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Verweichlichte Soldaten : Luschen als Lückenfüller?

Soldaten des Logistikbataillons 171 der Bundeswehr sind am 11.10.2010 zum feierlichen Appell zur Verabschiedung in den Auslandseinsatz nach Afghanistan in der Clausewitz-Kaserne in Burg (Jerichower Land) angetreten. Bild: dpa

Die Bundeswehr steht unter Druck. Sie muss immer mehr Soldaten gewinnen, ohne Wehrpflicht, und auf einem umkämpften Arbeitsmarkt. Es tobt ein Konflikt zwischen Modernisierern und Traditionalisten.

          Die belgische Armee steht nicht gerade im Ruf, Vorbild für die Bundeswehr zu sein. Das hat gar nicht einmal etwas mit ihrer Leistungsfähigkeit zu tun. Vielmehr mit ihrer Größe. 28.500 Soldaten dienen noch beim westlichen Nachbarn. Das ist selbst gegenüber der auf knapp 180.00 Frauen und Männer geschrumpften Bundeswehr nur ein Bruchteil. Probleme, geeigneten Nachwuchs zu finden, kennt man im Brüsseler Verteidigungsministerium aber genauso wie im Bendler-Block. Vielleicht sogar noch etwas mehr. Belgiens Armee vergreist. 44 Jahre alt ist ein belgischer Soldat heute durchschnittlich – mehr als zehn Jahre älter als in Deutschland. Und der jüngste Schritt der belgischen Regierung, um die Überalterung ihrer Streitkräfte zu stoppen, zeugt vom Ernst der Lage. Wie die amerikanische „New York Times“ am Montag berichtete, erwägt die belgische Armee, ihre Rekruten künftig daheim schlafen zu lassen statt in Kasernen. Das ist eine Premiere im Westen. Veteranen und Militärfachleute laufen seitdem Sturm gegen das Vorhaben. Eine solche Entscheidung könne den Zusammenhalt in den Einheiten untergraben und einen gefährlichen Präzedenzfall für andere Bündnis-Streitkräfte schaffen. Von einer Untergrabung grundlegender Prinzipien der Streitkräfte war die Rede. Man könnte auch sagen: Von einer drohenden Verweichlichung.

          Glaubt man Jan Nolte, befinden sich die Bundeswehr gerade auf dem Weg nach Belgien. Der 28 Jahre alte AfD-Abgeordnete war bis zur Bundestagswahl zehn Jahre lang Soldat. Zuletzt diente er als Oberbootsmann in der Burgwaldkaserne im nordhessischen Frankenberg (Eder). Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur hatte er am Dienstag seinen Unmut über die Ausbildungsstandards in den deutschen Streitkräften zum Ausdruck gebracht. Auch er sprach von einem „Trend zur Verweichlichung“, die deutschen Soldaten würden nicht mehr richtig ausgebildet. Die Vorgesetzten hätten schlicht Angst, die Rekruten „hart anzufassen.“ Gegenüber FAZ.NET führte Nolte weiter aus, es gehe ihm um ein „Klima, das seit der Aussetzung der Wehrpflicht in die Bundeswehr einsickert.“ Es werde für militärische Vorgesetzte zunehmend schwieriger, für Disziplin zu sorgen. Wenn Liegestützen schon nicht mehr als erzieherische Maßnahmen erlaubt seien und Rekruten sich direkt über Vorgesetzte beschwerten, sobald sie unzufrieden seien, führe das zu Problemen. „Wir müssen Soldaten für Extremsituationen ausbilden“, so Nolte. Und das sei immer weniger möglich.

          Der Bundestagsabgeordnete steht mit seiner Sorge nicht allein. In der Truppe gibt es viele, die ähnliche Probleme ausmachen. „Der Trend zur Verweichlichung existiert in jedem Fall“, sagt ein erfahrener Feldwebel der Fallschirmjäger dieser Redaktion. Seine Einheit bekomme regelmäßig rund 90 Rekruten zugeteilt. Normalerweise schrumpfe die Gruppe durch die Ausbildung und Verletzungen innerhalb von einem halben Jahr auf rund die Hälfte zusammen. Dann beginne der Druck von oben. „Die Vorgesetzten sagen ganz klar, dass wir um jeden Preis am Ende 38 Soldaten übrig halten müssen. Die Quote muss stimmen.“ Da werde dann eher auf die Zufriedenheit der Rekruten geschaut als auf ihre Eignung und Leistung. Viele führen an, beim Wehrdienst sei alles einfacher gewesen. Herausforderungen führten zu innerem Widerstand, dem man schnell nachgebe. Das sei menschlich. An die körperliche Leistungsgrenze aber gelange man nur unter Druck. Den Auszuüben sei kaum noch möglich.

          Der Wegfall des Wehrdienstes taucht immer wieder in den Schilderungen vieler Soldaten als Wurzel allen Übels auf. Belegbar ist, dass seit seiner Aussetzung 2011 durch den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sich die Nachwuchssorgen der Bundeswehr extrem verschärft haben. Das gilt nun noch einmal mehr, seitdem  die Bundesregierung die seit der Wiedervereinigung stark geschrumpfte Bundeswehr angesichts neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen wieder aufstocken will. Über 198.000 Soldatinnen und Soldaten soll sie im Jahr 2024 verfügen. Der Weg dorthin ist weit. Augenblicklich wächst der Personalbestand allenfalls in homöopathischen Dosen. 179.753 Soldaten standen der Bundeswehr Ende Februar zu Verfügung. Diese Zahl schließt Berufssoldaten ebenso ein wie Zeitsoldaten und freiwillig Wehrdienstleistende. Ein Jahr zuvor waren es 178.233.

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