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Verockerung der Spree : Alles im Fluss

Blau ist eine Einstellungssache: Ein Fährmann im Wasser Bild: ZB

Im Spreewald ist das Wasser immer häufiger braun. Eisenhydroxid dringt in die Spree und verfärbt sie. Die Bürger kämpfen gegen die Verockerung.

          Langsam lichtet sich der Wald und gibt den Blick frei auf den glitzernden See. Schnee bedeckt das Ufer, eine Frau joggt an einem Schild vorbei: „Vogelschutzgebiet“. Falkner Schwarz steigt aus dem Auto, im Kofferraum liegt eine Angel. Er stapft durch den Schnee an die Wasserkante und fährt mit seiner Hand durch das eiskalte Wasser. Wann er hier das letzte Mal geangelt hat? „Noch nie, in diesem See lebt kein einziger Fisch“, sagt er. „Das ist eher Essig als Wasser.“ Auf dem Grund erkennt man eine rostfarbene Masse. Der See war früher mal ein Braunkohle-Tagebau. Als dieser ausgebeutet war, wurde er geflutet. „Eine todbringende Fracht wurde auf den Weg geschickt“, sagt Schwarz, der seit 45 Jahren im Spreewald angelt. Seit ein paar Monaten liegt die Rute im Kofferraum.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          „Ich kämpfe gegen die Verockerung der Spree“, sagt Schwarz. Verockerung? „Unsere Flüsse färben sich braun.“

          Schuld an der Verfärbung sind stillgelegte Tagebaue. Tagebaue wie der, vor dem Schwarz steht. Damit man die Braunkohle ausbeuten konnte, musste der Grundwasserspiegel abgesenkt werden. Durch den Kontakt mit Sauerstoff wurde sogenannter Schwefel- und Eisenkies zu Eisen und Sulfit. Nach der Stilllegung stieg das Grundwasser wieder an, und eisenhaltiges Wasser gelangte in die Flüsse. Eisenhydroxid, im Volksmund Eisenocker, färbte das Wasser braun.

          „Todbringende Fracht“ aus Tagebauen

          Verantwortlich für die Sanierung der stillgelegten DDR-Tagebaue, aus denen die „todbringende Fracht“ zum Großteil stammt, ist die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), die im Besitz des Bundes ist. Bereits 2009 gab die LMBV eine Studie in Auftrag. Das „Institut für Wasser und Boden“ schrieb im Abschlussbericht vom Mai 2010, dass in der Nähe des stillgelegten Tagebaus Burghammer eine deutliche Zunahme der Eisenbelastung registriert worden sei. Mehrfach seien Eisenkonzentrationen von bis zu 20 Milligramm pro Liter (mg/l) im Wasser gemessen worden. Ein Jahr später stellten Abgeordnete der Grünen im Landtag Brandenburg eine kleine Anfrage zur „Veränderten Gewässerqualität durch Braunkohletagebaue“. Die Landesregierung antwortete Anfang 2012, dass das eisenhaltige Wasser „infolge toxischer Wirkungen“ zur „Vernichtung der aquatischen Fauna“ führen könne. „Konzentrationen von 2 bis 3 mg/l an gelöstem Eisen können zu einem Komplettausfall der Fischbrut führen.“ Sichtbar ist eine Konzentration von ungefähr 3 mg/l an.

          Wie braun die Flüsse mittlerweile sind, kann man sich nur schwer vorstellen. Schwarz fährt deswegen seit ein paar Monaten Politiker und Journalisten durch den Spreewald. Die Tour beginnt im Brandenburger Ort Lübben, 50 Kilometer entfernt von Cottbus. Kraniche stehen auf einem Feld, über dem Wald kreist ein Steinadler. Das Auto nähert sich einem kleinen Kanal. „Hier haben wir vor zwei Jahren noch gefischt“, sagt Schwarz. Am Ufer glitzert der Schnee. Durch den Kanal fließt etwas, das mehr an flüssigen Rost erinnert als an Wasser. Schwarz fährt mit der Hand durch den Grund des Flusses. Auf seinen Fingern sammelt sich eine rostfarbene Masse. „Hier ist alles tot“, sagt er.

          „Früher konnte man hier die Fische sehen“

          Der Angler gründete im vergangenen November mit Mitstreitern das Aktionsbündnis „Klare Spree“. Sie haben 1600 Unterstützer, sagt er. Und sie haben sich Gehör verschafft: Ende Januar verabschiedeten alle Fraktionen im Brandenburger Landtag einen Entschließungsantrag und forderten die Regierung zum Handeln auf. Sie schrieben, dass die Verockerung der Spree „in großen Teilen das Ergebnis des Braunkohleabbaus“ sei, und forderten Sofortmaßnahmen. Außerdem verlangten sie von der Landesregierung, darauf hinzuwirken, dass „alle Studien zur Verockerung (...) im Internet veröffentlicht werden“.

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