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Foto: Frank Röth

Bauen für die Amerikaner

VON ELISABETH BRAW
Foto: Frank Röth

30.12.2017 · Deutsche geben ungern Geld fürs Militär aus. Washington aber schickt aus Sorge vor Russland wieder mehr Truppen nach Europa. Das bietet Berlin die Chance für ein attraktives Angebot.

I m Herbst 2014 verabschiedete sich die amerikanische Armee nach 69 Jahren von ihrer Garnison in Bamberg. Es wurden amerikanische und fränkische Spezialitäten serviert; ein Open-Air-Konzert gab es auch. In den vergangenen Jahren hat das amerikanische Verteidigungsministerium Militärbasen in Europa geschlossen, besonders aber in Deutschland, wo die meisten amerikanischen Streitkräfte stationiert waren. Damit wollte das Pentagon 500 Millionen Dollar pro Jahr sparen, denn der Kalte Krieg war ja vorbei. Heute braucht die Nato aber wieder neue amerikanische Militärbasen in Europa. Und wie im Kalten Krieg könnte Deutschland dabei eine Hauptrolle spielen.

Die Schließungen des letzten Jahrzehnts waren sorgfältig geplant worden. „Unsere Streitkräfte wurden anderswo gebraucht. Wir wollten Europa vorrangig als Basis für Einsätze in anderen Regionen nutzen. Von Deutschland aus könnten wir unsere Streitkräfte beispielsweise in den Mittleren Osten oder nach Zentralasien schicken“ erklärt Jim Townsend, der bis vor kurzem „Leiter der Pentagon-Abteilung Nato und Europa“ im Pentagon war und viele der Schließungen zu verantworten hatte.

Von den zahlreichen amerikanischen Stützpunkten während des Ost-West-Konflikts sind nur noch wenige übrige geblieben. Neben dem Luftdrehkreuz Ramstein und dem fränkischen Truppenübungsplatz Grafenwöhr, ist Wiesbaden der wichtigste der wichtigste verbliebene Stützpunkt in Deutschland. Hier befindet sich neben Wohnsiedlungen, Einkaufszentren und einem Flugplatz das Hauptquartier des amerikanischen Heeres in Europa. Foto: Frank Röth
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Diese Entscheidungen waren vernünftig begründet und wirken angesichts der Situation in Europa vor 2014 auch heute noch nachvollziehbar. Schade nur, dass die Schließung von Bamberg und 14 anderen europäischen Garnisonen am Ende etwas zu spät umgesetzt wurde. Wenige Monate vorher hatte Russland die Krim-Halbinsel annektiert. Plötzlich war die Sicherheit in Europa oder Europas wieder ein dringendes Thema. Inzwischen sind infolge der russischen Aggression wieder deutlich mehr amerikanische Soldaten in Europa, die meisten von ihnen auf Rotationsbasis. Zum Beispiel nehmen etwa 800 amerikanische Soldaten in Polen Aufgaben im Rahmen der verstärkten Vornepräsenz an der Nato-Ostflanke wahr. Insgesamt sind laut Berechnungen des renommierten Pew Research Centers aktuell knapp 63 000 amerikanische Soldaten und Soldatinnen in Europa stationiert, die Mehrheit davon in Deutschland. Das ist ein Bruchteil der Truppen, die Amerika im Kalten Krieg in Europa stationiert hatte – Anfang der 80er Jahre waren es um die 300 000.

Grafik: Deutscher Bundestag

Trotz Donald Trumps erboster Erklärungen, die immer wieder Sorgen hinsichtlich einer weiteren Reduzierung amerikanischen Engagements in Europa aufkommen lassen, haben die Vereinigten Staaten unverändert großes Interesse an der Sicherheit des alten Kontinents.

Abschreckung kostet

Vor diesem Hintergrund sind in den letzten Jahren neue Streitkräfte nach Europa verlegt worden. Allerdings nur zeitweise. Sie nehmen an Übungen – hauptsächlich in östlichen und südöstlichen NATO-Mitgliedsstaaten – teil und kehren nach einigen Monaten wieder zurück. Ausreichende Infrastruktur für neue permanente Militärbasen gibt es dort ohnehin nicht. Ehemalige amerikanischen Militärbasen in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern sind wiederum meist verkauft oder umgebaut worden.

