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Neue Strategie gefordert : Was bringen Antikörpertests?

Antikörper sind seit Jahrzehnten zur Behandlung zahlreicher Erkrankungen im Einsatz. (Symboldbild) Bild: dpa

Da viele Corona-Infektionen symptomlos verlaufen, wissen die Betroffenen gar nicht, dass sie bereits Antikörper im Blut haben. Mit besseren Tests könnten sich daher viele Impfdosen sparen lassen. Doch so einfach ist die Sache nicht.

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          Die Empfehlung von BioNtech/Pfizer zu einer dritten „Booster-Impfung“ erhöht den Druck auf Politik und Behörden, Antikörpertests zum Nachweis des Immunstatus von Geimpften und Genesenen verstärkt in die Nationale Teststrategie aufzunehmen. Schon Anfang der Woche hatte der Dachverband der deutschen Diagnostikfirmen in einem eigenen Positionspapier eine „Neuausrichtung“ der Teststrategie des Bundes gefordert, um mehr Klarheit über die Immunitätslage in der Bevölkerung zu erhalten. Nach dem Willen europäischer Parlamentarier sollten Antikörpertests auch als Immunitätsnachweis für das digitale Covid-19-Zertifikat dienen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Initiative war allerdings an Brüssel und an Einwänden nationaler Regierungen – auch der deutschen – gescheitert. Für das Robert-Koch-Institut ist der indirekte Nachweis einer durchgemachten Infektion mit den Antikörpertests oder auch der Nachweis einer vorhandenen Immunität nach Impfung oder Infektion nicht aussagekräftig genug. „Nach derzeitigem Kenntnisstand lässt ein serologischer Nachweis SARS-CoV-2-spezifischer Antikörper keine eindeutige Aussage zur Infektiosität oder zum Immunstatus zu“, heißt es dort.

          Tatsächlich wächst der Bedarf, den eigenen Immunstatus zu kennen. „In jeder Woche werden mittlerweile Hunderttausende Antikörpertests im Land durchgeführt“, sagt der Vizevorstand im Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH), Thorsten Hilbich. Die Tests müssen auch von Kassenpatienten selbst bezahlt werden. Die Nachfrage gesteigert haben dürfte auch die in dieser Woche an der Universität Mainz vorgelegte Studie, wonach zu den durch Virennachweise erfassten 3,7 Millionen Covid-19-Genesenen viele unbemerkte Infektionen durch symptomlos Infizierte hinzukämen. Knapp vierzig Prozent der Infektionen erwiesen sich in der Mainzer Antikörper-Studie als asymptomatisch, was bedeutet, dass zu den Genesenen, die kaum etwas über ihren aktuellen Immunstatus wissen, Hunderttausende oder Millionen Bürger hinzukommen, die gerne wissen möchten, wie viele Impfdosen sie zu ihrem Schutz benötigen.

          Die Diagnostiklabore sehen das Angebot, mit Antikörpern mehr über den eigenen Immunstatus zu erfahren, laut Hilbich als „eine zusätzliche Motivation“, die der nationalen Impfkampagne zusätzlichen Schub verleihen könne. Im VDGH-Positionspapier sprechen die Firmen von dem „Momentum“, das genutzt werden sollte, um das Vertrauen in die Schutzimpfungen zu stärken. Zudem könnte durch die Aufnahme eines Antikörpernachweises und damit einer nachgewiesenen Immunität in den digitalen Impfpass die Impfstoffknappheit weiter verringert und könnten „stufenweise abgesicherte Lockerungsschritte“ begleitet werden.

          Zweifel der Fachleute

          Wie brauchbar die Antikörpertests dafür sind, wird aber derzeit nicht nur vom Robert-Koch-Institut in Zweifel gezogen. In vielen Ländern, unter anderen in den USA, warnen Wissenschaftler und Immunologen davor, die Aussagekraft der Antikörpertests zu überschätzen. Das Angebot an Schnelltests und laborbasierten professionellen Tests ist zwar gewaltig, für einige genügt schon ein Blutstropfen aus der Fingerkuppe, und mit Kosten von zehn bis mehr als dreißig Euro pro Test ist der Antikörpertestmarkt praktisch schon aufgebaut.

          Allerdings gibt auch Diagnostikexperte Hilbich zu bedenken, dass viele der Tests zwar die Mindestanforderungen der Weltgesundheitsorganisation erfüllen und bestimmte Antikörper im Blut nachweisen können, aber keine exakte Auskunft über den Immunschutz liefern. Überhaupt ist noch längst nicht klar, welche Schwellenwerte bei welchen Antikörpern und Immunzellen überschritten werden müssen, damit die betreffenden Personen auch wirklich vor einer Ansteckung geschützt sind.

          Als aussagekräftig gelten im Grunde nur solche Antikörper aus dem Blutserum, die gegen das Bindungsmolekül des Sars-CoV-2-Virus gerichtet sind und für die in Virus-Neutralisationstests nachgewiesen wurde, dass sie tatsächlich den jeweils kursierenden Erreger – und damit auch die Varianten – attackieren. Damit erhält man am Ende einen Testwert, der allerdings wegen der bei den Menschen individuell sehr unterschiedlichen Immunantworten keineswegs von allen Experten als ausreichend angesehen wird.

          Zudem halten Fachleute solide immunologische Aussagen über ein sich abschwächendes Immunsystem auch nicht für möglich, solange nicht etwa die zweite Abwehrschiene (T-Zellen) oder der zeitliche Verlauf der Antikörpermengen mit berücksichtigt wird. Solche Überlegungen spielen in der Nationalen Teststrategie bisher keine Rolle. Für Hilbich ein fatales Defizit: „Wir müssten bei steigenden Fallzahlen dringend über Strategien nachdenken, die vulnerablen Gruppen und insbesondere auch in Altenheimen systematisch zu testen.“

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