https://www.faz.net/-gpf-8h69j

Verfall des Milchpreises : Mit der Kälte eines Molkereitanks

Viele Kühe machen Mühe: Manche Molkereien zahlen nur noch 18 Cent für das Kilo Milch. Bild: dpa

Über das Schicksal der Bauern entscheidet der Verbraucher. Auch die Orientierung nur am Preis hat einen Preis: das Verschwinden einer ganzen Kultur.

          1 Min.

          Auf den Verfall der Milchpreise kann man mit der Kälte eines Milchtanks in der Molkerei schauen und sagen: So ist das eben in der Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Wer die billigere Konkurrenz nicht schlagen kann, muss sich eben eine andere Beschäftigung suchen. Das ist auch schon anderen Branchen widerfahren. Und profitieren nicht die Verbraucher vom Preiskampf in den Kühlregalen der Supermärkte?

          All das stimmt. Die Sammlung der Argumente, die man jedenfalls einem französischen Milchbauern nicht ohne Gefahr für Leib und Leben vortragen dürfte, zeigt freilich auch, wie wenig die deutschen Konsumenten das Schicksal „ihrer“ Bauern noch interessiert. Wie sollte es das auch, wo doch die Läden und Märkte voll sind mit billigem Joghurt, Gemüse und Fleisch aus aller Welt? Dass es einmal anders war, daran können sich nur noch die Ältesten erinnern. Und dass es auch wieder einmal anders werden könnte, das will sich so gut wie keiner vorstellen. Doch hielt man es nicht auch für undenkbar, dass Grenzen in Europa abermals mit Gewalt verschoben werden und die Bundeswehr wieder aufgerüstet werden muss?

          Putin jedenfalls wäre froh, wenn Russland einen größeren Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln hätte, die man bedenkenlos essen kann. Aber auch noch aus anderen Gründen liegt die Erhaltung der bäuerlichen Landwirtschaft in Deutschland im Gemeininteresse. Die Bauern erhalten die Kulturlandschaft. Die Familienbetriebe sind oft die letzten ökonomischen, sozialen und auch politischen Stabilisatoren in strukturschwachen Gebieten. Nicht zuletzt führen sie jedem, der es noch wissen will, vor Augen, dass die Milch nicht aus der Retorte kommt und der Schinken nicht aus dem Enzymbackofen der Fleischindustrie.

          Die deutschen Bauern haben schon harte Anpassungsprozesse hinter sich, aber noch schwerere Zeiten vor sich. Die Politik, die Milliarden in den langsamen Abschied vom Bergbau steckte, will nun mit Millionenhilfen die Brutalität des Preisverfalls mildern. Die Entscheidung aber, wie viele deutsche Bauern nach diesem Überlebenskampf noch auf ihren Äckern wirtschaften werden, trifft ein anderer: der Verbraucher. Er sollte nicht übersehen, dass auch die reine Orientierung am Preis einen Preis hat, einen hohen dazu. Aufgegebene Bauernhöfe werden zu Ruinen. Mit ihnen stirbt eine ganze Kultur.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Weitere Themen

          Nichtgeimpfte sollen Tests künftig selbst zahlen Video-Seite öffnen

          Scholz : Nichtgeimpfte sollen Tests künftig selbst zahlen

          SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz spricht sich in der Gesprächsreihe „Brigitte Live“ für Tests für Reiserückkehrer aus. Dabei betont er auch, dass freiwillig Nichtgeimpfte ihre Tests „dann irgendwann selber zahlen müssen.“

          Topmeldungen

          Hand in der Tasche, Hände zur Raute: Recep Tayyip Erdogan und Angela Merkel beim Nato-Gipfel Mitte Juni in Brüssel.

          Brief aus Istanbul : Flüchtlingserpressung geht immer

          Der türkische Präsident weiß, wie er den Westen packt: Nun nutzt Erdoğan das Versagen Europas und der USA in Afghanistan aus. Damit er in der Türkei weiter machen kann, was er will.
          Offenherzig: Pilot und Beiflieger sitzen in der Breezy im Freien und atmen dank des Heckmotors frische Luft.

          Fliegen in der Breezy : Ein Flugzeug zum Selberbauen

          Carl Friedrich Schmidt ist Musiker – und begeisterter Flieger. Für seine zweite Leidenschaft hat er sich deshalb ein eigenes Flugzeug gebaut. Mit einem Bausatz von Piper, Wankelmotor und viel Hingabe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.