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Verhältnis zur Türkei : Regierungspolitiker gelassen wegen Folgen der Völkermords-Einstufung

Eine Demonstration von Armeniern im April 2015 in Berlin. Bild: Reuters

Der Bundestag will die Verbrechen der Türkei an den Armeniern künftig als Völkermord bezeichnen. Regierungspolitiker rechnen gegenüber der F.A.S. mit keinen gravierenden Konsequenzen. Die Türkei versucht, Abgeordnete unter Druck zu setzen.

          Union und SPD rechnen nicht mit gravierenden Folgen, wenn sie die türkischen Verbrechen an den Armeniern im Bundestag als Völkermord einstufen. Die beiden Fraktionen wollen am Donnerstag einen solchen Antrag gemeinsam mit den Grünen beschließen. Der für Außenpolitik zuständige stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Unionsfraktion, Franz Josef Jung, sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.): „Ich kann die ganze Aufregung nicht so recht verstehen: Schon vor einem Jahr haben sowohl der Bundestagspräsident als auch der Bundespräsident die Verbrechen eindeutig als Völkermord bezeichnet, und damals hat die Türkei auch nicht überreagiert. Warum sollte es jetzt anders sein?“ Der CDU-Politiker bekräftigte, „dass wir die Türkei nicht auf die Anklagebank setzen wollen. Es geht uns nicht darum, dass die türkische Regierung eine Schuld am Völkermord eingesteht, sondern dass sie sich zu ihrer historischen Verantwortung bekennt.“

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Etwas vorsichtiger äußert sich Jungs Kollege Rolf Mützenich, der dasselbe Amt in der SPD-Fraktion ausübt, gegenüber der F.A.S.: „Wie die Türkei reagiert, ist schwer einzuschätzen, vor allem wegen Erdogan. Anders als in Frankreich geht es uns aber nicht darum, die Leugnung des Völkermords unter Strafe zu stellen.“ Ende 2011 hatte Ankara deshalb seinen Botschafter aus Paris abgezogen; außerdem durften französische Militärflugzeuge nicht mehr auf Flugplätzen des Nato-Partners landen.

          Die Türkei versucht derzeit, die Abstimmung des Bundestags zu beeinflussen. So versendeten mehrere türkische Organisationen über ihre Verteiler ein vorformuliertes Schreiben, das Türken in Deutschland an Abgeordnete weiterleiten sollen. Darin wird vor einer Anerkennung des Völkermords gewarnt. Ein solcher Beschluss wäre „Gift für das friedvolle Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken hierzulande, aber auch in der Türkei“, zitiert die F.A.S. aus dem Schreiben, das ihr vorlag. Verwiesen wird darin auf die mehr als 30.000 Deutschen, die sich in der Region Antalya niedergelassen haben. Abgeordnete berichteten der F.A.S., dass sie in den letzten Tagen sehr viele Mails dieser Art bekommen hätten, allerdings auch Zuschriften von armenischer Seite.

          Für Samstagnachmittag haben türkische Gruppen zu einer Kundgebung in Berlin aufgerufen, um gegen die Völkermord-Resolution zu protestieren.

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