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Vertreibung : Lange Schatten

  • -Aktualisiert am

Die Ausstellung „Erzwungene Wege”: Das Thema Vertreibung interessiert die nachkommende Generation Bild: Christian Thiel

Die Generation der Enkel will mehr über Flucht und Vertreibung ihrer Großeltern erfahren. Viele der Alten, die so lange aus Scham schwiegen, sind nun bereit zu reden, damit ihre dramatischen Erlebnisse nicht vergessen werden.

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          „Hat uns sehr ergriffen!“ schrieben die Gymnasiasten ins Gästebuch der Vertreibungsausstellung und unterzeichneten: „Klasse 10 E aus Dope-Town Mönchengladbach“. Jugendliche, die es cool finden, aus einer „Drogen-Stadt“ zu kommen, interessieren sich für das Thema der deutschen Flucht. „Wollen mehr erfahren . . .“; „Regt an, nachzudenken über die Geschichte der eigenen Familie . . .“; „Für uns ist es nicht zu spät . . .“ Viele solche Sätze sind in jugendlicher Schrift in die Gästebücher der beiden Vertreibungsausstellungen gekringelt worden, die den Sommer über in Bonn und Berlin gezeigt wurden.

          Das Thema Vertreibung hat die Enkel erreicht. „Die wollen wirklich mehr wissen“, sagt der Historiker Sven Oole. Beim Durchblättern der Gästebücher sei ihm das klargeworden. „Lange Schatten“ heißt nun eine Veranstaltungsreihe, die er mitkonzipiert hat. Sie soll am Mittwoch im Berliner Martin-Gropius-Bau beginnen. Bis Ende April wird sie an sieben Abenden die Folgen von Flucht und Vertreibung zeigen: im Spiegel von Literatur, Film und Presse, vor allem aber der Familien. Vom stummen Schmerz der Großeltern wird berichtet werden, vom verdrängten Trauma ihrer Kinder und von der ererbten Wurzellosigkeit der Enkel.

          Weiße Mützchen Hunderter ertrunkener Kinder

          Sven Oole ist selbst ein Enkel Vertriebener. Seine Großmutter hat ihm nicht viel aus ihrer Vergangenheit erzählt, nur eine einzige grausame Geschichte, und die immer wieder: Sie hatte Karten für die letzte Fahrt der „Wilhelm Gustloff“ besessen, wollte auf ihr vor den vorrückenden Russen in den sicheren Westen fliehen. Doch da ihr Sohn Lungenentzündung hatte, kamen sie zu spät zum Kai in Gotenhafen: Das Schiff war schon voll. Ein Fischerboot nahm sie mit - und überholte die eben versenkte „Gustloff“ bei Danzig. Auf dem Wasser trieben die weißen Mützchen Hunderter ertrunkener Kinder. „Da endete immer die Geschichte, weil ihre Stimme brach“, erinnert sich Oole.

          Die Großmutter ist lange tot, wie die meisten Mütter, die vor sechs Jahrzehnten mit ihren Kindern aus dem heutigen Rußland und Polen fliehen mußten. Von den 12 bis 14 Millionen Vertriebenen, die aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs stammten, machten fast nur Frauen und Kinder die Flucht über Eis und Schnee mit in jenem Kältewinter 1944/45. Die Männer waren gefallen, gefangen oder befanden sich noch im Endkampf. Deshalb fühlt sich der Frauenverband im Bund der Vertriebenen, für den Sven Oole arbeitet, zuständig für die Aufarbeitung dieser Frauengeschichte, zu der Mißhandlungen, Vergewaltigungen, Internierungen und Deportationen gehören.

          Vertriebene der zweiten Generation

          „Das lange Schweigen habe ich selbst erlebt“, sagt Sibylle Dreher, die seit acht Jahren Präsidentin des Frauenverbands ist. „Die meisten Frauen haben aus Scham und Scheu ein Leben lang nicht drüber sprechen können, was sie erlebt haben.“ Die Mütter hätten sich herausgeredet: „Das haben wir alles verarbeitet, nun ist gut.“ Doch die Kinder, wie sie selbst, wußten nur zu gut, daß das nicht stimmte. „Iß brav auf, Kind, sonst kommen die Russen wieder“, „Churchill hat uns verraten“ und „Willy Brandt hat Deutschland verkauft“, das waren die Sprüche der Eltern, erinnert sich Frau Dreher.

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