Abschreckung im Staffel-Stil aber kostet viel. Auch sind neun Monate an wechselnden Standorten kein Traumauftrag. Ein ganz anderes Leben führen die dauerhaft in Europa stationierten amerikanischen Soldaten. Wie alle amerikanischen Militärbasen bieten auch die in Europa Häuser für Familien, Schulen und Kindergärten, denn Ehemänner, Ehefrauen und Kinder der Soldaten leben auch dort. Es gibt amerikanische Lebensmittelläden und Fastfood-Ketten. „Ich hoffe, dass mehr Black-Hawk-Piloten nach Deutschland geschickt werden“, sagt ein junger Pilot des Transporthubschraubers der amerikanischen Armee. „Das sind die besten Posten. Die Arbeit ist super interessant. Sonst bin ich nur als Tourist dort.“

Der Pilot hat Glück, denn mittlerweile ist auch amerikanischen Politikern klar dass das US-Militär mehr Soldaten in Europa braucht. Diesen Monat unterschrieb Präsident Trump den National Defense Authorization Act, der den kommenden Verteidigungsetat beinhaltet. Das Budget enthält 4,8 Milliarden Dollar für die sogenannte Europäische Abschreckungsinitiative (European Deterrence Initiative), mit der neue Aktivitäten der amerikanischen Streitkräfte in Europa bezahlt werden. Das ist 1,4 Milliarde Dollar mehr als im aktuellen Budget. Mit den Geldern soll zum Beispiel mehr amerikanische Ausrüstung in Europa gelagert werden und amerikanische Soldaten häufiger hier üben.Das Budget muss jetzt vom Kongress verabschiedet werden. Das House of Representatives befürwortet zusätzlich die Stationierung weiterer Einheiten . Auch der Befehlshaber der US Army hat sich für mehr Soldaten in Europa ausgesprochen.

Seit 2014 geht der Blick der Amerikaner wieder gen Osten. Spätestens mit der Annexion der Krim und dem Beginn des Kriegs in der Ostukraine gilt Russland in der Nato wieder als Sicherheitsrisiko. Angesichts der zahlreichen Militärmanöver Moskaus erhöhen auch die Amerikaner und ihre Verbündeten behutsam, aber kontinuierlich, ihre eigenen Übungsaktivitäten wieder. Die Fotos zeigen amerikanische Truppen bei Manövern in Polen und Litauen. Foto: AFP
Foto: EPA
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Die amerikanische Denkfabrik gibt auch zu bedenken, dass regelmäßige gemeinsame Übungen für die militärische Zusammenarbeit der Nato unverzichtbar sind. „Wenn Streitkräfte länger an einem Standort bleiben verbessert sich die Zusammenarbeit mit den Streitkräften des Gastlandes, aber auch mit den Behörden“, sagt Derek Chollet, stellvertretender Leiter der Denkfabrik German Marshall Fund of the United States, der in der Obama-Administration Staatssekretär in Verteidigungsministerium war.

Das gilt nicht zuletzt für die Interoperabilität, also die Fähigkeit alliierter Streitkräfte, im Einsatz zusammenzuarbeiten. „Eine zupackende Standardisierung militärischen Geräts und nahtlose Zusammenarbeitsfähigkeit der militärisch-technologischen Systeme ist die Bedingung dafür, dass sich Investitionen in Rüstung für eine gesteigerte Einsatzfähigkeit auszahlen“, sagt Roderich Kiesewetter, CDU-Obmann des Auswärtigen Ausschusses und ehemaliger Bundeswehr-Offizier: „Die Zusammenarbeit hat eine emotionale und eine professionelle Seite. Es geht auch um eine Wiederbelebung der transatlantischen Freundschaft, die unter den Soldaten der Bundeswehr und den US-Streitkräften wie deren Familien bis in die 90er Jahre ein ehrlich gelebtes und geschätztes Miteinander war. Daran sollten wir wieder anknüpfen.“

Eine derartige, effizientere Zusammenarbeit wäre mit zusätzlichen in Europa stationierten amerikanischen Streitkräften wesentlich einfacher. „Eine permanente Stationierung im Einklang mit der Nato-Russland-Grundakte [die die Stationierung von „substantiellen Streitkräften“ in ehemaligen Warschauer Pakt-Mitgliedsstaaten verbietet] wäre ein Zeichen der Entschlossenheit der USA für eine gemeinsame Zone der Sicherheit“, sagt Kiesewetter. „Im Rahmen einer fortentwickelten strategischen Ausrichtung der Nato muss die Mobilität und Geschwindigkeit verbessert werden. Das übergeordnete Ziel muss sein, durch einen ausbalancierten Beitrag der USA das Vertrauen der Nato-Länder untereinander zu stärken. In diesem Sinne könnte eine permanente Stationierung in Mitteleuropa einen wirksamen und klugen Beitrag zur europäischen Abschreckung leisten.“


Damit bietet sich für die Bundesrepublik Deutschland eine Chance, den Amerikanern ein attraktives Angebot zu machen: Deutschland könnte Infrastruktur für neue amerikanische Brigaden finanzieren. Denn auch Militärbasen sind teuer. 10 000 bis 40 000 amerikanische Dollar pro Jahr kostet jeder in Europa stationierte Soldat, berechnet die Rand Corporation. Gegenwärtig werden amerikanische Garnisonen von den Gastgebern mitfinanziert – aber eben nur zum Teil.

