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Seehofer und Maaßen : Im falschen Film

Janusköpfige Rückendeckung: Seehofer hinter Maaßen in der Bundespressekonferenz Bild: EPA

Das Internetvideo eines mutmaßlichen Angriffs auf zwei Flüchtlinge in Chemnitz entzweit das Kanzleramt und das Innenministerium. Derweil gefährdet Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen mit unbelegten Aussagen seine Stellung.

          9 Min.

          Ein 19 Sekunden langes Video beschäftigt die Republik. Zu sehen ist der Johannisplatz in Chemnitz, hinter Bäumen lugt der Turm der Johanniskirche hervor. Angeblich ist das Video am 26. August aufgenommen worden, so steht es in der Beschreibung. Aber wer will sich in diesen Tagen noch für Behauptungen verbürgen, wenn selbst der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, von möglichen Falschinformationen spricht, die gezielt in der Bevölkerung gestreut würden.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Am Himmel hängen flauschige Wolken, das deckt sich mit dem Wetterbericht für den Nachmittag des 26. August in Chemnitz. Heiter bis wolkig war es, aber was heißt das schon. Sicher ist in diesen Tagen nur das, was der Mensch mit eigenen Augen sehen kann. Jene Fakten, die nicht einmal die verworrenste Verschwörungstheorie bezweifeln kann.

          Das Video im Mittelpunkt

          Von links kommen im Video also Männer gelaufen. Einer trägt eine Sonnenbrille und eine Bierflasche in der Hand, der andere ein hellblaues T-Shirt und ein dritter eine dunkelblaue Sportjacke mit Reißverschluss. Man weiß nicht, wer sie sind, erfährt es auch nicht. Hinter der Frau, die filmt und deren Stimme später zu hören ist, laufen noch mehr Männer. Zwei aber laufen anders als die anderen. Nämlich rückwärts, vor der Gruppe. Sie scheinen auf dem Rückzug zu sein, aber auch bemüht, ihr Gegenüber nicht aus den Augen zu lassen. Man ahnt den Konflikt.

          Zwei Sekunden sind vergangen. Ein Ruf aus der Gruppe der Vorwärtslaufenden in Richtung der Rückwärtslaufenden ist zu hören. „Was ist denn? Ihr Kanaken!“ Plötzlich rast ein Schwarzgekleideter auf die beiden zu. Der Mann im blauen T-Shirt rennt auch los. Der Weißbeschuhte flüchtet auf den Mittelstreifen der Hauptverkehrsstraße, der Schwarzbeschuhte wird einige Meter gejagt, entkommt aber. Die Körperbewegung des Schwarzgekleideten wirkt, als versuche er, nach seinem Opfer zu treten.

          Ein Dutzend Männer läuft langsam in die gleiche Richtung wie die Rennenden, einer rennt auch, kommt aber zu spät, für was auch immer er tun wollte. Nach sechs Sekunden ist das meiste vorbei. „Hase, du bleibst hier!“, ermahnt die Filmende ihren Partner, der auch gar keine Anstalten gemacht hatte, sich an der Hatz zu beteiligen. Ende des Videos. Was war das nun? Eine Hetzjagd? Ein Pogrom gar? Oder nur eine Meinungsverschiedenheit zwischen Deutschen und – Zitat – „Kanaken“?

          Ein Journalist der Wochenzeitung „Die Zeit“ hatte drei Tage nach der Demonstration einen 22 Jahre alten Flüchtling aus Afghanistan namens Alihassan Sarfaraz im Wartebereich des Chemnitzer Polizeipräsidiums getroffen. Sarfaraz behauptet dort, der Schwarzbeschuhte aus dem Video zu sein, und erzählt seine Version der Ereignisse. Er ist mit Freunden in der Innenstadt, als er aufgebrachte Demonstranten sieht. Also nimmt er sein Telefon und filmt das Ereignis.

          Wütende Männer kommen auf sie zugelaufen. Einer schlägt Sarfaraz sein Telefon aus der Hand. Als eine Freundin von Sarfaraz den Angreifer zur Rede stellen will, schlägt einer der Männer ihr dreimal mit der Faust ins Gesicht. Dem Bericht zufolge wird sie später in ein Krankenhaus eingeliefert. Die Szene des Videos soll das Geschehen kurz darauf zeigen. Sie zeigt demnach Sarfaraz, wie er von den Angreifern endgültig vertrieben wird. Er hat Anzeige erstattet. Stimmt das, was er sagt? Verbreitet er gezielte Falschinformationen? Die Polizei ermittelt, der Staat hat also eigentlich noch keine Antwort.

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