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Verkehrte Welt in Bayern : „Fast wia im richtigen Leben“

  • -Aktualisiert am

„Lady in red”: Bei der Opposition wächst die Zahl der Pauli-Verehrer fast stündlich Bild: AP

Stoiber ehrt Ho Chi Minh und Landrätin Pauli trägt Latex: Den Anspruch, die einzige wahre Volkspartei in Deutschland zu sein, erfüllt die CSU wieder einmal mit Leben. Von Albert Schäffer.

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          Ihren Anspruch, die einzige wahre Volkspartei in Deutschland zu sein, erfüllt die CSU wieder einmal mit Leben. Der Wählerschaft wird gegenwärtig ein Vollprogramm dargeboten, in dem sich alle Geschmäcker wiederfinden können - angefangen von der Fürther Landrätin Pauli, die in einer Zeitschrift mit Latexhandschuhen und Perücke posiert, über den scheidenden Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Stoiber, der in einer großen Abschiedstournee den Völkern Asiens Lebewohl sagt, bis zu Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer, der für eine „Neuausrichtung der Familienpolitik“ plädiert. Wobei Seehofer nicht jüngste Blüten des Boulevards meint, die sich um Gerüchte um ausgetauschte Schlösser in seiner Berliner Wohnung und seine angebliche Freundin ranken.

          „Fast wia im richtigen Leben“ - diesen programmatischen Satz Gerhard Polts, des großen Vordenkers des modernen Bayern, hat die CSU in der späten Ära Stoiber als ihren kategorischen Imperativ entdeckt. Plötzlich seien ihr bei einem Fototermin mit der Zeitschrift „Park Avenue“ Latexhandschuhe gegeben worden, schildert Pauli ihr Erweckungserlebnis; sie habe diese Idee „kreativ und künstlerisch“ empfunden. Schließlich sei es nicht verkehrt, wenn „der Träger einer Botschaft Aufmerksamkeit“ auf sich lenke. Wobei ihre Botschaft an sich nicht aus den gewohnten Mustern fällt: Sie stehe für ein höheres Amt zur Verfügung, sagt sie, die nicht mehr als Landrätin kandidieren will.

          „Sehr gezielte Fotoausschnitte“

          Die eigene Körperlichkeit als politische Marketingfläche zu nutzen, ist nicht ganz neu - Guido Westerwelle hat selbst seine Schuhsohlen der Republik als programmatische Aussage nicht vorenthalten. Mit Frau Pauli zeigt die CSU indes, was eine 50-Prozent-Partei von einer Fünf-Prozent unterscheidet. Eine weiße Bluse, schwarze Latexhandschuhe, die angeblich vor der Aufnahme noch eingeölt wurden, eine Perücke mit Pony, weil das, nach Frau Paulis Worten, „weicher, mädchenhafter“ wirkt - keine Frage, dagegen strahlten Westerwelles Schuhsohlen den Charme von Magermilch aus.

          Stoiber vor einer Marmor-Büste des Revolutions-Führer Ho Chi Minh

          Das Resümee der 49 Jahre alten Politikerin, die CSU müsse erkennen, was sie an ihr habe, ist dabei in seiner Vieldeutigkeit ein genialischer Kontrapunkt zur Eindeutigkeit des Latex-Looks. Denn seit diesem Fotoauftritt dürften die großen Stoiber-Stürzer Beckstein und Huber wissen, was sie an Frau Pauli haben.

          Auch wenn Frau Pauli nun über eine suggestive Überschrift - „Sankt Pauli“ - klagt, welche die Zeitschrift gewählt habe, verbunden mit „sehr gezielten Fotoausschnitten“. Mit Pauli als williger Projektionsfläche für die emotionalen-animalischen Affekte der Partei können Beckstein und Huber bis zum Wechsel im September an der Spitze von Staat und Partei ganz die getreuen Paladine geben, die Stoiber nur ablösen, weil es nicht anders geht. Und in dieser Funktion wird ihnen Frau Pauli nicht verloren gehen, sollte die Landrätin wahrmachen, was sie andeutet: Auf Dauer könne ihr Verhältnis zur CSU keine einseitige Liebe sein.

          „Damit hat sie sich selbst gerichtet“

          Bei den Oppositionsparteien wächst die Zahl der Pauli-Verehrer jedenfalls fast stündlich; der bayerische SPD-Vorsitzende Stiegler preist das „späte Erlebnis, als schöne Frau in einem Magazin abgelichtet zu sein“.

          Stieglers Lob ist nach natürlich nicht uneigennützig. Ganz einfach könnte es für CSU-Anhänger nicht sein, mit der neuen Ikonographie der CSU zurecht zu kommen. Nicht alle werden gleich von eschatologischen Phantasien wie der CSU-Bundestagsabgeordnete Uhl befallen werden, die Frau Paulis Latex-Fotos mit den Worten kommentiert: „Damit hat sie sich selbst gerichtet“.

          Aber auch weniger gefestigte Naturen könnte die Orientierung schwer fallen, zumal wenn sie Bilder Stoibers sehen, wie er bei seiner Asienreise einen Kranz am Mausoleum des vietnamesischen Revolutionsführers Ho Chi Minh niederlegte. Er hätte sich selbst nicht vorstellen können, „dass ich hier mal einen Kranz niederlege“, ließ Stoiber wissen, schließlich habe er in seiner Studentenzeit Auseinandersetzungen mit Anhängern des Revolutionsführers gehabt.

          Frau Pauli streift die Latexhandschuhe über; Stoiber legt einen Kranz am Ho-Chi-Minh-Mausoleum nieder; Seehofer muss Fragen beantworten, ob es stimme, dass er mit einem Schlössertausch seine angebliche Freundin fernhalten wolle - die Diskurse an den CSU-Stammtischen dürften in nächster Zeit ungewohnte Bahnen gehen.

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