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Verschwörungstheorien : Wenn Politiker verleumdet werden

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Im Visier des Verfassungschutzes

Immer wieder stößt man im Netz auf diese Listen, über sie kommen die falschen Zitate überhaupt erst in Umlauf. In den Kommentarspalten werden sie kopiert und verbreitet, oft mit einem Link zur entsprechenden Seite. Die meisten Listen tragen die Worte „deutschlandfeindlich“ im Titel. Das erfundene Trittin-Zitat findet sich praktisch auf allen wieder. Diejenigen im Netz, die glauben, dass Deutschland abgeschafft wird und die Grünen das Land islamisieren wollen, hegen und pflegen diese Listen, sie teilen und aktualisieren sie. Kaum jemand macht sich aber die Mühe, eine solche Liste selbst zusammenzustellen. Man kopiert sie.

Eine der frühesten Listen findet sich auf der Website von Marc Doll. Der ist Mitbegründer der Partei „Die Freiheit“. Die rechtspopulistische und antiislamische Kleinpartei wird in Bayern vom Verfassungsschutz beobachtet. Am 14. September 2010 veröffentlichte Doll auf seiner Seite eine Liste mit dem Namen „Deutschland-feindliche Zitate von Deutschen“. Ganz oben auf der Liste stand das falsche Trittin-Zitat. Direkt darunter der angebliche Satz von Özdemir. Mit einem Link zu dem Interview, das Stürzenberger mit Susanne Zeller-Hirzel führte.

Stürzenberger und Doll kennen sich, sie waren beide in der „Freiheit“, sie haben beide auf „Politically Incorrect“ veröffentlicht – ebenso wie der anfangs erwähnte Michael Mannheimer. „Politically Incorrect“ ist ein Blog, der sich gegen eine angebliche „Islamisierung Europas“ richtet. Alle drei sind große Bewunderer der „Weißen Rose“, einer studentischen Widerstandsgruppe im Dritten Reich. Die Gruppe um die Geschwister Sophie und Hans Scholl druckte und verteilte Flugblätter, in denen sie die Verbrechen des Nazi-Regimes thematisierte. Dafür wurden mehrere Mitglieder zum Tode verurteilt. 2012 gründeten Doll, Mannheimer und Stürzenberger gemeinsam mit Zeller-Hirzel und Conny Meier, dem Geschäftsführer des antiislamischen Vereins „Pax Europa“, die „Weiße Rose“ neu.

Argumente, die man auch bei Pegida hört

Ein erstaunliches Unterfangen in einem Rechtsstaat, doch die Beteiligten sehen sich in der Tradition der Geschwister Scholl. Die Kernbotschaft der neuen „Weißen Rose“ lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Nazis waren im Grunde links. Sie sind wieder da und sitzen in Gestalt der Achtundsechziger in den Institutionen. Entsprechend ist der Pakt zwischen der Linken und der faschistoiden Ideologie des Islams folgerichtig.

Marc Doll hat seine Liste nach eigener Aussage selbst zusammengestellt. Die meisten anderen Listen im Netz gehen auf seine zurück. Oder sie sind glatte Kopien. Fragt man jedoch Doll, woher er das erfundene Trittin-Zitat hat, kommt die bekannte Antwort: Er weiß es nicht mehr. Erstaunlich. Denn Doll gehört zu einer Kerngruppe von Leuten, die wissen müssen, woher das falsche Zitat stammt und wie es verbreitet wurde.

Denn im Dunstkreis von „PI News“ und „Pax Europa“ kursiert ein 500 Seiten langer „Minority Report“ aus dem Jahr 2007. Untertitel: „Die zugelassene Islamisierung Europas“. These: Der Islam unterwandert die westlichen Gesellschaften, mit dem Ziel, sie zu unterwerfen. Und die Politiker, vor allem die Grünen, fördern das. In dem Text finden sich alle Argumente, die man heute auf Pegida-Demos hört. Auch das erfundene Trittin-Zitat steht darin: „Deutschland verschwindet immer mehr, und das finde ich schön – der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin.“ Die Website, über die man den Text runterladen konnte, war auf einen Funktionär von „Pax Europa“ registriert. Auch auf PI News wurde für den Text geworben. Außerdem verbreitet der Verfasser seinen „Minority Report“ selbst in verschiedenen Internetforen. Manchmal gibt er sich als Autor zu erkennen, lässt sich loben und verlinkt schadenfroh auf Seiten, auf denen über den Report gestritten wird. Manchmal tut er so, als sei er zufällig auf den Report gestoßen. Zum Beispiel in einem Diskussionsforum für Studenten.

Die Mitglieder von „Pax Europa“ wissen, wer der Autor ist, sie wollen es aber nicht verraten. Er ist zu feige, seinen richtigen Namen zu nennen. Im Netz nennt er sich „Frundsberg“. Es braucht halt nicht viel Mut, um einem Politiker Worte in dem Mund zu legen und ihn zu verleumden. Im Gegenteil: Es ist sogar sehr einfach.

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