammen: „Wenn gebildete Menschen so tun, als wäre das Hauptproblem bei Nazis, dass sie keine Rechtschreibung können, läuft wohl wirklich einiges schief im Bildungssystem.“

          Dass menschenverachtendes Gedankengut nicht nur ein Phänomen von bildungsfernen Schichten ist, legt eine jüngst veröffentlichte Studie des Jüdischen Weltkongresses (WJC) zum Antisemitismus in Deutschland dar, dessen Ergebnisse seit Mittwoch öffentlich sind. Diese kommt zu dem Schluss, dass etwa ein Viertel der Deutschen antisemitische Ansichten vertreten. In der repräsentativen Erhebung wurden – noch vor dem Anschlag in Halle – 1300 Menschen befragt, darunter 300 mit einem Hochschulabschluss und einem Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro.

          Die Umfrage ergab, dass 41 Prozent der Befragten der Meinung waren, Juden redeten zu viel über die Schoa. 28 Prozent der Menschen mit hohem Einkommen sagten demnach, Juden hätten zu viel Macht in der Wirtschaft. 26 Prozent fanden, dass Juden „zu viel Macht in der Weltpolitik“ hätten. Zwölf Prozent vertraten laut der Studie gar die Ansicht, Juden trügen die Verantwortung für die meisten Kriege auf der Welt.

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