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Erdogan in Köln : Zum Abschluss noch einmal Harmonie

  • -Aktualisiert am

Erdogan begrüßt die Gäste bei der Moschee-Eröffnung in Köln-Ehrenfeld. Bild: EPA

Bei der Eröffnung der Ditib-Zentralmoschee in Köln gibt sich der türkische Präsident Erdogan überraschend friedfertig. Ganz verkneifen kann er sich die Kritik an der deutschen Politik jedoch nicht.

          Mit überraschend versöhnlichen und friedfertigen Worten wendet sich der türkische Staatspräsident am frühen Samstagabend bei der Eröffnung der Ditib-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld an seine Anhänger. Die Eröffnung der Moschee sei ein „historischer Moment“, sagt Erdogan und bedankt sich dann bei all jenen, die dies möglich gemacht hätten: beim Moschee-Verband Ditib, die Protesten und Widerständen zum Trotz den Bau durchgesetzt habe, ausdrücklich aber auch bei den deutschen Politikern, die das Projekt unterstützt hätten.

          Überhaupt ist er voll des Lobes für seine deutschen Partner, mit denen er in den vergangen Tagen zusammengekommen ist. Anerkennend spricht er von „seinem Freund“ Frank-Walter Steinmeier, der ihn nach Deutschland eingeladen und ihn „höflich“ empfangen habe. Trotz der kritischen Phase, in der sich die Beziehung zwischen den beiden Ländern befinde, habe er fruchtbare Gespräche geführt, unter anderem darüber, wie man zunehmenden Rechtsradikalismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland bekämpfen könne. Mit deutschen Wirtschaftsvertretern habe er über Investitionschancen in der Türkei gesprochen. Sein Besuch habe die deutsch-türkische Freundschaft gestärkt, davon sei er überzeugt, sagt Erdogan. Man sei sich darüber einig, im Kampf gegen den Terrorismus, im Umgang mit der Flüchtlingskrise sowie im Bereich der Wirtschaft die Zusammenarbeit weiter zu stärken.

          Während Erdogan am Rednerpult vor der Moschee steht und redet, spiegelt sich das Sonnenlicht in den gläsernen, von sanft geschwungenen Betonschalen eingerahmten Fassaden des imposanten Kuppelbaus. Das Wetter meint es gut mit dem Ehrengast der Zeremonie, die milden, spätsommerlichen Temperaturen passen zu der ungewohnt harmonischen Linie, bei der er den Großteil seiner Rede über bleibt. Nur die Polizeihubschrauber, die über dem Gelände kreisen, und die auf den Dächern der umliegenden Gebäude positionierten Scharfschützen trüben das Bild.

          Verhaltene Stimmung

          Während der Rede brandet hier und da höflicher Applaus aus dem Publikum auf, doch insgesamt ist die Stimmung deutlich verhaltener, als man es von anderen Erdogan-Events kennt. Sprechchöre, Fangesänge, Fahnenschwenken, all die Dinge, die sonst gang und gäbe sind bei den Auftritten des Staatspräsidenten, wären bei einer Moschee-Eröffnung natürlich fehl am Platz. Aber auch sonst wirken die Anwesenden nicht so mitgerissen, wie man es von seinen Fans gewohnt ist. Es sind eben auch nur mehrere hundert Menschen hier, mehr durften nicht rein. Diejenigen die hier sind, sind immerhin einige seiner treuesten Anhänger: Funktionäre und Partner der Ditib, dem der türkischen Religionsbehörde Diyanet unterstehenden Moschee-Verband. In den vor der Moschee aufgereihten Stuhlreihen sitzen viele Anzugträger, Frauen sind deutlich in der der Minderheit und Kinder sind nur vereinzelt zu sehen. 