Neue Militärbasen wären wohl nicht zuzumuten

Die Bundesrepublik ist als Gastgeber bestens geeignet. Sie hat enorme Erfahrung als Gastnation für alliierte Streitkräfte, verfügt über ausgezeichnete Infrastruktur und befindet sich mitten in Europa. Um in Jim Townsends Bild zu bleiben: von Deutschland aus lässt sich Russland weit besser abschrecken als aus Texas. Darüber hinaus könnten US-Soldaten von deutschen Militärbasen aus Aufträge sowohl in Europa als auch in Nordafrika oder im Nahen Osten erfüllen. Die Bundesrepublik könnte sogar die Logistik-Queen der NATO werden, denn es gilt mittlerweile als sicher, dass sie das neue Logistik-Kommando der Allianz bekommt. Wichtig ist darüber hinaus aber auch, dass Amerikaner mit ihre Familien außerordentlich gerne in Deutschland leben.

Der deutsche Staatshaushalt ist bei bester Gesundheit, aber höhere Verteidigungsausgaben fallen deutschen Politikern überaus schwer – und das obwohl alle Nato-Mitgliedsstaaten zugesagt haben, die nationalen Verteidigungshaushalte in Richtung von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen.

Deutschland könnte vor diesem Hintergrund neue amerikanische Basen großzügig unterstützen, ohne neue, in der Öffentlichkeit möglicherweise unbeliebte Rüstungsprojekte lostreten zu müssen. Neue Militärbasen zu finanzieren wäre einem großen Teil der Steuerzahler wohl nicht zuzumuten, bestehende Garnisonen könnten aber zumindest teilweise auf Kosten Deutschlands erweitert werden. „Zu prüfen ist zusätzlich, ob erfolglose Kasernenkonversionen für solche Überlegungen analysiert werden“, fügt Kiesewetter hinzu. Städte, die noch keine neuen Mieter für ihre Kaserne gefunden haben, könnten so ihre amerikanischen Soldaten zurückbekommen.

Die Deutschen müssen sich auch am Blutvergießen beteiligen

Natürlich wird Deutschland künftig nicht der einzige europäische Stützpunkt der Amerikaner sein. Das ist auch heute nicht der Fall. Dennoch: mehr amerikanische Streitkräfte zugunsten der ganzen Nato permanent in Deutschland vor Ort, finanziell unterstützt von Deutschland, das aktuell ohnehin nicht imstande ist eine militärisch führende Rolle innerhalb der Allianz zu übernehmen: Das wäre eine Win-win-Situation.

Deutschland ist für die amerikanische Armee seit Jahrzehnten der wichtigste Stützpunkt in Europa. Hier befinden sich nicht nur die beiden Regionalkommandos für Europa und Afrika. In Rheinland-Pfalz, Hessen und Bayern ist das Gros der amerikanischen Truppen in Europa konzentriert. Auf den Truppenübungsplatz Grafenwöhr üben Soldaten aller Nato-Staaten und befreundeter Nationen. Foto: Picture-Alliance

Nicht so schnell, sagt Townsend: Deutschland kann nicht einfach die Anwesenheit von amerikanischen Streitkräften finanzieren und sich so selbst von größerer militärischer Verantwortung freikaufen. „Auch mit Finanzierung von neuen US-Basen müssten die Deutschen militärisch stärker werden“, sagt er. „Es darf nicht sein, dass sie die Logistik zahlen, um den Amerikanern das Kämpfen zu überlassen. Die Deutschen müssen sich auch am Blutvergießen beteiligen.“

In der Tat: diese Bereitschaft müssen Deutschland und viele andere europäische Nato- Mitgliedstaaten entwickeln. Bis auf weiteres brauchen wir Europäer die amerikanischen Streitkräfte aber dringend – und Deutschland wäre in der Lage, ihnen die Anwesenheit deutlich schmackhafter zu machen. Der Black-Hawk-Pilot und seine Kollegen würden sich freuen.


Die Autorin, Elisabeth Braw, ist Stipendiatin des Atlantic Council's Scowcroft Center for Strategy and Security und des European Leadership Networks (ELN). Sie arbeitet zudem als Senior Consultant am Hauptsitz von Control Risks, einer globalen Risikoberatungsfirma. Die von ihr im Artikel vertretenen Ansichten sind ihre eigenen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 29.12.2017 14:50 Uhr