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Neue ICE-Bahnstrecke : Die schnellste Mitte Deutschlands

Projekt der Wiedervereinigung: die Unstruttalbrücke bei Karsdorf Bild: dpa

Mit der Bahn in vier Stunden von München nach Berlin. Erfurt liegt in der Mitte und erhofft sich einen Aufschwung – andere Städte sehen sich als Verlierer. An diesem Freitag wird die Strecke feierlich eröffnet.

          Zum Leidwesen seines Fahrers nutzt Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein schon heute manchmal den Zug, wenn er Termine in Berlin hat. Künftig wird er das wohl immer tun. Denn mit dem Fahrplanwechsel am Sonntag, an dem die Bahn ihre neue Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen München und Berlin in Betrieb nimmt, werden auch zwischen Erfurt und Berlin deutlich häufiger Züge auf der schnellen Direktverbindung fahren. Und auch wenn der Fokus jetzt auf München und Berlin liegt, die bald im besten Fall nicht mal mehr vier Zug-Stunden voneinander entfernt sind, hofft vor allem Erfurt von der Lage in der neuen Mitte zu profitieren. „Für Erfurt ist das ein unglaublicher Schub“, sagt Bausewein. „Jede halbe Stunde kommt dann hier ein ICE an.“ Und alle halbe Stunde fährt auch ein ICE weg. Die Stadt hofft, dass die Leute dann nicht nur ganz schnell wieder wegwollen aus Erfurt, sondern dass sie hier ankommen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          25 Jahre hat es gedauert bis zur Einweihung des „Verkehrsprojekts Deutsche Einheit Nummer 8“. Insgesamt 40 Milliarden Euro flossen in die Reihe von Ausbauprojekten nach der Wiedervereinigung, allein zehn Milliarden Euro in die schnelle Bahnverbindung zwischen Berlin und München – ein Superlativ in der Rangliste der deutschen Infrastrukturprojekte. Die letzte Teilstrecke wird jetzt eröffnet: die Neubaustrecke zwischen Erfurt und Ebensfeld (bei Bamberg). Eigentlich hätte alles viel schneller gehen können, doch vor allem wegen der hohen Kosten verfügte die rot-grüne Bundesregierung 1999 einen Baustopp. Jahrelang war Stillstand, erst 2006 ging der Bau weiter. 2015 wurde dann die Neubautrasse zwischen Erfurt und Halle eröffnet. Für Projektleiter Olaf Drescher ist die Eröffnung am Sonntag ein Feiertag – und der Beweis, dass in Deutschland trotz der Schwierigkeiten um Stuttgart 21 und den Berliner Hauptstadtflughafen BER „Großprojekte doch gehen“.

          Der Weg durch den Thüringer Wald zählt zu den anspruchsvollsten der ganzen Trasse, sie verläuft hier fast zur Hälfte auf Brücken oder durch Tunnel, manche nennen das die „längste U-Bahn Deutschlands“ – Umweltschützer mit einem kritischen Unterton. Die Deutsche Bahn rechnet ganz genau vor: Es sind allein auf dem 107 Kilometer langen neuen Teilstück 22 Tunnel mit einer Länge von insgesamt 41 Kilometern und 29 Brücken mit einer Länge von insgesamt zwölf Kilometern. Die meisten Thüringer sehen die Sache positiv. Das Projekt werde nicht nur Thüringen, sondern die Bundesrepublik in ihrem Verkehrsverhalten verändern, sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke), der die Linie schon vor dem offiziellen Start Probe fahren durfte. „Rund 20 Millionen Passagiere werden durch die neue Strecke beeinflusst werden“, prognostiziert Ramelow. „Mit dem ICE-Knoten werden Thüringen und Erfurt zur schnellsten Mitte Deutschlands.“

          Die Bahn spricht vorsichtiger von 17 Millionen Menschen, die künftig schneller und komfortabler reisen sollen. Denn nicht nur Bahnfahrer aus Leipzig, Halle und Erfurt gewinnen Zeit. Auch der Verkehr von Ost nach West wird schneller, das hilft Reisenden nach Hamburg, Frankfurt und Stuttgart. Von Leipzig aus kommen Reisende künftig alle zwei Stunden ohne Umsteigen nach Mannheim, Stuttgart oder Ulm. Zwischen Berlin und Frankfurt wird vom 10. Dezember an alle halbe Stunde ein ICE fahren – ein Fortschritt, auch wenn einige Sprinter dann rund 15 Minuten langsamer fahren. Auch Städte wie Magdeburg oder Dresden, die nicht unmittelbar an der neuen Schnellfahrstrecke liegen, profitieren durch kurze Umstiegszeiten in Halle, Leipzig oder Erfurt von der neuen Verbindung. Hier reduziert sich die Fahrzeit nach Angaben der Bahn um mindestens eine Stunde.

          „Wir sind wie ein Staubsauger“

          Die Deutsche Bahn muss alle Anschlüsse neu abstimmen. Am 10. Dezember kommt es deshalb zur größten Fahrplanumstellung der zurückliegenden Jahrzehnte. „Das Projekt hat historische Ausmaße“, sagte Bahnchef Richard Lutz. „Das ist die größte Angebotsverbesserung für unsere Kunden seit der Bahnreform 1994. Deutschland rückt näher zusammen.“ Gut ein Drittel aller Züge auf dem 33.000 Kilometer langen deutschen Schienennetz fahren von Sonntag an anders getaktet als bisher. Die Anspannung vor dem Konzern ist groß. Und die wirtschaftlichen Erwartungen sind es auch.

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