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Verschwendung in Thüringen : Im Planschbecken der Förderpolitik

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Viele Thüringer Schwimmbäder haben nicht genug Gäste, um rentabel zu sein Bild: Hagmann, Roger

In Thüringen versuchen die Gemeinden, einander mit immer größeren Schwimmbädern zu übertreffen. Obwohl sich die Investitionen nicht lohnen, vergibt das Land weiter Fördermittel.

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          Es ist Sommer im Thüringer Wald. Die flirrende Luft duftet nach Heu, Pferde wiehern und in die sanft gewellte Mittelgebirgslandschaft schiebt sich ein helles Bauwerk - das Schwimmbad von Tabarz. Vor dem Gebäude kündet eine Tafel von der Erweiterung des örtlichen Wellness-Centers. Die Europäische Union und der Freistaat Thüringen verspricht den Badenden darauf, der Ausbau des örtlichen Schwimmbads sei eine „Investition in ihre Zukunft“.

          Wenn es nur so einfach wäre. Zauberhafte Orte wie Tabarz im Kreis Gotha verführen zum Träumen. Im 19. Jahrhundert hat sich Tabarz für die wohlhabenden Sommerfrischler herausgeputzt. Ansehnliche bürgerliche Bauten stehen bis heute neben der dörflichen Bebauung in gebogenen Gassen. Dazwischen liegen Grünflächen mit Gartenpavillons und Lesesäle. Theodor Fontane und Heinrich Hoffmann, der Erfinder des Struwwelpeters, verbrachten hier, im einzigen Kneippkurort Thüringens, ihre Ferien. Auch zu Zeiten der DDR war Tabarz mit einer Million Übernachtungen ein beliebter Kur- und Ferienort. Um diese Tradition fortzusetzen, baute Tabarz als erste Gemeinde in Thüringen nach dem Mauerfall ihr Schwimmbad aus - denn auch bei Regenwetter sollten die Urlauber Erholung finden. Das war kein falscher Gedanke, und mit seinen Therapieangeboten und einer „Turborutsche“ hat Tabarz mehr als ein Spaßbad.

          Bad an Bad

          Doch den Kommunalpolitiker ist das Lachen mittlerweile vergangen. Die Badeanstalt Tabbs Vital GmbH, ein Unternehmen der Gemeinde, hat in diesem Sommer zum zweiten Mal seit dem Ausbau Insolvenz angemeldet. Thüringen habe eben, wie die Grünen schon in den neunziger Jahre unkten, die „größte Spaßbaddichte“ in Deutschland. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums wurden dort bis 2009 in acht Erlebnisbäder und sieben Badeeinrichtungen in Kurorten 270 Millionen Euro investiert. Davon kamen 170 Millionen Euro aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur. Hinzu kamen Investitionen in die üblichen Freizeitbäder, von denen zahlreiche auch um Spaßfaktoren wie Rutschen bereichert wurden.

          Einst sollte um jedes dieser Erlebnisbäder ein Schutzradius von 50 Kilometer liegen, um eine staatliche Förderung erhalten zu können. Doch bald entstanden die Bäder immer enger beieinander. Keine Gemeinde wollte der anderen im Freizeitangebot nachstehen. Allein in nächster Nachbarschaft zu Tabarz bauten die Salzunger an der Grenze zu Hessen ihre Keltentherme aus, und der DDR-Ferienort Oberhof lockt nicht nur mit der Rennsteig-Therme, sondern auch im Hochsommer mit einem eisgekühlten Skitunnel. Die frühere Bezirkshauptstadt Suhl, die den Schrumpfungsrekord im Freistaat halten dürfte, hält mit ihrem Ottilienbad dagegen. Masserberg daneben hat ein Badehaus, Hohenfelden lockt keine halbe Autostunde östlich von Tabarz die Erfurter in seine Therme, Rudolstadt hat das Erlebnisbad „Saalemaxx“, und Mühlhausen, Gotha und Erfurt investierten ebenfalls in ihre Bäder.

          2002 zum ersten Mal insolvent

          Dabei hätte die Anlage von Tabarz eigentlich nicht gebaut werden dürfen. Die Gemeinde hätte den Fördermittelbescheid über 20 Millionen Euro in den neunziger Jahren wegen Überschuldung ablehnen müssen, sagt der Erste Beigeordnete des Kurortes Christian Theodor (SPD). Er vertritt Bürgermeister Matthias Klemm (SPD), der Mitte März erkrankte, als die jüngsten Schwierigkeiten mit dem Bad immer deutlicher zu Tage traten. „Aber“, fragen die Kommunalpolitiker heute, „wer lehnt schon einen Förderbescheid ab?“ Die vermeintlich ahnungslose Gemeinde klagte Jahre später gegen die Kommunalaufsicht, die alles genehmigt hatte, und verlangte den Zinsschaden von zwei Millionen Euro zurück, der ihr durch die eigene Überschuldung entstanden war. Sie setzte sich aber mit der Forderung nach Schadenersatz nicht durch, da der kleine Ort viel zu spät zur Besinnung gekommen war. „Heute müssen andere das Problem lösen“, sagt Timo Gallmüller, Leiter des Hauptamts und der Finanzverwaltung.

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