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Prozess in Lüneburg : Verteidiger in Auschwitz-Prozess plädiert auf Freispruch

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Der frühere SS-Angehörige Oskar Gröning an diesem Dienstag mit seinen Anwälten im Lüneburger Gerichtssaal Bild: dpa

Der Angeklagte habe keine strafrechtlich relevante Beihilfe zum Massenmord in Auschwitz geleistet, argumentiert die Verteidigung im Lüneburger SS-Prozess. Der 94 Jahre alte Oskar Gröning selbst zeigt sich abermals reuig.

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          Im Prozess gegen Oskar Gröning, einen früheren SS-Mann im Vernichtungslager Auschwitz, will das Landgericht Lüneburg bereits an diesem Mittwoch sein Urteil verkünden. Das teilte der Vorsitzende Richter am Dienstag mit. Der frühere SS-Unterscharführer Gröning war von September 1942 bis Oktober 1944 in der „Gefangeneneigentumsverwaltung“ des Lagers Auschwitz tätig. Das Verfahren in Lüneburg konzentriert sich auf Grönings Beteiligung an der „Ungarnaktion“ im Frühsommer 1944.

          Der Anwalt Grönings forderte in seinem Plädoyer am Dienstag, seinen 94 Jahre alten Mandant vom Vorwurf der Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen freizusprechen. „Weder durch seine Anwesenheit an der Rampe noch durch die Weiterleitung und Zählung der Devisen noch durch sonst irgendetwas anderes hat Herr Gröning eine Beihilfe geleistet, die den Holocaust befördert hat, jedenfalls nicht in strafrechtlich relevanter Weise“, sagte der Anwalt. Sollte sein Mandant am Mittwoch jedoch vom Gericht schuldig gesprochen werde, forderte der Anwalt, wegen Grönings hohen Alters und dessen offenem Umgang mit seiner Tätigkeit in Auschwitz von einer Strafe abzusehen.

          „Ich bereue aufrichtig“

          Gröning selbst zeigte sich am Dienstag abermals reuig. „Es tut mir ausdrücklich leid“, sagte der Angeklagte in seinen letzten Worten an das Gericht. „Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte. Das ist mir bewusst“, sagte er hörbar bewegt. „Ich bereue aufrichtig, dass ich diese Erkenntnis nicht früher und konsequenter umgesetzt habe.“ 

          In der vergangenen Woche hatte der Staatsanwalt eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren für Gröning gefordert. Schon mit dem Zählen des Geldes der Deportierten habe dieser den Tatbestand der Beihilfe zum Mord erfüllt. Der SS-Mann habe schon allein dadurch zum Funktionieren des Vernichtungslagers beigetragen, dessen Zweck ihm bekannt gewesen sei. Der Staatsanwalt sprach sich dafür aus, 14 bis 22 Monate einer Haftstrafe für Gröning bereits als verbüßt zu erachten, weil die Dauer des Verfahrens gegen ihn rechtsstaatswidrig gewesen sei. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hatte bereits von 1977 bis 1985 gegen Gröning ermittelt. Sollte das Landgericht dieser Argumentation in seinem Urteil folgen, läge die Freiheitsstrafe unter der Schwelle von zwei Jahren und könnte dann zur Bewährung ausgesetzt werden.

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