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Verletzter Polizist in Leipzig : Keine Notoperation, aber ein „dringlicher“ Eingriff

Das Connewitzer Kreuz in der Silvesternacht. Bild: dpa

Die Polizei in Leipzig korrigiert ihre Darstellung, wie dringend ein Beamter an Silvester behandelt werden musste. Doch sie warnt auch davor, die Gewalt zum Jahreswechsel in Connewitz zu verharmlosen.

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          Es muss schon etwas Schwerwiegendes vorfallen, wenn der Bundesinnenminister sich eigens zu Wort meldet. Zwar ist davon auszugehen, dass die zunehmende Gewalt gegen Polizisten den Innenminister ohnehin umtreibt; für das Jahr 2018 weist die Kriminalstatistik bundesweit mehr als 33000 Fälle aus, in denen es zu Widerstand und tätlichen Angriffen gegen Vollstreckungsbeamte kam. Doch es passiert nicht alle Tage, dass ein Einzelfall von Gewalt ein derart großes öffentliches Interesse findet wie der jüngste Vorfall in Leipzig. In der Silvesternacht gingen mehrere mutmaßliche Linksextremisten im Stadtteil Connewitz auf Polizisten los, ein 38 Jahre alter Beamter wurde dabei schwer verletzt und musste ins Krankenhaus. „Den brutalen Angriff auf Polizeibeamte in Leipzig verurteile ich auf das Schärfste“, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) einen Tag später. Die Tat zeige, dass menschenverachtende Gewalt auch von Linksextremisten ausgehe, erklärte er. Einsatzkräfte verdienten „uneingeschränkten Respekt und Ansehen“.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Das ganze Land blickt also auf Connewitz, und so blieb es nicht lange verborgen, dass das Leipziger Polizeipräsidium seine Darstellung des Angriffs in der Zwischenzeit abgeschwächt hat. In einer ersten Stellungnahme vom Mittwochmorgen hatte es noch geheißen, dass der betroffene Polizist bei dem Angriff „so schwer verletzt wurde, dass er das Bewusstsein verlor und im Krankenhaus notoperiert werden musste.“ Am Donnerstagabend folgte dann eine zweite Mitteilung, in welcher die Polizei die Attacke zurückhaltender formulierte: Bei dem Angriff „wurde ein Beamter schwer verletzt und musste zur Behandlung in das Universitätsklinikum Leipzig verbracht werden, wo er stationär aufgenommen wurde.“

          Der Sprecher der Leipziger Polizeidirektion räumte am Freitag „unumwunden“ ein, dass die Darstellung vom Neujahrstag „offenkundig nicht ganz eindeutig gewesen“ ist. Zwar sei der Beamte durch den Angriff bewusstlos geworden und habe in diesem Zustand von der Straße gezogen werden müssen. Doch eine Notoperation war nicht erforderlich – sofern man darunter einen Eingriff versteht, von dessen Erfolg das Überleben des Patienten abhängt. „Es wäre besser gewesen, von einem dringlich erforderlichen Eingriff zu sprechen“, sagte der Polizeisprecher dieser Zeitung. Man kann das so verstehen, dass für den attackierten Polizisten keine unmittelbare Lebensgefahr bestand. Gleichwohl versuchte der Sprecher dem Eindruck entgegenzutreten, dass der betroffene Polizist wegen einer Kleinigkeit ins Krankenhaus gekommen sei. Wer wie einige Internetnutzer mutmaße, dem Beamten habe lediglich ein Ohrläppchen wieder angenäht werden müssen, „verkennt das Ausmaß der gegen ihn eingesetzten Gewalt“. Die Versorgung der Verletzung im Krankenhaus „war sofort zu veranlassen, weil sonst bleibende Schäden eingetreten wären“.

          Unterdessen hat die neue Ko-Vorsitzende der SPD, Saskia Esken, Zweifel an der Polizeistrategie in der Silvesternacht geäußert. Zwar verurteile die Partei den Gewaltausbruch, sagte Esken, es sei „schrecklich“, dass ein Polizist so schwer verletzt worden ist. „Im Sinne der Polizeibeamten muss jetzt schnell geklärt werden, ob die Einsatztaktik angemessen war“, sagte Esken den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Sollte das Vorgehen die Beamten unnötig in Gefahr gebracht haben, so liege die Verantwortung dafür beim sächsischen Innenminister. Diesen stellt, in Gestalt von Roland Wöller, die CDU.

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