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Verena Becker : Eine offene Wunde

Wird der Prozess gegen Verena Becker Aufschluss bringen? Unklar ist, wer die tödlichen Schüsse auf Generalbundesanwalt Buback abgab - belastet wird nun auch Stefan Wisniewski (rechts). Bild: dpa

Hat sie auf Buback geschossen, das Motorrad gefahren oder war sie gar nicht dabei? In dieser Woche beginnt der Prozess gegen Verena Becker. Unklar ist vor allem, wer die tödlichen Schüsse abgab - belastet wird nun auch Stefan Wisniewski.

          Offen lagen ihre handschriftlichen Notizen herum. Darunter ein kleiner vorgedruckter Arztzettel mit dem Untertitel: „Eine Chance mehr für ihre Patienten.“ Mit der Hand hatte Verena Becker offenbar daruntergeschrieben: „Nein, ich weiß nicht, wie ich für Herrn Buback beten soll (hier ist womöglich der Sohn gemeint), ich habe wirklich kein Gefühl für Schuld und Reue. Natürlich würde ich es heute nicht wieder machen. Aber ist es nicht armselig, so zu denken und zu fühlen? Das scheint noch ein weiter Weg zu sein.“ Die Notiz trägt das ebenfalls handschriftlich vermerkte Datum 07.04.08. Das war der Jahrestag des Attentats auf Generalbundesanwalt Buback 1977.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Von Donnerstag an muss sich Verena Becker vor dem Oberlandesgericht Stuttgart wegen Beteiligung an der Tat verantworten, mehr als 30 Jahre danach. Unklar ist vor allem, wer die tödlichen Schüsse auf Buback in Karlsruhe abgab. Gerüchte gab es stets, genannt wurden viele Namen. Am Montag erst vermeldete der Onlinedienst des „Spiegel“, er wollte in Erfahrung gebracht haben, dass Stefan Wisniewski geschossen habe. Die früheren RAF-Mitglieder Silke Maier-Witt und Peter-Jürgen Boock sollen Wisniewski in Interviews mit „Spiegel TV“ belastet haben. Doch Gewissheit gibt es nicht. Dabei ist der Mordfall Buback gut aufgeklärt, Täter wurden schon vor Jahren zur Rechenschaft gezogen.

          Aber nicht wenige Untaten der RAF sind immer noch ungesühnt: Wer sprengte 1989 den Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, in die Luft? Wer erschoss 1985 den Manager Ernst Zimmermann in Hörweite seiner Frau? Wer tötete 1986 den Diplomaten Gerold von Braunmühl auf offener Straße? Wer gab am Ostermontag 1991 die tödlichen Schüsse auf den Treuhand-Chef Detlev Rohwedder durch das Fenster seines Hauses ab? Das Auslöschen jener und anderer Repräsentanten von Staat und Wirtschaft war lange in Vergessenheit geraten, nur nicht bei den Angehörigen und den wenigen Ermittlern, die diese Akten nicht schließen.

          Die Leichen von Generalbundesanwalt Siegfried Buback (links), und dessen Fahrer liegen nach dem Attentat am 7. April 1977 auf dem Pflaster in Karlsruhe.

          Man verpfeift sich ungern

          Die moderne Technik macht es möglich, dass sich auch noch nach Jahrzehnten Spuren finden. Eine zweifelhafte DNA-Spur in einem Motorradhelm mündete in die Ermittlungen gegen Verena Becker, die deshalb unlängst wegen Mordverdacht im Fall Buback abermals verhaftet wurde. Angestoßen wurden die neuen Untersuchungen freilich durch Äußerungen von Peter-Jürgen Boock, der sich wiederum durch die privatermittlerische Tätigkeit des Buback-Sohns Michael ermuntert fühlte. Es ist jedenfalls bezeichnend, dass die neuen Ermittlungen auf Äußerungen eines ehemaligen Terroristen zurückgehen. Die RAF als Organisation hat sich längst für aufgelöst erklärt. Doch die Ehemaligen entscheiden maßgeblich darüber, was man über sie erfährt.

          Man verpfeift sich ungern, muss womöglich heute noch Angst haben, bei Sympathisanten als Verräter zu gelten. Selbst der redselige Boock, der schon früher Wisniewski als einen möglichen Buback-Todesschützen ins Gespräch brachte, schweigt bis heute über den Mörder des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer. Der mittlerweile aus der Haft entlassene Christian Klar konnte durch die Bundesanwaltschaft rechtlich nicht zum Aussagen gebracht werden; der Antrag auf Erzwingungshaft scheiterte letztlich. Und schließlich Verena Becker: Auch sie hält offenbar weiterhin Kontakt zu anderen Ehemaligen, man tauscht sich aus. Aber man schweigt gegenüber dem Staat.

          Droht Verena Becker eine Verurteilung? Die Bundesanwaltschaft stützt sich auf eine Gesamtschau der Umstände. Dazu zählen vor allem Spuren Verena Beckers auf sieben von zehn Laschen von Briefen und auf Briefmarken, mit denen die damaligen Bekennerschreiben verschickt wurden. Hieraus ergibt sich eine so gut wie sichere Zuordnung. Wie bei allen DNA-Proben beweist das freilich nur, dass Verena Becker die Briefe angefasst, die Marken abgeleckt hat - aber noch nicht, dass sie auch Mittäterin war.

          Doch darf nicht vergessen werden, dass die Bundesanwaltschaft schon früher lange gegen sie ermittelte. Auch die Karlsruher Behörde geht freilich bisher nicht davon aus, das Frau Becker Buback damals von dem von den RAF-Terroristen benutzten Motorrad aus selbst erschoss. Zwar war das unmittelbar nach der Tat vermutet worden, Zeugen hatten eine „zierliche Person“ auf dem Soziussitz der Suzuki gesehen. Doch ließ sich dieser Verdacht nicht erhärten; die Ermittlungen wurden nach drei Jahren eingestellt, Verdachtsmomente wegen Mittäterschaft blieben bestehen. Doch ein Haarfund im Motorradhelm bestätigte Frau Beckers Beteiligung gerade nicht.

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