          Zehntausende sollten sich eigentlich an diesem Samstagnachmittag vor der Ditib-Zentralmoschee versammeln, um die lange verschobene Eröffnung des Gotteshauses zu feiern, und vor allem, um dem Mann zuzujubeln, den viele von ihnen als „ihren Präsidenten“ betrachten – egal ob sie nun einen türkischen Pass haben oder einen deutschen. Doch das große Erdogan-Fest, zu dem ursprünglich 25.000 seiner Anhänger erwartet wurden, wurde am Freitagabend kurzfristig abgesagt. Die Stadt Köln hatte das Sicherheitskonzept der Ditib als ungenügend eingestuft. Der Moschee-Verband hatte wenige Tage vor der Eröffnung auf seiner Facebook-Seite „alle unsere deutschen und türkischen Freundinnen und Freunde“ zur Eröffnung eingeladen, offenbar ohne sich ausreichend um die Sicherheitsvorkehrungen vor Ort zu kümmern.

          Nach der Absage der Großveranstaltung hatte Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob an Erdogans Anhänger appelliert, am Samstag zu Hause zu bleiben und die Veranstaltung im türkischen Fernsehen zu verfolgen. Viele folgten dieser Aufforderung nicht. Vor den diversen Polizeisperren, die das Gelände rund um die Moschee weitläufig absichern, hatten sich bereits Stunden vor Beginn der Veranstaltung hunderte in Türkeiflaggen gehüllte Erdogan-Fans versammelt. Sie wissen, dass sie nicht zur Moschee durchkommen werden, seien aber aus Prinzip hier, sagen zwei junge Männer, die ihren Namen nicht nennen wollen. Viele empfinden die kurzfristige Absage als Affront. Die Sicherheitsbedenken seien vorgeschoben, schimpfen viele, die Stadt gönne den Deutschtürken ihre Moschee nicht und habe keinen Respekt vor dem türkischen Staatspräsidenten.

          Erdogan der Beschützer

          Im Vorfeld der Eröffnung hatte sich die schlechte Stimmung zwischen Ditib und der Stadt Köln sowie der NRW-Landesregierung immer weiter hochgeschaukelt. Der Moschee-Verband hatte angekündigt, Ministerpräsident Armin Laschet und die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reger würden bei der Eröffnung anwesend sein. Beide sagten ihre Teilnahme aber ab, weil sie nicht vernünftig eingeladen worden seien.

          Die Zeremonie findet deshalb nun nur im Innenbereich der umstrittenen Moschee statt. Um 15 Uhr, der geplanten Anfangszeit der Veranstaltung, sind noch immer nicht alle Stühle besetzt. Es scheint fast so, als hätten sich selbst geladene Gäste von dem hin und her rund um die Feier abschrecken lassen. Dass es im Laufe der Jahre auch aus der deutschen Politik und Zivilgesellschaft immer wieder viel Unterstützung für den Moscheebau gegeben hatte, war bei vielen beleidigten Erdogan-Anhängern untergegangen. Die vom türkischen Staatspräsidenten immer wieder gerne propagierte Behauptung, seine Landsleute und Glaubensgeschwister würden in Deutschland nicht gut genug behandelt, stößt bei seinen Anhängern hierzulande schon seit vielen Jahren auf offene Ohren. Erdogan, und nicht etwa Kanzlerin Merkel oder Präsident Steinmeier, empfinden sie als ihren Beschützer. Deshalb finden sie es völlig angemessen, dass nun er und kein deutscher Politiker die Kölner Moschee eröffnet.

          Miyase Saniye Görkem ist aus Duisburg angereist, wo sie im örtlichen Ditib-Vorstand aktiv ist und deshalb eine der begehrten Einladungen ergattert hat. Sie findet die Diskussion um die Veranstaltung „viel zu politisch“. Dass um eine Moschee-Eröffnung, die doch ein freudiges Ereignis für die Gläubigen sei, so viel gestritten werde, sei schade. Den Ärger um Erdogans Teilnahme könne sie nicht nachvollziehen: „Er ist doch ohnehin gerade in Deutschland, da macht es doch Sinn, dass er heute hier dabei ist“, sagt sie. Auch deutsche Politiker hätte sie hier gerne gesehen, sagt sie, und wenn es stimme, dass diese nicht förmlich genug eingeladen worden seien, dann sei das ein Versäumnis. 

          Ein untrennbarer Teil der Geschichte

          Ein paar tausend besonders hartgesottene Erdogan-Fans stehen schon seit den Morgenstunden vor der Absperrung, die am nächsten dran ist an der Moschee. Immer wieder schallen ihre Sprechchöre bis zum Moscheegelände rüber. „Erdogan, Erdogan“, und „Türkiye, Türkiye“ rufen sie, hin und wieder sind Buhrufe zu hören. Wogegen sich diese richten, bleibt unklar.

