https://www.faz.net/-gpf-7lpx1

Vergangenheitsbewältigung : An westlichen Schulen spielt der Holocaust eine zentrale Rolle

  • Aktualisiert am

Höchst unterschiedliche Darstellungen in unterschiedlichen Ländern: der Holocaust im Schulunterricht Bild: dpa

Erstmals sind in einer internationalen Studie Schulbücher und Lehrpläne daraufhin untersucht worden, wie in ihnen der Holocaust dargestellt wird. Die Vielfalt sei „ungemein“, sagte Studien-Koordinator Fuchs.

          2 Min.

          Fast jedes Schulbuch und jeder Rahmenlehrplan zur Zeitgeschichte in aller Welt erwähnt den Holocaust, aber in unterschiedlicher Tiefe und vor allem mit unterschiedlicher nationaler Einbettung. Die erste Studie, die die Bedeutung des Holocaust in der schulischen Bildung in 125 Ländern ausgewertet hat, wird an diesem Montag in Paris vorgestellt.

          Das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig und die UN-Sonderorganisation Unesco haben gemeinsam Lehrpläne aus 125 Ländern und Schulbücher aus 26 Ländern ausgewertet.

          Nirgends, auch nicht in arabischen Ländern oder in Iran, wird der Holocaust in Schulplänen geleugnet oder gar gerechtfertigt, lautet ein Ergebnis der Studie. Die Vielfalt der Darstellungen aber sei „ungemein“, sagt der Koordinator der Studie und stellvertretende Direktor des Georg-Eckert-Instituts, Eckhardt Fuchs. Er sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Holocaust werde als „deutsches Phänomen“ dargestellt – eine „kosmopolitische Erinnerungskultur“ an den Holocaust gebe es, anders als teils in der wissenschaftlichen Forschung seit spätestens einem Jahrzehnt, aber nicht.

          Rolle normaler Bürger kaum thamatisiert

          Die Mitverantwortung „normaler“ Bürger, die Rolle anderer europäischer Länder bei der Judenverfolgung und -deportation oder andere Opfergruppen der Nationalsozialisten finden ebenso wenig Beachtung wie Versuche, Juden zu retten. Ebenso wird jüdische Geschichte in den Jahren vor 1933 und nach 1945 fast nirgends dargestellt und so auf zwölf Jahre verengt - anders ist das nur in israelischen, begrenzt auch in amerikanischen und ausgeprägt in deutschen Schulbüchern und Rahmenlehrplänen. Zu den Empfehlungen der Studie wird zählen, die Rolle des jüdischen Bürgertums in der deutschen und mitteleuropäischen Kultur stärker hervorzuheben.

          In westlichen Ländern spielt der Holocaust im Geschichtsunterricht eine zentrale Rolle, obwohl er als Begriff etwa in den Lehrplänen in Spanien, der Türkei und einigen Schweizer Kantonen nicht erwähnt wird. In anderen Ländern wird er verankert im Kontext des Zweiten Weltkriegs, von Menschenrechtsthemen oder von anderen Völkermorden. In mehreren Ländern wird er eingebettet in nationale Erfahrungen. Ruanda bezieht den Holocaust auf den Völkermord im eigenen Land 1994 und chinesische Schulbücher auf das Massaker durch japanische Besetzer 1937, das sie als dem Holocaust vergleichbaren Völkermord einstufen.

          Darstellung vor eigenem Erfahrungshorizont

          Im Irak und in den angrenzenden Ländern des Nahen Ostens wird der Holocaust ausgeblendet oder mit unscharfen Begriffen gezeichnet („die von den Nationalsozialisten verursachten Zustände der Unterdrückung“). In Indien wird die Darstellung variiert je nach Hintergrund der Autoren. Nationalistischen Hindus nahestehende Autoren erwähnen den Holocaust nicht und preisen die „kompromisslosen nationalen Ideale“ der Nationalsozialisten.

          Andere vergleichen den indischen Befreiungskampf mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus oder stellen Gandhis Versuche dar, auf Hitler Druck auszuüben. In russischen Schulbüchern wird der Holocaust nicht ausgeprägt behandelt, wozu der eigene latente Antisemitismus nicht nur zu Zeiten Stalins beitragen mag.

          Weitere Themen

          Frankreich lockert Beschränkungen

          Corona-Auflagen : Frankreich lockert Beschränkungen

          „Der Höhepunkt der zweiten Welle ist vorbei“, sagt Frankreichs Präsident Macron in seiner Fernsehansprache. Einige Corona-Auflagen sollen fallen, andere werden angepasst.

          EU sichert sich weitere Impfdosen Video-Seite öffnen

          Corona : EU sichert sich weitere Impfdosen

          Die EU-Kommission hat einen Vertrag über 160 Millionen Corona-Schutzimpfungen mit dem amerikanischen Hersteller Moderna geschlossen.

          Bund wollte schärfere Auflagen

          Corona-Maßnahmen : Bund wollte schärfere Auflagen

          In Geschäften sollen weniger Menschen einkaufen und Quarantäneauflagen schärfer kontrolliert werden. So sah der Forderungskatalog des Bundes vor den Beratungen mit den Ländern aus. Auch sollen die Ferien früher beginnen.

          Topmeldungen

          Hildburghausen in Thüringen

          Corona in Ostdeutschland : Hildburghausen schließt sich ein

          Lange gab es im Osten kaum Corona-Fälle, doch nun häufen sich dort die Infektionen. Ausgerechnet während des „Lockdown light“ steigen die Zahlen teils dramatisch. Einen Landkreis in Thüringen trifft die Pandemie besonders stark.
          Scheinbar kühlschranktauglich: der in Oxford entwickelte Corona-Impfstoff

          Anti-Corona-Serum aus Oxford : Haben die Briten den Impfstoff für alle?

          Es passt nicht in das britische Selbstverständnis, dass deutsche und amerikanische Forscher zuerst einen Impfstoff präsentiert haben. Also preist man im Königreich die Kühlschranktauglichkeit der Substanz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.