          Die neue Moschee befindet sich in direkter Nachbarschaft zum Fernsehturm.

          Er wisse nicht, ob die zehntausenden Menschen, die sich außerhalb des Moscheegeländes versammelt hätten, ihn hören, aber er wende sich mit seinen Worten auch an sie, sagt Erdogan. Er wisse, dass auch sie ihn gerne gesehen hätten, sagt er, äußert sich aber sonst nicht zum Streit um den Ablauf der Zeremonie. Wohlwollend berichtet er von seinem Treffen mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Er wisse, wie positiv dieser seinen türkischen Mitbürgern gegenüberstehe, führt Erdogan an und beteuert, dass der Ministerpräsident gerne zur Eröffnung gekommen wäre - doch leider habe es im Vorfeld „Kommunikationsprobleme“ gegeben.

          Die Existenz dieser Moschee sei ein Zeichen dafür, dass die hier lebenden Türken ein untrennbarer Teil dieser Gesellschaft seien, sagte Erdogan. Er hoffe deshalb auf ähnliche Bauprojekte in anderen Teilen Deutschlands. Geräumige Gebetshäuser wie dieses würden auch dabei helfen, Frauen mehr in den Moschee-Alltag einzubinden. Denn dass diese bislang von den gemeinsamen Freitags- und Festtagsgebeten in den Moscheen ausgeschlossen seien, sei oft Platzgründen geschuldet und habe keine religiöse Basis.

          Doch noch kritische Worte

          Nach Appellen an seine Mitbürger, sich weiterhin zu integrieren und ihren Beitrag zur hiesigen Gesellschaft zu leisten, wagt Erdogan dann doch noch ein bisschen Kritik an der deutschen Politik. Dass diese die doppelte Staatsbürgerschaft für Deutschtürken so erschwert habe, sei ein Problem, das er mit den Verantwortlichen schon oft besprochen habe, sagt er und fügt gönnerhaft hinzu: „Wenn in der Türkei lebende Deutsche nach ein paar Jahren bei uns die türkische Staatsbürgerschaft verlangen würden, dann würde ich sie ihnen nicht verweigern.“ Auch den seiner Meinung nach laxen Umgang deutscher Behörden mit den „Terroristen der PKK und der FETÖ“ kritisiert Erdogan. So schlimm wie der Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz für die Deutschen gewesen sei, so schlimm sei jeder Terroranschlag der PKK für die Türken. Dass die Partner der Türkei türkische Gerichtsurteile nicht respektierten, sei nicht hinnehmbar.

          Ali Eras (l), Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet, hält das Abschlussgebet.

          Kurz vor Schluss seiner Rede erwähnt Erdogan dann auch noch die Affäre um den früheren Fußball-Nationalspieler Mesut Özil. Dass dieser ausgegrenzt und angefeindet worden sei, nur weil er ein Foto mit ihm, dem Präsidenten, habe machen lassen, sei für ihn schwer zu verdauen gewesen, sagt Erdogan und erzählt eine Anekdote: Einmal habe er sich gemeinsam mit Kanzlerin Merkel ein Länderspiel angeschaut, bei dem Özil ein Tor gegen die Türkei geschossen habe. „Ich habe mich nicht darüber geärgert, sondern gemeinsam mit Kanzlerin Merkel applaudiert, darum geht es doch beim Sport!“, ruft Erdogan. Es ist einer der wenigen Momente an diesem Abend, an dem Stimmung im Publikum etwas ausgelassener wird.

          Dann beendet Erdogan seine Rede mit einem Appell für Frieden, Sicherheit und gegenseitigen Respekt. Man dürfe nicht den Menschen das Feld überlassen, die aus Unterschieden Konflikte machen wollten, sagt er und wünscht allen Kölnern Frieden, Ruhe und Sicherheit. Es folgt ein vom Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet gehaltenes Abschlussgebet, dann bitten die Ordner darum, das Gelände möglichst schnell zu verlassen.

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